Spanien

Koscher in Katalonien

Die jüdische Gemeinschaft in Barcelona ist bunt und voller Facetten, dennoch bleibt das jüdische Leben für die Augen der Öffentlichkeit weitgehend unsichtbar. Dabei leben Schätzungen zufolge inzwischen wieder bis zu 5000 Juden in der katalanischen Hauptstadt, die immerhin die zweitgrößte Stadt Spaniens ist.

Dass es in Barcelona überhaupt wieder jüdisches Leben gibt, ist nicht selbstverständlich. Die Geschichte der Juden auf der Iberischen Halbinsel reicht zwar weit zurück, doch war sie lange Zeit fast vollständig unterbrochen.

gemeinden »Heute leben wieder rund 1300 jüdische Familien dauerhaft in Barcelona«, sagt Rabbiner David Libersohn. Sie verteilen sich weitgehend auf vier bis fünf Gemeinden. 18 jüdische Familien seien unlängst aus der Ukraine hinzugekommen.

Die älteste Gemeinde, die orthodoxe Comunidad Israelita de Barcelona (CIB), besteht aus rund 350 Familien. Ferner gibt es die 1992 gegründete Reformgemeinde Atid (hebräisch: Zukunft), der überwiegend aus Argentinien und Chile eingewanderte Juden angehören. Auch die 2006 gegründete Gemeinde Bet Shalom folgt dem Reformritus. Diesen beiden Gemeinden gehören jeweils etwa 80 bis 100 Familien an. Darüber hinaus gibt es die orthodoxe Bet-David-Synagoge und die ebenfalls orthodoxe Chabad-Gemeinde von Rabbi Libersohn.

Rund 500 Familien aus Barcelona und Umgebung zählen zu seiner Gemeinde in der Carrer del Montnegre. Jeden Freitag und Samstag werden im Saal der Synagoge in gemütlicher Atmosphäre Schabbatmahlzeiten für die Einheimischen und für Touristen abgehalten. Darüber hinaus gibt es ein breites Spektrum an Bildungsprogrammen für Erwachsene, Jugendliche und Kinder.

KULTURZENTRUM Ein beliebter Anlauf für Juden aus aller Welt ist auch das jüdische Kulturzentrum Casa Adret im ehemaligen jüdischen Viertel »El Call« inmitten der gotischen Altstadt. Die Einrichtung befindet sich in einem mittelalterlichen Haus mit verwitterter Fassade in der Hauptstraße des »Call«. Bis zu den großen Unruhen von 1391, die schließlich zum Zerfall der einst blühenden jüdischen Gemeinde Barcelonas führten, befand es sich im Besitz der jüdischen Familie Astruch Adret.

Heute beherbergt es auf vier Etagen ein modernes jüdisches Kulturzentrum, das jeden Monat Hunderte von Besuchern anzieht. Es ist außerdem Sitz der jüdischen Kulturzeitschrift »Mozaika«.

Ein Partner des Hauses ist die Europäische Vereinigung für die Erhaltung und Förderung der jüdischen Kultur und des jüdischen Erbes (AEPJ). Diese gilt auch in der katalanischen Mittelalterforschung als führend. Zu den vielen Projekten der Casa Adret gehört unter anderem das Séfer Barcelona, das jüdische Buchfestival der Stadt, ein Projekt zum Abbau von Antisemitismus und antimuslimischem Rassismus in der Gesellschaft sowie das Tour-Unternehmen Toldot Barcelona und ein Online-Magazin.

Projekte Zwei Festangestellte und 26 ehrenamtliche Mitarbeiter sorgen für die Umsetzung der zahlreichen Projekte. Dabei stehe man auch im Austausch mit den jüdischen Gemeinden. »Wir betrachten uns als inklusive Plattform für alle und möchten einen Raum für eine wachsende Gemeinschaft bieten – als Zentrum für den sozialen Wandel auch für jene, die am jüdischen Leben und an der Kultur interessiert sind«, sagt Marcel Odina, der Direktor von Casa Adret.

Vor Kurzem sind 18 jüdische Familien aus der Ukraine hinzugekommen.

Barcelona sei kein gefährlicher Ort für Juden. »Aber natürlich wäre es wünschenswert, wenn das jüdische Leben in Barcelona wieder sichtbarer würde und das Bewusstsein für das Judentum innerhalb der Gesellschaft wächst«, fügt Odina hinzu. Und zwar nicht nur aus historischer Perspektive.

Rabbiner David Libersohn bestätigt, dass die Stadt heute für Juden nicht besonders gefährlich sei, jedenfalls nicht mehr als andere Orte auf der Welt. Zwar gebe es keine sichtbare Judenfeindlichkeit, dafür allerdings auch kein gesteigertes Interesse am Judentum. Dennoch bleibe er optimistisch, dass sich das mit der Zeit ändere.

brotbackmaschine Als er und seine Frau Nechama vor 23 Jahren nach Barcelona kamen, gab es in der Stadt nicht einmal koschere Lebensmittel. Man habe sich anfangs mit einer Brotbackmaschine beholfen und improvisiert. Inzwischen gebe es eine Fülle von Angeboten, einen Buchladen, wo man auch koscheren Wein kaufen kann, zahlreiche koschere Geschäfte und Restaurants wie das »Maccabi Kosher Restaurant« in Las Ramblas oder das »Ben Ben Kosher« in der Carrer de l’Avenier.

»Leider sind viele den wirtschaftlichen Folgen von Covid zum Opfer gefallen«, bedauert Libersohn. Dennoch bleibt er zuversichtlich und spielt mit dem Gedanken, in ruhigeren Zeiten in Barcelona vielleicht ein Klezmer-Festival auf die Beine zu stellen.

Nach vorn zu schauen, darum scheint es den meisten Juden in Barcelona in diesen Tagen zu gehen. Jüdisches Leben wieder sichtbar zu machen, selbstverständlicher. Ein wenig mögen auch die zahlreichen »Jewish tours« dazu beitragen, die in Barcelona für Touristen angeboten werden. Immerhin handelt es sich bei der jüdischen Gemeinde um die älteste des Landes – und um die erste, die nach der Vertreibung der Juden aus Spanien im Jahr 1492 wieder neu gegründet wurde.

2018 feierte sie ihr 100-jähriges Bestehen. Die Gemeinde ist Eigentümerin der einzigen jüdischen Schule in Barcelona, die von der Hatikvah-Stiftung verwaltet wird. Gegenwärtig wird sie von rund 300 Schülern besucht.

mikwe Außerhalb der Stadt gibt es drei jüdische Friedhöfe sowie einen Country Club für Sport und soziale Aktivitäten. Das Hauptgebäude der jüdischen Gemeinde beherbergt die einzige Mikwe der Stadt sowie die Große Synagoge von Barcelona mit dem Namen »Maimonides«, des jüdischen Philosophen, Rechtsgelehrten und Arztes, der im zwölften Jahrhundert in Katalonien lebte.

Einen bitteren Geschmack dürfte vor Kurzem in den jüdischen Gemeinden allerdings die Entscheidung einer Juristenkommission des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten des katalanischen Parlaments hinterlassen haben. Rund die Hälfte der 30 Juristen verabschiedeten Mitte Juni einen von ultralinken Politikern eingebrachten Resolutionsentwurf, der Israel »Apartheid« unterstellt. Die Federación de Comunidades Judías de España verurteilte den Entwurf als »destruktiv, voreingenommen und den Werten des katalanischen Volkes nicht entsprechend«.

Der diesjährige Lerntag "Jom Ijun" findet am 1. Februar im Gemeindezentrum der ICZ in Zürich statt.

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