Wien

IS-Anhänger tötete mindestens vier Passanten

Österreichische Polizisten sichern am späten Montagabend einen Tatort in der Wiener Innenstadt. Foto: dpa

Der Attentäter von Wien war nach offiziellen Angaben ein Anhänger der islamistischen Terrormiliz IS und hatte nordmazedonische Wurzeln. Der 20-jährige Kujtim Fejzulai hatte nach Angaben der Behörden am Montagabend nahe der Hauptsynagoge in der Wiener Innenstadt um sich geschossen, dabei mindestens vier Menschen getötet und 22 Mensch teils schwer verletzt.

Anschließend wurde er von der Polizei erschossen. Sein konkretes Motiv war zunächst unklar. Es kamen ein älterer Mann, eine ältere Frau, ein junger Passant und eine Kellnerin ums Leben, wie Österreichs Kanzler Sebastian Kurz am Dienstag sagte.

STURMGEWEHR Der Attentäter sei mit einem Sturmgewehr bewaffnet gewesen und habe zudem eine Sprengstoffgürtel-Attrappe getragen. Er habe offenbar Panik verbreiten wollen, teilte Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) der Nachrichtenagentur APA mit.

Der Attentäter wollte in der Vergangenheit nach Syrien ausreisen, um sich dort der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) anzuschließen, so Nehammer weiter. Er sei daran gehindert und am 25. April 2019 wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu 22 Monaten Haft verurteilt worden.

Der Mann sei jedoch am 5. Dezember »vorzeitig bedingt entlassen« worden. Demnach galt er als junger Erwachsener und fiel damit unter die Privilegien des Jugendgerichtsgesetzes. Der 20-jährige hatte einen österreichischen und nordmazedonischen Pass. Ob er einen oder mehrere Komplizen hatte, ist noch unklar.

TÄUSCHUNG Der spätere Attentäter habe es geschafft, die Justizbehörden vor der Entlassung von seiner Deradikalisierung zu überzeugen, sagte Nehammer. Er habe das entsprechende Programm »brutal, perfide ausgetrickst«, so der Minister. »Es kam zu einer vorzeitigen Entlassung eines Radikalisierten.« Auch danach habe er sich geläutert gebeben: »Er hat sich besonders bemüht, auch bei der Bewährungshilfe.« Die Frage, ob der Mann nach seiner Entlassung von den Verfassungsschutzbehörden beobachtet wurde, beantwortete der Minister nicht klar. Er habe sich aber frei bewegen können.

Nehammer kündigte eine Überprüfung des Systems zum Umgang mit radikalisierten Häftlingen an. Zudem wolle das Justizministerium stärker auf Einschätzungen der Verfassungsschutzbehörden zurückgreifen, wenn es um mögliche Entlassungen von Extremisten gehe.

Unterdessen wurden nach dem Blutbad am Montag 14 Menschen aus seinem Umfeld vorläufig festgenommen und 18 Wohnungen durchsucht. Der »Kurier« berichtete am Dienstag auf seiner Website, es handele sich um Kontaktadressen des mutmaßlichen Attentäters.

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) reklamierte den Anschlag für sich. Ein »Soldat des Kalifats« habe die Attacke mit Schusswaffen und einem Messer verübt und in der österreichischen Hauptstadt rund 30 Menschen getötet oder verletzt, darunter auch Polizisten, teilte der IS am Dienstag auf seiner Plattform Naschir News mit. Das österreichische Innenministerium prüfe die Echtheit des Bekennerschreibens, hieß es am Abend gegenüber der Nachrichtenagentur APA. Es könne noch nicht gesagt werden, ob es echt sei oder nicht.

