Porträt

»Mein Leben ist Exil«

Der Schriftsteller Camille de Toledo wandert als Europäer zwischen Ländern, Sprachen und Kulturen

von Maxi Leinkauf  15.01.2018 16:13 Uhr

Camille de Toledo Foto: Maxi Leinkauf

Der Schriftsteller Camille de Toledo wandert als Europäer zwischen Ländern, Sprachen und Kulturen

von Maxi Leinkauf  15.01.2018 16:13 Uhr

Camille de Toledo, ein schmächtiger viriler Mann, mit Schirmmütze und Leinenjackett, sitzt auf dem Stuhl der kleinen Bühne im Deutschen Theaters. Und hält seinen Text in den Händen. Er soll ein paar Seiten aus seinem neuen Buch vortragen. Le livre de la fair et de la soif (»Das Buch vom Hunger und vom Durst«) ist bisher nur auf Französisch erschienen, ein paar Seiten wurden für die Lesung übersetzt. Es ist ein Labyrinth, eine Erzählung, Fabel und Mythos in einem.

Das Buch gleicht einer Odyssee durch Epochen, Religionen, Märchen. Transmed, eine Forschergruppe um das Centre Marc Bloch, hat diesen Lese- und Gesprächsabend organisiert. Sie beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit der Frage: »Wie kann man Europa vom Süden her neu entwerfen?« Das Mittelmeer und die europäische Krise, es gab Begegnungen und Debatten in Marseille und Neapel, Lissabon, Tunis, Istanbul und Athen. Nun soll es in Berlin und Paris weitergehen. »Beim Mittelmeer muss ich immer an meinen Vater denken«, sagt Camille de Toledo leise und auf Deutsch.

Der habe ihm als Kind aus Fernand Braudels Das Mittelmeer und die mediterrane Welt vorgelesen. Hinterher wird auf dem Podium noch lange über Europa diskutiert, da ist Camille de Toledo schon auf dem Sprung, er telefoniert eilig und verschwindet.

Camille de Toledo wurde als Alexis Mi­tal in Lyon geboren und war der Rebell aus reichem französischem Hause, dieses Bild schufen Zeitungen und sein Verlag. Er hatte 2005 das Pam­phlet Goodbye Tristesse veröffentlicht. Er war damals 29 Jahre alt. Und erzählte von einem Mann, »der keine Luft mehr bekommt«, der darunter leidet, dass es nichts mehr zum Revoltieren gibt, sein Umfeld sich in Zynismus verabschiedet hat und der Kapitalismus jede Subkultur schluckt und wieder ausspuckt – Marx auf Kaffeetassen, Punks in der Nike-Werbung.

protest Es ist das Porträt einer Generation zwischen Mauerfall und dem 11. September 2001 – ein politischer Essay, biografische Anekdoten mit gesellschaftlicher Analyse verknüpft, sogar die Fantasien des Silicon Valley kommen vor. Das Manifest hat sich 25.000-mal verkauft, »Le Monde« schrieb, es sei »hellsichtig und erstaunlich reif«. Das Buch wurde als Protest einer Generation gesehen, als romantische Kampfansage an den Zynismus, aber in Artikeln wurde meist die Herkunft des Autors thematisiert: Er stammt aus einer der reichsten Familien Frankreichs, ist Enkel des Gründers der Danone-Gruppe. Ob so jemand als Leitfigur einer linken Revolte tauge, fragte damals die »Zeit«.

An einem kalten Wintertag sitzt Camille de Toledo in einem Café in Prenzlauer Berg, er wohnt in der Nähe. Er betritt es mit einem Stapel Bücher in der Hand, er hält sie fest wie einen Schatz. Wieder die jeansblaue Schirmmütze, dicke Wollstrickjacke, sanfter französischer Weltschmerzblick. Er breitet seine Werke sorgsam auf dem schmalen ­Cafétisch aus, es sind lauter französische Titel. Wo ist sein populärstes Buch? »Ich habe es aus meiner Biografie gestrichen«, sagt de Toledo auf Französisch. »Ich bereue heute noch die Missverständnisse um das Buch.«

