Grossbritannien

»Kehrt um!«

Aufgerufen zu der Protestkundgebung am Sonntag hatten der britisch-jüdische Dachverband Board of Deputies (BoD) und das Jewish Leadership Council (JLC). Foto: Daniel Zylbersztajn

Drei Tage vor Jom Kippur in Manchester: Bei strömendem Regen steht am Sonntag Großbritanniens Oberrabbiner Ephraim Mirvis auf einer Rednertribüne im Memorial Garden und spricht zu rund 2000 vor allem jüdischen Demonstranten. »Haltet es wie der Rambam«, ruft er ins Mikrofon, »macht Teschuwa!«

Doch Mirvis’ Botschaft gilt nicht den Versammelten, sondern der Labour-Partei. Sie soll umkehren, sich auf ihre Werte Gerechtigkeit und Gleichberechtigung besinnen und sich vom Antisemitismus abwenden.

Board Aufgerufen zu der Protestkundgebung hatten der britisch-jüdische Dachverband Board of Deputies (BoD) und das Jewish Leadership Council (JLC). Es ist das zweite Mal, dass sich die jüdische Gemeinschaft des Vereinigten Königreiches mit einer öffentlichen Protestversammlung gegen den Antisemitismus in der Arbeiterpartei wendet. Bereits Ende März hatten die beiden Organisationen in London vor dem britischen Parlament Labours Antisemitismus öffentlich beklagt.

Jetzt, fast sechs Monate später, sei die Situation allerdings nicht besser – ja, der Antisemitismus in der Partei habe einen geradezu institutionellen Charakter angenommen, kritisierte Raphi Bloom vom United Jewish Israel Appeal (UJIA) gestern in Manchester. Er eröffnete mit dieser Anklage die Protestveranstaltung und nannte Beispiele: Da sei die Behauptung des Gewerkschaftsführers Mark Serwotka, die Anschuldigungen des Antisemitismus würden von Israel gesteuert, um von der eigenen Politik abzulenken. Oder da sind die Worte des Labour-Stadtrats und ehemaligen Fraktionsabgeordneten Jim Sheridan, der »wegen dem, was die jüdische Gemeinschaft gegen die Partei täte, keinen Respekt mehr« gegenüber der jüdischen Community habe.

Labour-Chef »Jeremy Corbyn bezeichnet sich als militanten Gegner des Antisemitismus, doch er ist selbst ein militanter Urheber von Antisemitismus«, rief Bloom ins Mikrofon.

Verantwortung Marie van der Zyl, die neue Präsidentin des jüdischen Dachverbands Board of Deputies, forderte Corbyn auf, sich zu entschuldigen und Verantwortung für seine Taten zu übernehmen. Die Partei müsse endlich handeln.

Auch die jüdischen Labour-Abgeordneten Louise Ellman (72) und Margaret Hodge (74) kamen gestern in Manchester zu Wort. Sie könnten es nicht fassen, sagten sie, dass sie im Jahr 2018 an einer Protestveranstaltung gegen Antisemitismus in der eigenen Partei teilnehmen. Labour müsse endlich die Parteikultur ändern und Abgeordnete, die sich antisemitisch äußern, disziplinieren.

Margaret Hodge, die wochenlang von der Parteiführung mit einem internen Verfahren bedroht wurde, weil sie Corbyn als Antisemiten bezeichnet hatte, erklärte vor den Versammelten, sie sei eine stolze britische Jüdin. »Ich wurde Mitglied der Arbeiterpartei, weil ich Rassismus und Intoleranz bekämpfen wollte und es mir darum ging, Minderheiten zu schützen.«

corbyn Doch seit Corbyn an der Spitze von Labour stehe, habe sie »grauenvolle Botschaften und Tweets« erhalten. Diese seien schlimmer als jene aus dem Jahr 2010, als sie bei Wahlen gegen einen Kandidaten der rechtsextremen British National Party (BNP) antrat.

Zum Abschluss, bevor der Schofar geblasen wurde und die Demonstranten im Memorial Garden gemeinsam die israelische und die britische Nationalhymne sangen, betonte Oberrabbiner Mirvis: Jeremy Corbyn habe etwas geschafft, das vielen anderen bisher nicht gelungen sei – »er hat die jüdische Gemeinschaft vereint. Wir lassen uns nicht verängstigen oder werden verstummen«.

Mehr dazu in unserer nächsten Printausgabe am 27. September

Statistik

Studie: Zahl der Juden in Europa binnen 50 Jahren stark gesunken

Eine neue Umfrage gibt Auskunft darüber, wie groß die jüdische Gemeinschaft auf dem Kontinent wirklich ist

 22.10.2020

Schweiz

Auf Winter folgt Lewin

Mit knapper Mehrheit wählte der Israelitische Gemeindebund einen neuen Präsidenten

von Eugen El  22.10.2020

Frankreich

Für die Werte der Republik

Juden protestieren nach Mord an Lehrer bei Paris

von Michael Thaidigsmann  22.10.2020

Frankreich

Die Folgen der zweiten Welle

Corona zwingt auch jüdische Gemeinden zu strengen Vorsichtsmaßnahmen

von Christine Longin  22.10.2020

Antisemitismus

»Geh dein Gold zählen«

Gewerkschaftsboss McCluskey entschuldigt sich bei Ex-Banker und Labour-Politiker Peter Mandelson

 21.10.2020

Polen

Exportverbot für Koscherfleisch?

Die Nationalpopulisten wollen das Schächten verbieten – im Parlament wird um Details gerungen

von Gabriele Lesser  20.10.2020

Tschechien

Zwischen Sorge und Hoffnung

Die jüdischen Gemeinden im Land leiden finanziell unter den Auswirkungen der Corona-Pandemie

von Michael Heitmann  21.10.2020 Aktualisiert

Chiune Sugihara

Litauen ehrt japanischen Judenretter

Der Diplomat ermöglichte 6000 Juden die Ausreise aus Kaunas

von Alexander Welscher  19.10.2020

Bern

Ralph Lewin ist neuer SIG-Präsident

Der 67-Jährige will die Außenwirkung der jüdischen Gemeinschaft weiter stärken

 18.10.2020