Frankreich

Nizza nach dem Terror

Unter Schock: Trauernde auf der Strandpromenade Foto: dpa

Noch nie hat ein einzeln handelnder Täter in Europa so viele Menschen auf einmal ermordet. 84 Tote und 256 Verletzte forderte die Amokfahrt des 31-jährigen Mohamed Lahouaiej Bouhlel. Er raste am Donnerstagabend vergangener Woche im südostfranzösischen Nizza mit einem 19 Tonnen schweren Lkw in die Menschenmenge, die das Feuerwerk zum französischen Nationalfeiertag betrachtete.

Unter den Opfern sind auch zwei jüdische Frauen: Raymonde Mamane (77) und ihre Schwester Clara Bensimon (80). Wie die ultraorthodoxe Zeitung Hamodia meldete, erlag Mamane am Sonntag in einer Klinik ihren Verletzungen. »Sie war eine wunderbare Frau und ein Familienmensch«, sagen Bekannte. Bensimon lag bei Redaktionsschluss am Dienstag noch immer im Koma. Wie französische Medien berichteten, mussten ihr infolge der Verletzungen beide Beine amputiert werden.

Psychologen Wie aus Gemeindekreisen verlautete, waren unter den Verletzten insgesamt mindestens fünf Juden. Im Gemeindezentrum »Jean Kling« in der Avenue Jean Médecin wurde eine Betreuungsstelle eingerichtet. Dort können traumatisierte Opfer und Angehörige mit Psychologen und Psychiatern sprechen.

Frankreichs Oberrabbiner Haïm Korsia schrieb wenige Stunden nach dem Anschlag über Twitter: »Ich bin mit ganzem Herzen bei den Menschen in Nizza. Meine Gebete und Gedanken sind bei ihnen.« Gemeinsam mit dem Consistoire Israélite rief Korsia dazu auf, die Trauerpsalmen 91, 121 und 130 zu beten. Die französisch-jüdische Dachorganisation CRIF (Conseil Représentatif des Institutions Juives de France) äußerte sich am Freitag in einer Presseerklärung: »Die Hydra des Terrorismus hat einmal mehr zugeschlagen. Mehr denn je hat die nationale Gemeinschaft solidarisch und stark zu sein. Die Bekämpfung des Terrorismus muss weltweit erfolgen.« Der Europäisch Jüdische Kongress (EJC) erklärte: »Es ist lebensnotwendig, entschlossen vereint zu bleiben, um die Geisel des Terrorismus zu besiegen. Denn wir wissen, dass er weder nachlassen noch auf seine mörderische Ideologie verzichten wird.«

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, reagierte erschüttert. »Der 14. Juli steht als französischer Nationalfeiertag für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Genau diese Werte wurden durch den gemeinen Anschlag in Nizza zutiefst verletzt. Dennoch dürfen wir nicht zulassen, dass die Angst vor dem Terror unser Leben bestimmt. Es ist nur wenige Tage her, dass Frankreich als Gastgeber der Fußball-EM Besucher aus aller Welt empfangen hat. Diese Herzlichkeit und Offenheit dürfen wir auch jetzt nicht aufgeben.«

Nizzas Chabad-Rabbiner Yossef Yitschok Pinson sagte der Jewish Telegraphic Agency: »Wir werden uns oder das Leben unserer Gemeinde nicht von der Angst beeinträchtigen lassen, ebenso wenig wie Frankreich es zulassen wird, dass die Angst vor Terrorismus unser Leben verändert.«

Touristen In Nizza leben etwa 25.000 Juden. Es gibt mehrere Synagogen und koschere Läden. Vor allem im Sommer ist die Stadt ein beliebtes Reiseziel für jüdische Touristen aus aller Welt.

Wie nach jedem Terroranschlag stellen sich Frankreichs Juden auch diesmal die Frage, ob es nicht besser wäre, nach Israel auszuwandern. Vergangenes Jahr machten rund 7800 Menschen Alija. Für 2016 wird nach Angaben der Jewish Agency ein Rückgang auf rund 6000 erwartet.

Nicht allen gelingt ein Neuanfang in Israel. Etliche kommen zurück. Laut jüngsten Angaben der Tageszeitung Le Monde soll die Rückkehrquote in Richtung Frankreich derzeit bei 15 bis 30 Prozent liegen. Bei vielen waren es vor allem wirtschaftliche und soziale Motive, die sie zum Auswandern bewogen hatten. Doch auch die Angst vor Terroranschlägen wird immer wieder als Grund für die Alija genannt.

Nach dem Anschlag von Nizza sagt die französische Jüdin Stella, die kurz vor dem Eintritt ins Rentenalter steht: »In diesen Tagen ist man vor Terroranschlägen leider nirgendwo mehr sicher. Es gibt Attentate in Tel Aviv genauso wie in Istanbul, Brüssel und anderswo.« Wie viele andere will Stella ihren Lebensort nicht von der Terrorgefahr abhängig machen. (mit kat/ksh)

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