Die Reaktionen darauf hätten ihn verletzt, voyeuristische Zeitungsartikel. In den deutschen Medien stand, er sei Erbe, aber das stimmt nicht. Nur hat sein Großvater für dieses Unternehmen gearbeitet, und er war Manager. Das klebte an ihm, dieses Bild. Ein Autor, der mit 29 Jahren seine Epoche beschreibt, der sei Punk. »Aber ich möchte viel lieber über den anderen Teil meiner Biografie reden, den jüdischen.«

bruder Als die alte Welt einbrach, hat er eine neue entdeckt. »Alles hat mit meinem älteren Bruder zu tun«, erzählt Camille de Toledo. Der Bruder nahm sich 2005 das Leben. Sie sind zusammen in Versailles groß geworden, sind in den Wäldern Fahrrad gefahren, und die Kinder von Versailles zeigten mit Fingern auf seinen Bruder: »Ach, die Juden fahren Fahrrad! »Ich habe vor dem Tod meines älteren Bruders Jérôme nicht existiert«, sagt de Toledo, »es ist mein Schlüsselerlebnis, und ich habe einen Weg gefunden, mit dem ich überleben konnte.«

Als nach dem Tod des Bruders auch die Eltern starben, waren alle Gehhilfen kaputt. »Ich musste vor den Toten flüchten, um an einen Ort in Europa zu kommen, an dem ich nicht zu einer Gesellschaft gehöre«, sagt de Toledo. Er wollte jegliche Position der Macht verweigern. Auch die der Sprache.

Sein Bruder hingegen habe es nicht ausgehalten, in dieser Familie, diesem System, in dem es immer nur um Macht gegangen sei. »Er starb daran, dass er sich diese Welt, dieses Milieu, nicht vom Leib halten konnte. Es hat ihn aufgefressen.«
Die Großeltern einflussreiche Manager, die Mutter eine erfolgreiche und mächtige Journalistin, Chefredakteurin des Magazins »Nouvel Observateur«, mit allen Privilegien, der Vater ein bedeutender Filmproduzent.

Als er 15 war, zogen die Eltern mit ihm ins Zentrum von Paris, und Camille de Toledo kam aufs bürgerliche Elitegymnasium Henry IV. Er verstand nichts, nicht die Witze, nicht die Zitate, er fühlte sich fremd. Er kannte sie alle nicht, die Bücher, aus denen die Mitschüler zitierten. Er verschlang Derrida, Foucault, Musil, wollte Schriftsteller werden. Als kleiner Bruder habe er das Glück gehabt, beschützt zu sein, er konnte den umgekehrten Weg nehmen. Der Ältere musste erfolgreich sein, vor allem materiell. »Das war biopolitisch, das lag bei uns in der DNA.« Auch er sei auf Macht programmiert gewesen, aber ein älterer Bruder sei wie ein Schutz vor dem Leben. »Als er starb, wurde ich Waise.«

horizont Camille de Toledo hat dann selbst drei Kinder bekommen, sein Strohhalm. Er denke oft darüber nach, was eine Familie ist, eine soziale Bindung. »Was heißt es, wenn man an einem familiären System stirbt, das ein kapitalistisches System ist?« Camille de Toledo hatte einen Großonkel, der war anders. »Er war weit weg, aber ich konnte ihn sehen am Horizont, einem Horizont der Kunst. Er hat mir meinen ersten Fotoapparat geschenkt.«

Der Onkel war der Fotograf Marc Riboud. Er hatte die letzten zwei Jahre des Krieges versteckt in einem Loch verbracht, nahe eines Hofes, in einem Wald in Vercors in den westlichen französischen Alpen: Er war Résistance-Kämpfer. Später wurde er mit Reportagefotografien berühmter Zeuge großer historischer Ereignisse. Ein anderer Großonkel, Jean Riboud, wollte nach Spanien und über das Meer fliehen. Er wurde nach Frankreich zurückgeschickt und deportiert. Er hat überlebt, ging nach Paris, später nach New York. Camille de Toledo sagt, er war dann sein Leben lang Kommunist, aus Dankbarkeit zu seinen Befreiern.

Die Großmutter, Johanna de Toledo, wurde an der schweizerischen Grenze gefangen und deportiert. Sein Cousin Alain de Toledo ist heute Präsident der Vereinigung der sefardischen Juden in Frankreich. Die Geschichte seiner Familie ist eine der Diaspora, des Exils, des Nicht-Dazugehörens.

