USA

Rätselhafte Denkfabrik

Jüdischer Selbsthasser oder moralische Instanz? J-Street-Direktor Jeremy Ben-Ami

Was ist »J Street«? Vor zwei Jahren war die Antwort noch einfach – es kam nur darauf an, wo man politisch stand. Für die einen war J Street eine Ansammlung von linksradikalen Antizionisten, die sich die Maske von Friedensfreunden übergezogen hatten. Jeremy Ben‐Ami, der Direktor dieser Denkfabrik in Washington, war nach dieser Lesart der schlimmste Heuchler von allen: ein eingefleischter jüdischer Selbsthasser, der sich als moralische Instanz inszenierte. Für die anderen war J Street endlich die heißersehnte linksliberale Alternative zu AIPAC, eine Möglichkeit, gegen die Besatzungspolitik und gleichzeitig proisraelisch zu sein.

Nach der Jahreskonferenz, die J Street vor ein paar Tagen abgehalten hat, wird die Einordnung dieser Denkfabrik ins vertraute Links‐Rechts‐Schema ein bisschen schwieriger. Das liegt vor allem daran, dass Jeremy Ben‐Ami sich im Vorfeld gegen eine Initiative des Journalisten Peter Beinart wandte, der bis gerade eben noch als J Streets Graue Eminenz gegolten hatte.

Belohnung Beinart hatte einen Boykott von Waren aus dem Westjordanland gefordert, und Jeremy Ben‐Ami hatte einen solchen Boykott abgelehnt – mit einem pragmatischen Argument: Es sei nicht hilfreich, Leute zu verärgern, deren Verhalten man ändern wolle. Die Belohnung für diese Haltung war, dass Baruch Binah vor J Street auftrat, der in ziemlich hoher Position für die israelische Botschaft in Washington arbeitet. Seine Rede war dann zwar im Wesentlichen eine Scheltrede: Er warf den J‐Street‐Mitarbeitern Einseitigkeit vor. Aber er sprach sie auch als Freunde an, und dass er überhaupt vor J Street auftrat, war – wie Israels ehemaliger Premierminister Ehud Olmert festhielt, der auch bei J Street sprach – ein »historischer Moment«. Das Publikum ließ die Rede übrigens ohne den geringsten Zwischenruf über sich ergehen und dankte anschließend mit dünnem Applaus.

Jene, die J Street für eine antizionistische Tarnorganisation halten, werden es künftig ein bisschen schwieriger finden, ihre Meinung zu begründen. Umgekehrt erleben jene echten Antizionisten, die in J Street einen Verbündeten gesehen haben, wohl gerade einen furchtbaren Augenblick der Enttäuschung. Insgesamt darf man wohl von einer fruchtbaren Verwirrung sprechen.

Friedensphrasen Zur Eröffnung sprachen Stav Shaffir, Amos Oz und Michael Bitton. Shaffir, eine rothaarige junge Frau, die zu den Organisatoren der sozialen Protestbewegung in Tel Aviv gehört, bezeichnete sich als Erbin der »verrückten schönen Träume der Zionisten«. Bitton sprach als Bürgermeister von Jerucham, einer »Entwicklungsstadt« im Negev mit enormen Problemen. Und der Schriftsteller Amos Oz sagte das, was er immer sagt: Es geht um eine Scheidung zwischen Israelis und Palästinensern, um einen Kompromiss, um eine pragmatische Lösung, nicht um sentimentale Friedensphrasen. Wir brauchen zwei Staaten für zwei Völker. Make peace, not love.

Allerdings gehört die Zwei‐Staaten‐Lösung längst auch zur Raison d’Être bei der politischen Konkurrenz, also bei AIPAC. Und über die wirklich drängende Frage der Gegenwart, nämlich den Konflikt mit dem Iran, hatte Amos Oz nur dieses zu sagen: »Es gibt im Iran eine säkulare, demokratische Mittelschicht. Diese Mittelschicht hat das Régime zum Feind, nicht Israel. Es gibt im Iran den politischen Willen und das Know‐how, eine Bombe zu bauen. Politischen Willen und Know‐how kann man nicht bombardieren. Ich würde es für einen Fehler halten, den Iran anzugreifen.«

Iran Das alles klingt vernünftig, lässt aber eine Frage offen: Was tun, wenn der Iran die Bombe erst einmal hat – und der gesamte Nahe Osten sich dann nuklear bewaffnet?

Eine Diskussionsgruppe beschäftigte sich mit der Frage, wie man Juden dazu bringen könne, bei den Präsidentschaftswahlen in diesem Jahr die Demokraten zu wählen. Ein Teilnehmer dort eröffnete seinen Redebeitrag mit der Formel: »Ich bin ein jüdischer Republikaner – und komme in Frieden.« Ein Redebeitrag bei der diesjährigen J‐Street‐Konferenz wurde sogar auf Hebräisch gehalten. Der Sprecher war Raleb Majadele, der früher für die Arbeitspartei in der Knesset saß – ein arabischer Israeli.

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