Spanien

Rettender Name

»Ich habe überlebt, weil ich einen typisch deutschen Vornamen hatte und sehr aggressiv war«, sagt Siegfried Meir. Im Alter von neun Jahren wurde er 1943 als einer der letzten Frankfurter Juden nach Auschwitz deportiert. Dort verlor er seine Eltern, überlebte Mengeles Typhus-Behandlung, den Todesmarsch nach Mauthausen, fand unter den inhaftierten Spaniern seinen Adoptivvater, ging nach der Befreiung mit ihm in ein Dorf bei Toulouse – und sprach nie wieder Deutsch.

Chansons Das war nicht immer einfach, denn der heute 76-Jährige, der seit Langem auf Ibiza lebt, hat auch mit deutschen Touristen viel Kontakt. 1967 kam er auf die Baleareninsel, da hatte er in Frankreich gerade seine Karriere als Chanson-Sänger beendet. Aus der Zeit ist ihm die enge Freundschaft zu Georges Moustaki geblieben. Ibiza war der Treffpunkt der europäischen Hippies, und Siegfried Meir hatte eine Geschäftsidee: »Ich lieh mir von den Hippies deren bunte Umhänge und Hosen aus Indien und entwarf daraus ganz neue Kreationen mit einfachen Stoffen.« Seine Schneiderausbildung half ihm dabei. Und so wurde Meir einer der ersten Modeschöpfer des Ibiza-Stils.

Etwa zur gleichen Zeit eröffnete er eine Crêperie, weitere Restaurants folgten. Unter seinen Kunden waren auch immer wieder Deutsche. »Ich habe meine Kellner an ihre Tische geschickt«, sagt er.

Spanien ist seine Heimat geworden, seit der Spanier Saturnino Navazo ihn im KZ Mauthausen als seinen Sohn ausgab: »Dein Name ist Luis Navazo, und du kommst aus Madrid«, schärfte er ihm ein, denn als Jude hätte er kaum überlebt. Die deutsche Staatsangehörigkeit legte Meir ab, er wurde staatenlos und erhielt in Frankreich Asyl.

Moustaki Von Mauthausen war er zusammen mit seinem Adoptivvater in ein südfranzösisches Dorf gekommen. »Die Leute hatten vom Krieg nicht viel mitbekommen«, berichtet Meir. »Sie sagten: ›Erzähl uns, wie das alles war.‹ Aber sie konnten es überhaupt nicht verstehen und sagten: ›Du übertreibst, das kann doch nicht sein.‹ Da habe ich beschlossen, für immer zu schweigen.« Auch wenn er später als Sänger auf die tätowierte Nummer auf seinem Arm angesprochen wurde, wollte er nichts sagen. Erst sein Freund Moustaki brachte ihn zum Sprechen. Daraus entstand das gemeinsame Buch Sohn des Nebels. Jüdische Erinnerungen.

Seitdem fällt es Siegfried Meir leichter, über seine Erfahrungen in zwei Konzentrationslagern zu berichten. Er hielt Vorträge vor Schulklassen in Madrid, lernte eine Journalistin kennen, die seither an seiner Biografie arbeitet. Und er beteiligte sich an Filmdokumentationen über spanische Häftlinge in deutschen KZs. Seit einigen Monaten arbeitet der Filmemacher Luis Ortas aus Mallorca an einem Dokumentarfilm über Meirs Leben. Demnächst soll er fertig sein und dann im Regionalfernsehen von Mallorca laufen. Der Streifen rollt Siegfried Meirs Leben von der Gegenwart aus auf.

»Es macht Spaß, mit ihm zu arbeiten«, sagt Regisseur Luis Ortas, »Siegfried wollte schließlich mal Schauspieler werden.« Aber das klappte trotz Schauspielunterricht nicht, denn er hatte ein zu trauriges Gesicht. Auschwitz und Mauthausen haben ihre Spuren hinterlassen. Die Erinnerung an die Zeit davor ist praktisch ausgelöscht. »Ich war lange wütend auf meinen Vater, weil er uns nicht gerettet hat, sondern nur auf Gott vertraute«, sagt Meir. »In Auschwitz habe ich gesehen, dass Gott mich nicht beschützt, wie es mir eingetrichtert worden war. Da begann ich, alle Religionen zu hassen.«

Locken Der neunjährige Siegfried schrie und trat um sich, als ihm die blonden Locken abgeschnitten werden sollten. Das gefiel den KZ-Wärtern. Womöglich rettete ihn auch sein Name. »Vielleicht wollten mich meine Eltern damit schützen«, sagt Meir. Sie hatten wohl erkannt, was sich zusammenbraute. In seiner Haut spürt er nach wie vor die Wut des neunjährigen Jungen auf seinen Vater, der kurz nach der Ankunft in Auschwitz von den Nazis totgeprügelt wurde. »Ein KZ will ich nie wieder sehen«, sagt er entschieden. Oft erhalte er Einladungen zum gemeinsamen Besuch mit anderen Überlebenden. Aber das sei wie mit der deutschen Sprache – diesen Erinnerungen geht er aus dem Weg.

Bonn/Berlin

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