Frankreich

Madame Goy und das Schächten

Jüdisches Geschäft im Pariser Stadtteil Marais Foto: dpa

Nach dem Schächtverbot in Polen tobt nun auch in Frankreich ein Streit um das rituelle Schlachten. Die Diskussion entbrannte, als der französische Senat öffentlich über die Fleischindustrie informierte, die seit einem Skandal unter Beobachtung steht: Es ging dabei um Pferdefleisch, das als Rind etikettiert war.

Mitte Juli präsentierte Senatorin Sylvie Goy‐Chavent, Berichterstatterin des Senats und erklärte Gegnerin des Schächtens, 40 Vorschläge, um die Transparenz zu verbessern, unter anderem eine »obligatorische, nicht stigmatisierende Kennzeichnung der Art des Schlachtens und stärkere Kontrollen des Wohlbefindens der Tiere in den Schlachthöfen«.

Ein explizites Verbot des Schächtens gehört bislang nicht zu den vorgeschlagenen Maßnahmen, jedoch fürchten Frankreichs Juden »polnische Verhältnisse«, da Goy‐Chavent von der Mitte‐Rechts‐Partei »Union der Demokraten und Unabhängigen« (UDI) bereits vergangenes Jahr eine Gesetzesvorlage eingebracht hatte, die die Betäubung der Tiere zur Pflicht machen sollte. In ihrer Rolle als Berichterstatterin erklärte sie jetzt: »Wir haben verschiedene Wissenschaftler gehört, und sie sind sich darin einig, dass ein betäubtes Tier nur während des Betäubungsschusses leidet, also rund eine Sekunde lang, während ein erstochenes Tier bis zu einer Viertelstunde leidet.«

Jagd Joël Mergui, Präsident des Zentralkonsistoriums, wies dieses Argument energisch zurück: »Die Technik des Schlachtens mit einer feinen Klinge und in einem Schnitt wurde gerade deshalb eingeführt, damit das Tier nicht leidet. Zudem hat das Judentum immer besonders auf das Wohl der Tiere geachtet.« So sei zum Beispiel die Jagd verboten.

Die Senatorin kritisiert außerdem, dass in den Fleischbetrieben ein zu hoher Prozentsatz an Tieren geschächtet würde. Im Département Ile‐de‐France seien es nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums gar 100 Prozent, da die Fleischbetriebe ihre Produkte so als koscher oder halal verkaufen könnten. Unverkaufte Ware aber lande ohne entsprechende Kennzeichnung in den Supermarktregalen, so Goy‐Chavent.

Tatsächlich stammen rund 30 Prozent des Fleisches in Frankreich aus jüdischer oder muslimischer ritueller Schlachtung, obwohl die Nachfrage aus beiden Gemeinden nur bei sieben Prozent liegt. Der Rest des Fleisches werde also wie ungeschächtetes Fleisch verkauft.

Die Tierschutzorganisation Fondation Brigitte Bardot und der rechtsextreme Front National unterstützen Goy‐Chavents Positionen. »Wenn man den Verbrauchern sagt, das Fleisch, das sie kaufen, stamme von Tieren, die vor der Schlachtung nicht betäubt wurden, und zur gleichen Zeit findet eine Kampagne statt, die die Konsumenten davon überzeugen soll, dass rituelle Schlachtung barbarisch ist, dann sind wir gegen diese Politik«, kritisiert Joël Mergui.

Front National Frankreichs Juden sind besonders entsetzt darüber, dass Goy‐Chavent das rituelle Schlachten als reine Geldmacherei bezeichnet. Die Senatorin hatte gesagt: Es seien »Millionen von Euro im Spiel, und das sei es vielleicht, was den Hass erwecke«. Das Israelitische Konsistorium von Marseille schreibt im Blog auf seiner Webseite, Goy‐Chavent ziehe »in den Krieg gegen die rituelle Schlachtung. Die jüdische Gemeinde Frankreichs erlebt die Haltung der Senatorin als Aggression. Die herzliche Unterstützung, die der Front National Madame Goy‐Chavent entgegenbringt, verstärkt unsere Sorge noch«.

In dem Blog heißt es weiter, dass der Vorschlag, Fleisch aus ritueller Schlachtung in jedem Fall zu etikettieren, die gesamte koschere Fleischproduktion in Gefahr bringe. Der Staat sollte sich darauf konzentrieren, »Lösungen zu finden, damit Juden in Frankreich auch in zehn oder 20 Jahren noch koscher essen können«, fordert Joël Mergui.

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