Camille de Toledos Familie väterlicherseits stammt ursprünglich aus Edirne, dem Ort an der türkischen Grenze zu Bulgarien. Sein Vater hat die Ursprünge seiner Familie erforscht. Nach der Reconquista, den Religionskriegen, die bis ins 15. Jahrhundert dauerten, kamen die de Toledos aus Andalusien und begaben sich auf die Reise durch Südeuropa und Nordafrika. Sie lebten im jüdischen Ghetto von Venedig, und viele andere gingen ins Ottomanische Reich.

übersetzer Camille de Toledo möchte nicht sagen: Ich gehöre zu einer Kultur, »weil ich bestimmte Erzählungen, Fabeln, Geschichten entdecke, mich an ihnen festhalten kann, und an einer bestimmten Form des Lebens, eines zerbrechlichen Le­bens, weil ich mich zwischen den Sprachen bewegen kann«. Er führe das Leben eines Übersetzers, und so betrachtet er auch Europa.

Der heute 42-Jährige hat 2008 die »Europäische Autorengemeinschaft« als literarische und intellektuelle Gemeinschaft gegründet, die sich ganz der Übersetzung verschrieben hat. Ein Netzwerk europäischer Schriftsteller verschiedener Herkunft, für die Europa nicht mehr national ist, sondern ein beweglicher Ort, ständig im Fluss. In Deutschland sei es manchmal schwer für ihn, seine Bücher werden nicht übersetzt, das sei enttäuschend.

Er tue sich schwer mit dem Schreiben. »Ich bin nicht mit der Gesellschaft verbunden, spreche kaum die Sprache, ich entdecke diese Welt mit dem Blick eines Fremden.« Er tut das freiwillig, aber es stört ihn auch, machtlos in der intellektuellen Diskussion zu sein. »Ich machte die Erfahrung: Du bist ein Fremder. Manchmal wird man eingeladen, ins Deutsche Theater, das klingt eindrucksvoll. Aber ich bin nicht als Franzose eingeladen, denn ich bin kein Franzose.« Er wolle keine Position oder feste Identität haben – »nur so kann ich schreiben«. Wenn der Ort zerstört ist, dann braucht man ein anderes Land, und das ist die Sprache. Das Buch wird ein Land, die Sprache wird Ersatz für einen geografischen Ort.

Sein Berlin, das ist eine Wanderung zu den Orten, an denen Walter Benjamin gelebt hat. Er sehe sich in der Tradition europäischer Schriftsteller wie Joseph Roth, Stefan Zweig, jüdischer Autoren. »Ich würde nicht sagen, ich bin Franzose. Mein Leben ist Exil, und das fängt bei der Sprache an.«
Es gibt jiddische Dichter in Europa, aber niemand kennt sie, es sind »Menschen des Dazwischen«, die nirgends hingehören.

Solche Menschen interessieren ihn, in einem seiner Bücher schreibt Camille de Toledo über einen alten Mann, der mit einem Kind eine Reise quer durch Europa unternimmt: Es ist die Geschichte einer »umgekehrten Weitergabe«, es ist das Kind, das dem alten Europäer etwas beibringt. »Das Kind spricht eine Sprache, die ich in meiner Kindheit gehört habe, das Jiddische, Hebräisch, Englisch, ein Mischmasch.« Sie scheint immer da, seine Kindheit.

Er könne in Berlin so herrlich die Jahreszeiten beobachten, schwärmt de Toledo, in Paris sehe man keine Jahreszeiten mehr. Die Natur verbinde er mit seinem Bruder, weil sie immer draußen waren. »Als ich meine Kindheit verlassen habe, gab es keine Wälder mehr, Paris war nur noch Beton. Und hier entdecke ich neue Orte meiner Kindheit, neue Wälder.« Die Reste des Ostens, des 20. Jahrhunderts, die Löcher in den Häusern, diese Verbindung zum 20. Jahrhundert gebe es in Paris nicht. Berlin war lange ein Nowhere, da wollte er hin. Jetzt ist es eine Hauptstadt, ein Ort mit einer Funktion, die Leerstellen sind vollgebaut.

edirne Sein Leben dreht sich um die drei Kinder, 13, zehn und sieben Jahre alt. Sie gehen aufs französische Gymnasium. Seine Frau ist französische Tunesierin und Syrien-Spezialistin, auch eine, die zwischen Sprachen und Welten lebt. Sie reden Französisch in der Familie, aber der älteste Sohn schreibe mittlerweile besser auf Deutsch. Die Kinder wollen in Berlin bleiben.

