Zeitgeschichte

»Jeder trägt sein Todesurteil in der Tasche«

Innerhalb eines Monats wurde der Aufstand im Warschauer Ghetto von den deutschen Besatzern niedergeschlagen. Foto: dpa

Im Juli 1942 beginnen die deutschen Besatzer, das Warschauer Ghetto zu räumen. Bis Ende September haben sie bereits rund 260.000 Juden aus dem ummauerten Sperrbezirk in das Vernichtungslager Treblinka gebracht und ermordet. Und das Töten geht weiter. Da fallen am frühen Morgen des 19. April 1943 plötzlich Schüsse: Die Juden im Ghetto sagen den Deutschen den Kampf an.

Sie wehren sich gegen den Abtransport der insgesamt noch rund 60.000 im Ghetto lebenden Juden in die NS-Vernichtungslager. Mit Pistolen, Gewehren und Molotow-Cocktails attackieren die meist nur schlecht ausgebildeten Kämpfer die gepanzerten Fahrzeuge der Truppen.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Polizei und SS ziehen sich nach verlustreichen vier Tagen zunächst zurück, stellen die Deportationen vorübergehend ein. Die Kämpfer jubeln: Auf einem Hausdach hissen sie eine Fahne mit dem Davidstern und auch die polnische Nationalflagge.

Mordechai Anielewicz »Der Traum meines Lebens ist endlich wahr geworden. Die Selbstverteidigung im Ghetto wurde Realität. Jüdischer bewaffneter Widerstand und Rache sind Tatsachen«, schrieb Mordechai Anielewicz (1919–1943), Kommandant der Aufständischen, in einem Brief. »Ich war Zeuge dieses großartigen, heroischen Kampfes von jüdischen Männern in der Schlacht.« Doch auch ihm war klar: »Die Verbliebenen werden früher oder später sterben. Ihr Schicksal ist entschieden.«

Anfangs ging die Guerillataktik der Partisanen auf, heimlich versorgt mit Waffen, Munition und Sprengstoff von der polnischen Untergrundorganisation »Heimatarmee«. Zudem hatten sie zuvor Verstecke und Bunker im Ghettodistrikt ausgebaut und Zugänge zur Kanalisation geschaffen.

Marek Edelmann »Das war der erste städtische Volksaufstand im nationalsozialistisch besetzten Europa«, heißt es auf der Homepage der Gedenkstätte Jad Vashem in Israel. Und, so schrieb später Marek Edelmann, einer der ganz wenigen Überlebenden: »Der erste Tag des Aufstandes gilt als der erste vollkommene Sieg über die Deutschen.«

Erst Ende 1942 war es gelungen, mehrere jüdische Untergrundorganisationen zu vereinen und eine Kommission zur Koordinierung des Widerstands zu bilden. »Es ging nur darum, die Art des Sterbens zu wählen«, sagte Marek Edelmann kurz vor seinem Tod 2009. »Es ging darum, sich nicht abschlachten zu lassen. (...) Es ist eine große Sache, wenn man ohne Kraft und Hoffnung kämpft.«

Die hinter dem Widerstand stehende Organisation »Zydowska Organizacja Bojowa« (ZOB) war aus drei zionistischen Jugendbewegungen und der Partei »Poale Zion« entstanden. Zu ihrem Anführer wurde der 24-jährige Mordechai Anielewicz ernannt. Ihm gelang es zwar, die Aufständischen zunächst im Häuserkampf zu halten. Aber: »Der Kampf der schlecht ausgerüsteten Aufständischen war ebenso verzweifelt wie aussichtslos«, schreibt der Historiker Arnulf Scriba – David hatte gegen Goliath keine Chance.

Knapp vier Wochen lang gelang es den Juden dennoch, ihre Verstecke gegen mehr als zwei Bataillone der SS zu halten. Die Deutschen änderten daraufhin ihr Vorgehen, fluteten Keller und Kanäle mit Wasser oder Gas. Auch setzten sie Flammenwerfer ein und steckten ganze Straßenzüge an. Aus dem Tagebuch einer jungen Frau, deren Schicksal ungeklärt ist: »Das Ghetto brennt den vierten Tag. Man sieht nur noch die Kamine und die Skelette ausgebrannter Häuser. (...) Wir leben diesen Tag, diese Stunde, diesen Augenblick.«

