Gegenwart

Jetzt erst recht!

Foto: Montage Marco Limberg

Es war ein Jahr der Hoffnung. Unter dem Motto »JLID – 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« fanden 2021 bundesweit mehr als 2400 Veranstaltungen statt, die Millionen Menschen erreichten. Dieses Festjahr war mehr als ein Jubiläum, es war ein gesamtgesellschaftliches Bekenntnis, das jüdisches Leben als selbstverständlichen Teil der deutschen Gesellschaft anerkannte.

Es war ein Moment, der vielen von uns Hoffnung machte, nicht mehr ausschließlich als Opfer wahrgenommen zu werden. Um unsere Hoffnung in eine dauerhafte Energie zu verwandeln, gründeten wir den Verein »JEWLIF. Jüdisches Leben in Europa«.

Starke Allianz aus Politik, Kirchen und jüdischer Gemeinschaft

An unserer Seite versammelte sich von Beginn an eine starke Allianz aus Politik, den Kirchen und der jüdischen Gemeinschaft, vertreten durch Persönlich­keiten wie die Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, Katarina Barley, den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, die damalige Präses der EKD, Annette Kurschus, den Islamismusexperten und Publizisten Ahmad Mansour sowie den Präsidenten des Zentralrats der Juden, Josef Schuster. Unsere Absicht war es, die positive Dynamik aus dem Jahr 2021 zu verstetigen und auf ganz Europa auszuweiten.

Dass diese Arbeit existenziell werden würde, ahnten wir damals nicht. Der Terror der Hamas vom 7. Oktober 2023 war der größte Massenmord an Jüdinnen und Juden seit der Schoa. Die Auswirkungen reichten weit über die physische Gewalt hinaus. Juden standen plötzlich wieder im Scheinwerferlicht eines verzerrten Narrativs und sahen sich in eine Täterrolle gedrängt.

Statt Solidarität, statt dem »Nie wieder ist jetzt!«: Schweigen, das sich als vermeintliche Neutralität tarnt. Statt Anteilnahme: Unsicherheit, Ausreden, kalte Schultern. Freundschaften brachen weg, Anrufe blieben aus. Dass Freunde und Bekannte sich zurückzogen, war eine schmerzhafte Erfahrung.

Perfide Logik

Zudem etablierte sich bei einigen die perfide Logik, es sei für die eigene Karriere »gefährlich«, mit jüdischen Themen oder Personen in Verbindung gebracht zu werden. Jüdische und israelische Kulturschaffende werden in ganz Europa von Veranstaltungen ausgeladen und als Schauobjekte für politisch vermeintlich korrekte Haltungen und Statements öffentlich degradiert. Jüdische Familien diskutieren vermehrt über Auswanderung.

Ihre volle Kraft entfaltet unsere Gemeinschaft durch den Mut aller.

Unsere Arbeit folgt einer Erkenntnis aus der Geschichte: Die Bedrohung jüdischen Lebens in Deutschland und Europa liegt nicht allein im lauten Judenhass. Es ist die Passivität, die Angst, die Gleichgültigkeit derjenigen, die sich zur gesellschaftlichen Mitte zählen. Wenn auf Hass von rechts und links nur noch mit einem Achselzucken reagiert wird und offene Sympathien für Terroristen als »differenzierte Haltung« gelten, erodiert das Fundament unserer demokratischen Gesellschaft.

Die Förderung jüdischen Lebens und der Kampf gegen Antisemitismus sind deshalb keine Nischentätigkeiten der jüdischen Gemeinschaft. Sie sind gesamtgesellschaftliche, europäische Kernaufgaben zur Sicherung der Freiheit aller Menschen und des demokratischen Diskurses. Die großen gesellschaftlichen Akteure wie Politik, Kirchen, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände haben sich zweifelsfrei positioniert. Aber es braucht das Engagement und die Solidarität aller, die über Mitleid und historische Pflicht hinausgehen. Unsere Antwort: handeln statt zusehen.

Gesamtgesellschaftliche Plattform zur Stärkung vielfältiger jüdischer Stimmen

JEWLIF ist eine gesamtgesellschaftliche Plattform zur Stärkung vielfältiger jüdischer Stimmen in Deutschland und Europa. Seit dem Frühjahr 2025 nimmt unsere Arbeit gezielt Form an. Sie beruht auf drei Säulen: Kunst, Kultur und Gesellschaft; Bildung und Wissenschaft sowie Medienkompetenz und Desinformationsprävention. Unser Hauptsitz befindet sich in Köln.

Während Israels Krieg gegen die Terrororganisation Hamas, den Iran und dessen Verbündete weltweit die Schlagzeilen bestimmte, starteten wir MENTSH UNITED. Es ist unser erstes europäisches Format, basierend auf dem Ideal der »Mentshlichkeit« und der Verantwortung des »Tikkun Olam« (Verbesserung der Welt). Dabei richten wir uns an junge Menschen in Europa und setzen auf Popkultur, Gemeinschaft und Empathie gegen extremistische Einflüsse.

In Kooperation mit der »Jerusalem Academy for Music and Dance« bringt unser zwölfköpfiges Popmusik-Ensemble unter der Leitung des Künstlers Shantel energiegeladenen Pop auf die Bühne. Wir organisierten Klub-Events in Deutschland, Italien und Österreich. Gleichberechtigt daneben steht das Filmprojekt »60sec.mentsh« unter der Regie von Nico Beyer. Die Kurzfilme porträtieren Jüdinnen und Juden aus unterschiedlichen europäischen Ländern. Diese unaufgeregte Normalität soll jüdisches Leben in all seiner Vielfalt zeigen, antisemitische Denkmuster und Narrative entzerren. Jedes Event, jeder Film ist ein Sieg gegen die Gleichgültigkeit.

Ihre volle Kraft entfaltet unsere Gemeinschaft durch die Tatkraft und den Mut aller. Deshalb laden wir Sie ein, die Zukunft jüdischen Lebens in Europa mit uns zu gestalten, indem Sie sich beteiligen: ob im Rahmen einer Kooperation oder als Teil unserer Initiative. Gestalten Sie mit uns eine Zukunft jüdischen Lebens in Deutschland und Europa – statt auf gepackten Koffern sitzen zu bleiben.

Die Autoren sind Generalsekretär und Kuratoriumsvorsitzender von JEWLIF e.V.

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