Vor einem Jahr ist Camille de Toledo mit den Kindern nach Edirne gereist, die türkische Stadt an der Grenze zu Bulgarien, wo die Familie herkommt. Es ist auch der Ort, an dem syrische Flüchtlinge aufgefangen werden. »Ich machte meine Reise im Zug: Berlin–Istanbul. Ich wollte mit meinen Kindern diese Reise machen, in genau diesem Moment: damit sich die Wege mit den Flüchtlingen kreuzen. Ich erkläre meinen Kindern, dass die Leute vor dem Krieg fliehen und sich Europa schlecht verhält.« Was ist Europa für ihn?

»Ich bin für die Auflösung der Nationen, weil das nur Maschinen der Macht sind, die vieles zerstört haben, vor allem eine Bevölkerung, die als nicht national eingestuft wurde.« Es gebe heute eine rückwärtsgewandte neue Nationalisierung, die wir seit dem Fall der Mauer nicht erlebt haben. Im 16. Jahrhundert hat man China entdeckt, den Orient, es kam die erste Globalisierung. Im 18. Jahrhundert schrieb Thomas Hobbes, man braucht einen absolutistischen Staat. Genau das sei der Zyklus, der nach dem Mauerfall einsetzte und es vor allem osteuropäischen Ländern, die in Europa eingetreten sind, erlaubte, nationalistischer zu werden.

2014 hat Camille de Toledo, der auch Künstler ist, in der Leipziger Spinnerei die Installation Europa/Eutopia gezeigt, ein totes Birkenwäldchen, einzelne Stämme, viel Laub und verschwommene Schwarz-Weiß-Fotos, an den Wänden grell leuchtende Neonschriftzüge »Espoire« und »Utopia«. »Hoffnung« und »Wunschtraum«?

In einer Ecke des Raumes lagen zusammengerollte Isomatten und Schlafsäcke herum, manche Flüchtlinge hatten dort im Kunstwerk gecampt. Als Bürger des 21. Jahrhunderts, nach 1989, »tragen wir die Geschichte der Niederlagen mit uns, im dauernden Versuch, darüber hinwegzukommen. Während du durch diesen verlassenen Wald wanderst, wanderst du durch die Erinnerungen von Zerstörung, Krieg, Exil, und Migration«, sagte er damals über seine Arbeit.

tabu Der Einzug der AfD in den Bundestag war ein Schock für Camille de Toledo, weil Deutschland diese einzigartige Geschichte hat. »Das soziale Tabu war zerfallen, so wie alle unsere moralischen Werte. Aber was kommt dahinter, was ersetzt sie?« Er habe jahrelang diese Idee eines »französischen Wesens, der Nationen« bekämpft, jetzt begegne ihm in Europa überall diese neue Welle identitärer Reaktion und Nationalisten.

»Jedes Mal, wenn ich durch Berlin wandere und an einem Stolperstein vorbeikomme, wünsche ich mir, dass sich dieses Volk der Toten erhebt und den Lebenden eine Lektion erteilt. Vor allem denen, die sich von nationalistischen Dämonen verleiten lassen wollen.« Es sei irritierend, dass es keinen größeren Aufschrei gab, auch nicht in anderen europäischen Städten.

Camille de Toledo redet offen, er ist nahbar, wirkt nicht abgehoben, nur manchmal sehr in seiner eigenen Welt. Von deutschem oder französischem Nationalstolz will er nichts wissen: »Worauf sollte ich stolz sein? Habe ich Voltaires philosophische Briefe geschrieben? War ich Victor Hugo? Sind alle Deutschen Heine, Schiller, Beethoven?«

Er wisse nicht, was das heißen soll: Deutsch sein? Eine jüdische Identität kann er schon eher definieren. Sie sei gekoppelt an das Erlebnis, schwach zu sein, ohne Platz, ohne festen Boden. Dieses Europa interessiere ihn, das Leben in Bewegung, das Unterwegs-Sein. Ein temporäres Leben, auf allen Stühlen.

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