TV-ANSPRACHE Kanzler Kurz warnte in einer Fernsehansprache vor einer Spaltung der Gesellschaft. »Es muss uns stets bewusst sein, dass dies keine Auseinandersetzung zwischen Christen und Muslimen oder zwischen Österreichern und Migranten ist.«

Es sei ein Kampf zwischen den vielen Menschen, die an den Frieden glaubten, und jenen wenigen, die sich den Krieg wünschten. Religion und Herkunft dürften nie Hass begründen. »Wir werden die Opfer des gestrigen Abends niemals vergessen und gemeinsam unsere Grundwerte verteidigen.«

VERLETZTE Nach Angaben des Gesundheitsverbunds der Stadt schweben mindestens sieben Opfer in Lebensgefahr. Sie befänden sich »in kritischem, lebensbedrohlichem Zustand«, sagte eine Sprecherin des Klinikverbandes am Dienstagmorgen der österreichischen Nachrichtenagentur APA. Zur Identität der Verletzten machte sie keine Angaben.

Insgesamt würden 17 Opfer des Angriffs in mehreren Spitälern behandelt, sagte die Sprecherin weiter. Ein bei dem Anschlag verletzter Polizist befinde sich in »kritisch-stabilem« Zustand.

IKG Der Polizei zufolge gab es sechs verschiedene Tatorte. Einer davon liegt direkt neben der Wiener Hauptsynagoge. Die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) am Dienstag alle Synagogen in Österreich. Betroffen seien in Wien zudem sämtliche Einrichtungen, wie koschere Restaurants, Supermärkte und Schulen. Gemeindemitglieder wurden dazu aufgefordert, zu Hause zu bleiben. Man wisse aber nicht, ob der Anschlag der IKG gegolten habe.

Die ersten Schüsse fielen am Montagabend gegen 20 Uhr nahe der Synagoge in einem Ausgehviertel. Nach Augenzeugenberichten feuerte der Täter wahllos in die Lokale. Ein Mann brach tödlich getroffen auf einem Bürgersteig zusammen. Viele Passanten rannten in Panik davon. Einige erhoben die Hände, um der Polizei zu zeigen, dass sie nicht bewaffnet sind.

Die Bevölkerung habe der Polizei inzwischen Tausende von Videoaufnahmen für ihre Ermittlungen zur Verfügung gestellt. Die Wohnung des Verdächtigen sei auf der Suche nach belastendem Material durchsucht worden, hieß es. 1000 Beamte seien in Wien im Einsatz.

INNENSTADT Die Wiener Innenstadt war zeitweise mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht mehr erreichbar. Weder Busse noch Bahnen steuerten Ziele im historischen Kern der Zwei-Millionen-Metropole an.  Aufgrund der weiteren polizeilichen Ermittlungen wurden die Bürger dazu aufgerufen, die Innenstadt zu meiden.

Ob es sich um einen Angriff auf die Synagoge handelte, blieb zunächst unklar. »Wir sind mit allen möglichen Kräften im Einsatz«, schrieb die Polizei auf Twitter. »Bitte meiden Sie alle öffentlichen Plätze im Stadtgebiet«, hieß es weiter. Viele Menschen, die in der Gegend unterwegs waren, flohen in Panik.

Auf einem Video, das der Zeitung »Falter« vorliegt, ist zu sehen, wie ein Mann gegenüber der Synagoge wahllos in Lokale schießt.

Auf Videos, die der Privatsender »Oe24« am Montagabend ausstrahlte, war ein maskierter Schütze zu sehen, der auf offener Straße zumindest zwei Schüsse abfeuerte. Ein anderes Video zeigte eine große Blutlache vor einem Restaurant.

Der Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde, Oskar Deutsch, schrieb auf Twitter, es könne derzeit nicht gesagt werden, ob die Synagoge eines der Ziele war. »Fest steht allerdings, dass sowohl die Synagoge in der Seitenstettengasse als auch das Bürogebäude an der selben Adresse zum Zeitpunkt der ersten Schüsse nicht mehr in Betrieb und geschlossen waren.«

RABBINER Schlomo Hofmeister, Rabbiner der Wiener Gemeinde, sagte der Nachrichtenagentur AP, er habe mindestens eine Person gesehen, die Schüsse auf Menschen gefeuert habe, die in der Straße unter seinem Fenster draußen vor Bars gesessen hätten.

Es habe sich um mindestens 100 Schüsse gehandelt. Auf einem Video, das der Zeitung »Falter« vorliegt, ist zu sehen, wie ein Mann gegenüber der Synagoge wahllos in Lokale schießt. dpa/ja

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