USA

Kippatest in Spanish Harlem

Laut Statistik soll knapp die Hälfte von ihnen judenfeindlich sein: Latinos auf einem Straßenfest in New York Foto: getty

Keine Frage, die Zahlen sind alarmierend. 58 Prozent der amerikanischen Juden glauben, dass antisemitische Einstellungen unter Latinos in den Vereinigten Staaten weit verbreitet sind. Und 46 Prozent der Latinos stimmen ihnen zu. Das hat jetzt die Foundation for Ethnic Understanding herausgefunden.

Die Zahlen wurden kürzlich bei einer Konferenz in Texas der Öffentlichkeit vorgestellt. Dabei sagte der Präsident der Foundation, Rabbi Marc Schneier, der sich sonst vor allem um die Verständigung zwischen Juden und Muslimen bemüht: »Dieser Befund sollte beide Gemeinschaften« – also Juden und Latinos – »wachrütteln.« Man müsse begreifen, wie real der Antisemitismus unter Latinos ist und wie man ihm begegnen könne.

Demografie Weiter sagte Schneier: »Wir müssen auch effektivere Methoden finden, den Wert Israels zu vermitteln und die Sympathien der Latinos für den jüdischen Staat zu stärken.« Das sei heute wahrer als jemals, denn die Zahl der Latinos in den USA sei auf 50 Millionen angewachsen. »Jeder sechste Amerikaner ist heute ein Latino«, so Schneier. »Die jüdische Gemeinschaft täte gut daran, die Hand auszustrecken und mit dieser bedeutenden ethnischen Gruppe eine Allianz zu schmieden.«

Weiter geht aus der Studie hervor, dass 46 Prozent der Latinos glauben, die USA unterstützten Israel »zu stark«. Drei Viertel sowohl der Juden als auch der Latinos geben an, in ihrem Leben schon einmal Diskriminierung erfahren zu haben. Zwei Drittel glauben nicht, dass es zu ihren Lebzeiten einen Frieden zwischen Israelis und Palästinensern geben wird. Eine Mehrheit beider Gruppen ist für eine einwandererfreundliche Politik der amerikanischen Regierung.

Eine deutliche Mehrheit sowohl der Juden als auch der Latinos ist dafür, dass die Amerikaner oder die Israelis Maßnahmen ergreifen, um den Iran daran zu hindern, Atomwaffen in die Hände zu bekommen. Auf die Frage, wen sie im israelisch-palästinensischen Konflikt unterstützen, antworten viele Latinos: »Ich weiß es nicht.« (Diese Antwort würde man von vielen Europäern gern hören.) Wie passen diese Ansichten mit der Fremd- und Selbsteinschätzung zusammen, dass die Latinos zu Antisemitismus neigen? Stimmt etwas an die- sen Zahlen nicht? Geben sie nur ein unvollkommenes Bild wieder?

Umstritten Rabbi Manny Vinas lacht, wenn man ihn mit dem Befund der Foundation for Ethnic Understanding konfrontiert. Vinas stammt aus Kuba und ist nicht unumstritten. Er kommt, wie er selbst sagt, aus einer Familie von »Anusim«. Seine Vorfahren seien vor einem halben Jahrtausend unter Zwang zum Katholizismus übergetreten. Er und seine Familie konvertierten zum Judentum, nachdem sie vor Kubas Staatschef Fidel Castro geflohen und in die USA gekommen waren. Vinas steht heute als orthodoxer Rabbiner einer Synagoge in Yonkers vor, einer kleinen Stadt nördlich der Bronx. Umstritten ist er, weil er Menschen, die sich als Anusim betrachten, dazu ermutigt, Juden zu werden. Manche sagen, er verstoße damit gegen die halachische Regel, dass es verboten ist, hinauszugehen und Nichtjuden zu konvertieren. Wie auch immer es sich damit verhalten mag: Unbestritten ist, dass Rabbi Vinas beide Welten gut kennt, sowohl die jüdische als auch jene der Latinos. Und er lacht über die alarmierenden Zahlen.

Das Erste, was man über die Latinos wissen müsse, sagt er, sei, dass es sich um eine sehr bunte Gesellschaft handle. Die Mexikaner redeten ganz anders und hätten ganz andere Ansichten als die Exilkubaner, und beide wiederum unterschieden sich von Venezolanern oder Einwanderern aus Panama. Zweitens: Probleme hätten die amerikanischen Juden vor allem mit politischen Organisationen wie dem National Council of La Raza, die eher linksgestrickt sind und deshalb die Ressentiments der Linken gegenüber Israel widerspiegelten.
Drittens, sagt Rabbi Vinas, müsse man verstehen, dass die meisten Latinos keine säkularen Linken, sondern tiefgläubige Christen seien. Ihr Christentum sei meist nicht anti-, sondern eher philosemitisch. Viele Pastoren und Priester in den Latino-Gemeinden predigten Liebe gegenüber Israel und dem jüdischen Volk. Übrigens müsse jeder wissen, der kompetent über dieses Thema mitreden wolle, dass die populärste Fernsehshow in Lateinamerika, die sich auch die meisten Latinos in den Vereinigten Staaten anschauen, »Sabado Gigante« mit Don Francisco sei. Jener Francisco, der Star der Show, sei Jude, sagt Vinas. Und tatsächlich: Don Francisco heißt in Wahrheit Mario Luis Kreutzberger Blumenfeld und ist ein Sohn jüdischer Emigranten aus Nazideutschland, die in Chile eine neue Heimat fanden.

Katholizismus Ob es nicht auch Einflüsse eines älteren Katholizismus unter den Latinos gebe, eines Katholizismus, der vom Zweiten Vatikanischen Konzil noch nichts gehört hat und die Juden kollektiv als Christusmörder verurteilt? »Klar gibt es die«, antwortet Rabbi Vinas, »aber wenn ein Latino die Juden für Christusmörder hält, heißt das noch lange nicht, dass er mir persönlich etwas übelnimmt.« In dieser ethnischen Gemeinschaft werde zwar scharf gewürzt, aber lange nicht so heiß gegessen wie gekocht.

Vinas erzählt, dass er mit seiner Gemeinde in Yonkers jedes Jahr am Umzug der Latinos teilnimmt. Sie alle tragen Kippot, sind also deutlich als Juden zu erkennen und bekennen sich gleichzeitig stolz zu ihrer hispanischen Herkunft. »Wir amerikanischen Juden machen in unserer Öffentlichkeitsarbeit einen gewaltigen Fehler«, sagt Vinas. »Wenn Gruppen wie der National Council of La Raza uns als Rassisten beschimpfen, nehmen wir den fettesten alten weißen Kerl, den wir finden können, und lassen ihn dann vor die Kameras treten, damit er treuherzig beteuert: ›Nein, wir sind keine Rassisten.‹ Stattdessen sollten wir ganz einfach und entspannt sagen: ›Wir gehören dazu.‹« Schließlich lebten in den Vereinigten Staaten jede Menge Juden, die Latinos seien: Kubaner, Mexikaner, Chilenen, Argentinier, so Vinas.

Was soll man davon halten? Wer hat am Ende recht, die Abwiegler oder die Alarmisten? Hier hilft nur noch der Kippatest. Mit der entsprechen Kopfbedeckung haben wir uns also zwei Stunden lang in Spanish Harlem herumgetrieben. Wir sind durch die Straßen geschlendert, haben Jungen beim Fußballspiel zugesehen, uns in einem kleinen Bodega-Laden die New York Times gekauft und mit einem alten Mann über das Wetter geredet. Es gab noch nicht einmal böse Blicke.

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