Tourismus

Schtetl in den Alpen

In voller Montur: der Vater des Fotografen Foto: Benyamin Reich

Ich treffe meinen Bruder Chaim und seine Frau Lea in Zürich. Auf ihrem Weg in den Ferienort Saas-Fee suchen sie nach Geschenken, die sie ihren Kindern mitbringen können, wenn sie wieder nach Hause fliegen. »Wie viele Kinder habt ihr?«, frage ich meine Schwägerin. »Zehn«, antwortet sie, »ohne bösen Blick.« Erfolglos bei der Suche nach erschwinglichen Mitbringseln fragen wir einen Anwohner, ob es in der Nähe einen günstigeren Spielzeugladen gibt. Die Reaktion: Verwunderung.

Schließlich fahren wir ohne Geschenke auf hohen Schweizer Landstraßen weiter. Vom Ausblick erbaut und angeregt, steigt mein Bruder Chaim unterwegs aus dem Auto und beginnt, die mächtigen Berge im Hintergrund bestaunend, laut ein altes jiddisches Lied zu singen. Sein langer roter Bart weht im Wind. Ich male mir aus, was die vorbeifahrenden Schweizer denken mögen.

Torastudium
Auch Charedim fahren in den Urlaub –ultraorthodoxe Juden, wie man sie in Deutschland selten, häufig aber in Israel, Westeuropa und den USA antrifft. Um neue Kräfte für das alltägliche Leben des Torastudiums, Arbeitens und Festefeierns zu finden, führt nicht wenige Charedim die Reise in die Schweiz. Hunderte von charedischen Familien fahren jedes Jahr in die Alpen und verteilen sich in den schneebedeckten Bergregionen der Eidgenossenschaft.

In der provisorischen Synagoge des Erholungsortes Saas-Fee, die sich in einem Raum des Parkhauses an der Stadteinfahrt befindet, wurden das Bima-Pult, Torarollen, hebräische Gebetsbücher sowie religiöse Literatur ordentlich vorbereitet. Schimon, der Gabbai, der provisorische Synagogenhelfer, ist den Ankommenden behilflich. Er erklärt, dass die Stadtverwaltung dieses Zimmer zur Verfügung stellt, um den Bedürfnissen der Beter entgegenzukommen. Dazu können für die Zahlung einer Summe von 60 Schweizer Franken einige Bücher sowie koschere Milch erworben werden.

Minjanim Allein am Morgen versammeln sich zu verschiedenen Zeiten drei Minjanim. Nach dem sich anschließenden Frühstück besteigen viele Charedim die Berge der Umgebung, um die Wunder der Schöpfung aus einer Höhe von bis zu 4500 Metern zu bestaunen. Auf einem der Berge begegne ich Iti und Dewori, zwei Mädchen aus Israel, 18 und 20 Jahre alt. Es ist das erste Mal, dass sie sich außerhalb des Heiligen Landes aufhalten, erzählen sie mir.

»Wir sind mit unseren Großeltern gekommen. Viel Geld haben wir durch Babysitten verdient, um uns den Flug leisten zu können.« Iti berichtet von ihrer Freude, endlich angekommen zu sein. Schon lange träumt sie davon, die Alpen zu sehen. Doch ist es hier nicht zu teuer? »Wir bringen unser eigenes Essen mit, denn hier ist ja nichts koscher«, sagt die 18-Jährige.

Mimi und ihr Mann kommen bereits seit zehn Jahren jeden Sommer nach Saas-Fee. »Ich habe die kleine Ortschaft noch nie so voll gesehen«, sagt Mimi.

Mikwe »Als wir zum ersten Mal hierherkamen, waren wir die einzigen frommen Juden. Damals hatte ich noch ein schlechtes Gefühl dabei und dachte: ›Was tun wir hier unter all den Nichtjuden?‹ Doch jetzt ist es wirklich wie ein kleines Schtetl geworden, mit einem Gebetsraum und einer Mikwe. Auch das städtische Schwimmbad hat beschlossen, feste Stunden einzuführen, in denen Männer und Frauen getrennt baden können, nur für uns. Das ist sehr entgegenkommend!«

Am Schabbat laufen die chassidischen Männer mit ihrem Strejmel herum, dem großen runden Pelzhut. Die Einwohner haben sich bereits daran gewöhnt, doch Touristen drehen sich oft noch ein zweites Mal um. Schimon, der Gabbai, hat die charedischen Ortsgäste bereits darauf hingewiesen, dass sie, sofern möglich, bitte nicht mit ihren Strejmeln spazieren gehen mögen, da dies leider die Umwelt verstöre und zu viel Aufmerksamkeit errege.

Ich dagegen, der Fotograf, mache mir das Motiv zunutze und vereinbare mit meinem Vater, einem Rabbiner aus Israel, ihn mit seinem Strejmel auf einem Gipfel der Umgebung aufzunehmen. Nach dem Morgengebet und dem späten Frühstück machen wir uns auf den Weg und kommen gegen zwölf Uhr in den luftigen Gefilden an. Außer seinem Hut zieht er für mich auch noch ein Paar Skier an. Einige von dem Anblick verdutzte Charedim kommen aus der Ferne, um diese Sensation zu beobachten.

Gastronomie
Danach stapfen mein Vater und ich weiter, hoch zum Restaurant, wo ich ein kaltes Bier bestelle. Der freundliche Inhaber kennt mich bereits und nutzt die Gelegenheit, um bei uns zu sitzen und meinem Vater verschiedene Fragen zu stellen: »Warum tragt ihr diese seltsamen Hüte? Wieso ist es euch verboten, hier zu essen? Glaubt ihr an Jesus?«

Am nächsten Tag bringe ich zur Entlastung meines Vaters einen anderen Rabbiner mit – meinen Bruder Chaim. Diesmal wird die Frage aufgeworfen, ob es möglich wäre, jeden Sommer einen koscheren Teil im Restaurant zu eröffnen – vielleicht sogar das höchstgelegene koschere Restaurant der Welt. Doch Chaim erklärt ihm die Umstände, die ein solches Unterfangen mit sich bringen würde. Die Verwirklichung dieser Idee steht daher noch aus. Später gehe ich mit dem Sohn eines Admors von Belgien, einer chassidischen Leitfigur, Rabbiner Elieser, und seiner Frau spazieren. Sie segnen mich und geben mir ihre Adresse, damit ich ihnen einige Bilder schicke.

»Warum ausgerechnet die Alpen?«, frage ich plötzlich. »Was macht diese Gegend so besonders als Ausflugsziel, gerade in Abgrenzung von anderen auf der Welt?« Eine klare Antwort bekomme ich nicht, doch sie erzählen mir, dass der Brisker Rebbe Velvel Soloveitchik (1886–1959), eine führende Persönlichkeit des osteuropäischen und später des israelischen Judentums, jedes Jahr in die Schweiz fuhr, um Urlaub in den Bergen zu machen.

Dies, so der »Brisker«, sei sogar trotz des klassischen jüdischen Verbots, das Land Israel zu verlassen, wenn man einmal in diesem wohne, gestattet. Denn die Alpen zu sehen, sei eine Mizwa, ein göttliches Gebot, um die Größe des Schöpfungswerkes zu bestaunen. Verlasse der Mensch nämlich einst, im Idealfall nach 120 Jahren, diese Welt, werde er von Gott, dem höchsten Richter, in der Versammlung der Engel gefragt, ob er auch die Wunder der Welt gesehen habe. »Damit man aber etwas darauf antworten kann, sollte man in die Schweiz fahren«, empfiehlt Rabbiner Elieser.

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