Finnland

Ruf des Nordens

Auf dem Hof des jüdischen Gemeindezentrums in Helsinki fliegt der Fußball zwischen kickenden Kinderbeinen hin und her. Es ist Mittagspause in der jüdischen Schule. Finnische und hebräische Zurufe vermischen sich im ausgelassenen Spiel der Neun- bis Elfjährigen. Es ist eng, überall lagern Stapel von Baumaterial. Das 105 Jahre alte Gemeindezentrum mit Schule, Kindergarten und Altenheim wird gerade umgebaut und modernisiert.

Die stattliche Synagoge, die das jüdische Kultur- und Gemeindehaus von der Straßenseite her verdeckt, ist bereits vor fünf Jahren renoviert worden, als die Gemeinde – neben der in Turku die einzige in Finnland – ihren 100. Geburtstag feierte. Die ockerfarbene Jugendstilfassade der Synagoge, der weiße schmiedeeiserne Zaun davor und das Koscher Deli nebenan fügen sich dezent in das Straßenbild auf der Malmenkatu im Trendviertel Kamppi ein. Ein bisschen so, wie die finnischen Juden in die Mehrheitsgesellschaft, in Kulturleben und Politik. Polizeischutz gibt es an der Malmenkatu nicht, nur einen Pförtner und eine kleine Sicherheitsschleuse in den Hof. Das Eingangstor hängt etwas schief in den Angeln und klemmt, aber auch das wird noch erneuert.

Pisa-Studie Die Modernisierung sei sehr wichtig, sagt Dan Kantor (56), Geschäftsführer der Gemeinde, »vor allem für die Schule«. Denn schließlich müsse sie nicht nur die Erziehung in jüdischer Religion und Kultur gewährleisten, sondern auch im Wettbewerb mit dem vielfältigen Angebot an Bildungsmöglichkeiten in Finnland mithalten. Das Land ist – die jährliche Pisa-Studie belegt es – der Primus unter den Schulsystemen weltweit. Davon profitiert auch die jüdische Schule, die einzige im Land, denn sie wird vom Staat subventioniert. Die Klassen sind klein, je zehn Schüler bis zur neunten Jahrgangsstufe. Insgesamt 90 werden in der jüdischen Ganztags- schule von 15 – vor allem nichtjüdischen – Lehrern unterrichtet. Hinzu kommen drei bis vier Stunden Hebräisch pro Woche sowie jüdische Geschichte und Religion.

Die kleine Gemeinde mit nur 1.200 Mitgliedern befindet sich in einem Veränderungsprozess. Vor allem bezüglich der Demografie, sagt Kantor: »Vor 30 Jahren war das eine ganz andere Gemeinde als heute. Damals waren die meisten Mitglieder sogenannte Kantonisten. Ihre Wurzeln lagen in Russland und den baltischen Ländern.« Kantonisten nannte man jüdische Soldaten in der Armee des russischen Zaren. Sie waren nach Finnland zwangsrekrutiert worden, nachdem das Land 1809 Teil des russischen Imperiums geworden war. Die jüdischen Familien in Finnland waren Nachkommen dieser Soldaten. Die Gemeinde wurde 1906 gegründet, also noch vor der finnischen Unabhängigkeit im Jahr 1917. Im Zweiten Weltkrieg kämpften finnische Juden paradoxerweise Seite an Seite mit deutschen Wehrmachtssoldaten gegen die Sowjetarmee, und die Finnen nahmen ihre Juden in Schutz.

Kantonisten Bis vor 20 Jahren bildeten die Kantonisten und ihre Nachfahren die Mehrheit in der Gemeinde, die allerdings immer weiter schrumpfte. »Anfang der 80er-Jahre hatten wir nur noch 800 Mitglieder, und in der Schule lernten ganze 60 Schüler. Die Zukunft sah düster aus«, sagt Kantor, dessen eigene Vorfahren über Russland aus Polen kamen. Mit dem Zerfall der Sowjetunion 1991 und Finnlands EU-Beitritt 1995 nahm der Zuzug sowjetisch-jüdischer Familien zu.

Obwohl die Gemeinde nach orthodoxem Ritus geführt wird, ist der größte Teil der Mitglieder säkular, und in den meisten Ehen gibt es einen nichtjüdischen Partner. Das heißt, es gibt viele Kinder, deren Vater Jude ist, die Mutter aber nicht. Nach der Halacha sind sie keine Juden. Aber um zu überleben, hat die Gemeinde ein besonderes System aufgebaut: Wenn beide Elternteile ihr Kind jüdisch erziehen wollen, ist es in Kindergarten und Schule willkommen und bekommt im Bar- und Batmizwa-Alter die Möglichkeit zu konvertieren.

Integration Das Problem sei dennoch, die Eltern dazu zu bewegen, ihre Kinder in die jüdische Kita zu geben, sagt Kantor: »Früher war das selbstverständlich.« Heute tun es nur 50 Prozent. Dabei wird den neu zugewanderten Familien sogar mit ihrer eigenen Muttersprache geholfen. Die Kinder lernen schnell Finnisch, der Integrationsprozess laufe ruhig ab und ist für die Familien eine große Entlastung. Inzwischen hat die Hälfte der Schüler einen israelischen Hintergrund und spricht zu Hause Hebräisch. Seit etwa zehn Jahren zögen immer mehr Familien aus Israel nach Finnland, sagt Kantor. »Das hat uns gerettet.«

Die kleine Gemeinde ist sehr vital. Neben 60 Angestellten arbeiten viele Mitglieder ehrenamtlich mit, so wie die Schauspielerin Seela Sella. Die 75-Jährige ist in der Chewra Kaddischa aktiv, der Gruppe, die die Verstorbenen nach dem jüdischen Gesetz für die Bestattung vorbereitet. »Ich wasche die Körper für das Grab und lege sie in den Sarg«, sagt Sella. Sie tritt immer noch in Theaterstücken auf. Vor Kurzem war sie als Hannah Arendt auf der Bühne zu sehen. Auch im jüdischen Chor singt sie mit, und ihre Enkel spielen bei Makkabi Fußball.

Ein Stück Zukunft offenbart sich denn auch im frisch renovierten Koscher Deli »Zaafran« neben der Synagoge. Galith Nadbornik (26), gebürtige Französin und IT-Fachfrau bei Nokia, und die israelische Anwältin Lee Aloni (32) haben den koscheren Laden von der Gemeinde übernommen, als er aus Kostengründen verkleinert werden sollte. Die zwei Frauen, die mit finnischen Juden verheiratet sind, leben seit sechs Jahren in Helsinki. Beide erwarten gerade ihr zweites Kind. So ganz nebenbei haben sie – »wir sind Workaholic-Mütter« – das Koscher Deli zu einem beliebten Treffpunkt gemacht – für alle, die im kühlen Norden mit Hummus und anderen Spezialitäten einen Hauch von Mittelmeer genießen wollen.

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