Emanuel Ringelblum Emanuel Ringelblum (1900–1944), Chronist des Ghettos, gab die düstere Stimmung der Eingeschlossenen wieder: »Wir brauchen uns keine Gedanken um unser Überleben zu machen, denn jeder von uns trägt sein Todesurteil bereits in der Tasche. Wir sollten besser daran denken, mit Würde zu sterben, im Kampf zu sterben.«

An der Mila-Straße 18 befand sich der Kommandobunker der Kämpfer. Am 8. Mai 1943 umzingelten die Deutschen den Gefechtsstand. Anielewicz und sein Stab saßen in der Falle. Die Eingeschlossenen begingen vermutlich Suizid. Marek Edelmann war nicht dort. Er führte den Aufstand weiter und konnte am 10. Mai mit einer Gruppe von 40 Kampfgenossen durch die Kanalisation fliehen.

Jürgen Stroop
SS-Generalleutnant Jürgen Stroop, 1951 zum Tode verurteilter SS- und Polizeiführer von Warschau, schlug mit mehr als 2000 Soldaten und SS-Männern den Aufstand nach 27 Tagen nieder.

Am 16. Mai notierte er in seinem 75-seitigen Bericht an SS-Chef Heinrich Himmler: »Nur durch den ununterbrochenen und unermüdlichen Einsatz sämtlicher Kräfte ist es gelungen, insgesamt 56.065 Juden zu erfassen bzw. nachweislich zu vernichten.« Und weiter meldete er: »Das ehemalige jüdische Wohnviertel Warschau besteht nicht mehr. Mit dem Sprengen der Warschauer Synagoge wurde die Großaktion um 20.15 Uhr beendet. (...) Alles, was an Gebäuden und sonst vorhanden war, ist vernichtet.« (epd)

Kommentar

Eine unheilvolle Allianz

Wenn wie in Frankreich die radikale Linke und Islamisten Juden für Israels Politik verantwortlich machen, ist eine Grenze überschritten

von Simone Rodan  20.10.2026

Frankreich

Anarchie und Antisemitismus

Was mit Schülerprotesten gegen schlechte Lernbedingungen begann, hat sich zu gewalttätigen politischen Unruhen ausgewachsen, befeuert von Judenhass

von Laura Sahin  19.10.2026

Dave Rich

»Jüdische Studierende schweigen oft«

Der Antisemitismus-Experte über zunehmenden Judenhass an Universitäten, mangelnde Sicherheit im Alltag und die extreme Rechte in Großbritannien

von Nicole Dreyfus  19.10.2026

Frankreich

Prozess eröffnet: Rima Hassan droht Entzug des passiven Wahlrechts

Die israelfeindliche linke Europaabgeordnete muss sich in Paris wegen mutmaßlicher Terrorverherrlichung verantworten

 19.10.2026

Kommentar

»Wir sind keine Juden«: Die hässliche Fratze der französischen Krawalle

Es zeigt sich eine Querfront der Aggression, bei der sozialer Frust, postkolonialer Opfermythos und tiefsitzender Judenhass verschmelzen

von Ute Cohen  19.10.2026

Großbritannien

»Telegraph«: BBC-Datenexperte offenbar israelfeindlicher Aktivist

Ein leitender KI-Fachmann des britischen Senders soll laut »Telegraph« einst wegen eines Al-Qaida-Handbuchs festgenommen worden sein. Die BBC sieht keinen Bezug zu seiner Arbeit

 18.10.2026

Tschechien

Herr Rambo mag es süß

Ein jüdischer Gastronom in Prag ist zum Instagram-Star aufgestiegen. Er verkauft »heimishe Trdelaich«, T-Shirts und Baseballcaps und erreicht mit seinen Sprüchen Hunderttausende

von Kilian Kirchgeßner  18.10.2026

Frankreich

Paris: Synagoge bei Ausschreitungen offenbar beschädigt

Videos in sozialen Netzwerken zeigen offenbar Verwüstungen in einer Synagoge im 19. Arrondissement. Verletzte wurden nicht gemeldet

 18.10.2026

Diaspora

Oberrabbiner Goldschmidt: »Wir können nicht immer wegrennen«

Jüdisches Leben in Europa hat eine Zukunft, aber nicht von allein. Dafür braucht es nach den Worten des Oberrabbiners Pinchas Goldschmidt Partner in den Regierungen und in der Zivilgesellschaft

von Barbara Just  16.10.2026