USA

Schidduch online

Dem einen ein Graus, für den anderen Gewohnheit: Partnersuche im Internet. Für die amerikanisch‐jüdische »Generation Y«, geboren 1983 oder später, die Geburtstagsgrüße per SMS verschickt und Freunde und Familie via Facebook auf dem Laufenden hält, erscheint ein Besuch auf dem virtuellen Heiratsmarkt alles andere als abwegig. Sie hat sich daran gewöhnt, ihre Bedürfnisse mit einem Mausklick befriedigen zu können, lässt sich Kleidung und Kaffee nach Hause liefern, tätigt Geldgeschäfte online und bestellt Konzertkarten zum Selbstausdrucken.

Aber auch jüdische Singles über 30, ob verwitwet oder verschmäht, nutzen das Internet, um Kontakte zu knüpfen. Denn während sich Einladungen zu Hochzeits‐ und Beschneidungsfeiern häufen und aus Cocktailpartys Krabbelgruppen werden, verschwinden immer mehr Singles vom Markt – und mit ihnen die Gelegenheiten, andere Alleinstehende zu treffen. Und derer gibt es viele.

dilemma »Obwohl jüdische Singles heute in einer Zeit leben, in der die jüdische Gemeinschaft kontinuierlich expandiert, haben sie immer größere Schwierigkeiten, Mr. oder Mrs. Right zu treffen«, beschreibt die kanadische Familienberaterin Suzanne Zettel in einem Beitrag auf der Dating‐Website sawyouatsinai.com das Dilemma. Schuld daran sind demografische und soziologische Aspekte: die Gewöhnung an ein hauptsächlich nichtjüdisches soziales Umfeld, aussterbende jüdische Gemeinden in ländlichen Gegenden und der Mangel an Zeit und Gelegenheit, im Alltag neue Bekanntschaften zu schließen – geschweige denn, den Partner fürs Leben zu finden.

Das Phänomen ist vor allem in amerikanischen Großstädten wie New York zu beobachten, weiß Arnie Singer. Der Rabbiner aus Teaneck, New Jersey, ist nicht nur Seelsorger, sondern auch Beziehungsberater, Buchautor und – seit vier Wochen – Ehestifter. Der Name des jüngst von ihm geschaffenen Datingportals, jzoog.com (hebräisch für »Paar«), ist Programm: Singer, erklärter Gegner von konfessionell gemischten Ehen, will ausschließlich jüdische Singles verkuppeln. Eine schwierige Mission, weil sie, wie er beklagt, »oberflächlich« sind, »sich nicht binden wollen«, »unrealistische Erwartungen« haben und es ihnen »im Grunde egal ist, ob ihr Partner jüdisch ist oder nicht«.

Singer befürwortet Online‐Dating als eine Alternative zur persönlichen Suche, weil er an »bashert« glaubt, den von Gott vorbestimmten Partner: »Was, wenn dieser in einer anderen Stadt oder sogar in einem anderen Land lebt? Online‐Dating hilft, ihn oder sie zu finden«, sagt Singer.

Während JDate, die mit rund 750.000 angemeldeten Benutzern vermutlich größte jüdische Dating‐Website, ausdrücklich auch nichtjüdische Singles zulässt, erlaubt Jzoog nur denen einen Zugang zur Webseite, die ein Facebook‐Profil haben und sich dort (oder während der Anmeldung bei Jzoog) ausdrücklich als »jüdisch« erklärt haben. Das Login via Facebook soll außerdem die Authentizität des Anmelders verifizieren und Personen ausschließen, die die Seite ohne ernsthaftes Interesse durchstöbern wollen. »Die Angst vor erfundenen Profilen verursacht Frustration und schreckt viele Benutzer ab«, sagt Singer.

Foto Jzoog übernimmt von Facebook Alter, Wohnort, die Zahl der »Freunde« (mindestens 25) und die aktuellsten fünf Fotos (die aber nachträglich im Profil gelöscht werden können). Laut Singer ist »ein gutes Foto« überhaupt der Schlüssel zum Erfolg: »Amerikanische Männer gehen zu 80 Prozent nach dem Aussehen«, behauptet der Jzoog‐Gründer. »Darum haben wir in den USA eine Scheidungsrate von 50 Prozent.«

Aber verstärkt Singer mit seinem Rat diesen Trend nicht noch? »Sehen Sie, ich kann die Menschen nicht ändern oder erziehen – ich muss mich mit der Realität auseinandersetzen«, sagt er. »In Städten wie New York geht es einfach vor allem um Aussehen und Status.«

Etwas Erzieherisches hat der Rabbiner allerdings doch umgesetzt: Jeder Jzoog‐Benutzer sieht immer nur ein Profil nach dem anderen. Erst wenn er sich per Mausklick auf die entsprechende Option von »contact« bis »block« für Top oder Flop entschieden hat, wird der/die nächste Kandidat/in sichtbar. Damit will sich Singer bewusst von kommerziellen Webseiten wie JDate unterscheiden, die seiner Meinung nach die »Shopper«-Mentalität der Nutzer fördern. Jonathan (42) aus Atlanta hat Jzoog ausprobiert und ist skeptisch: »Ein so langwieriger Prozess schreckt viele ab.«

paare Dass es Singer in der Tat um Paare und nicht um Profit geht, will er auch damit zeigen, dass eine Anmeldung bei Jzoog kostenlos ist. Bezahlt wird nur die erste Kontaktaufnahme (ein Dollar), »um dem Initiator sein Tun bewusst zu machen«. Eine weitere Besonderheit, auf die Singer stolz ist, ist das sogenannte Matchmaker‐Login. Damit kann jeder, jüdisch oder nicht, seine alleinstehenden Freunde virtuell verkuppeln, allerdings ohne selbst mit den ausgewählten »Matches« in Kontakt treten zu können. »Ich bin der Auffassung, dass sich jeder dafür einsetzen sollte, jüdische Ehen zu stiften«, erklärt der Rabbiner.

Dieses Motto mag auch Cory Azriliant bewogen haben, iDateJu.com ins Leben zu rufen, eine Datingplattform mit einer etwas anderen Philosophie. Sie dient dazu, vor allem in der eigenen Stadt Menschen mit gleichen Interessen zu finden, seien es Squashpartner, Partybegleiter oder eben einen Ehepartner in spe. »Unsere Botschaft ist: Gemeinsame Aktivitäten führen zu dauerhaften Beziehungen, seien es Freundschaften oder Ehen«, sagt Azriliant.

Anders als bei Jzoog sind auf iDateJu auch nichtjüdische Besucher willkommen. Und da es nicht vornehmlich um Partnersuche im engeren Sinn geht, können sich auch all diejenigen anmelden, die in einer festen Beziehung leben. Das Portal ist allerdings noch nicht vollständig ausgereift und läuft derzeit im Beta‐Status. Der eigentliche Sprung ins Netz ist für Anfang 2014 geplant.

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