Australien

Hauptsache weit weg

Oral History: Hannah Miska sprach in Australien mit Überlebenden. Foto: mitteldeutscher verlag

Australien

Hauptsache weit weg

In einem neuen Buch erzählen Schoa-Überlebende von ihrem Neuanfang Down Under

von Olaf Glöckner  24.02.2015 10:26 Uhr

Mehr als 20.000 Holocaust-Überlebende kamen Ende der 40er-Jahre nach Australien. Wie das Land kulturell und sozial beschaffen war, spielte für sie zunächst kaum eine Rolle. Hauptsache, sie konnten Europa hinter sich lassen. So weit wie möglich weg von hier heißt denn auch das im Mitteldeutschen Verlag erschienene Buch der Historikern Hannah Miska.

Es erzählt vom Schicksal jüdischer Frauen und Männer zwischen unbeschwerter Kindheit, Nazi-Okkupation, Todeslagern, Emigration und Neuanfang. Ihre Geschichten beginnen in Prag, Brüssel, Krakau, Budapest, und sie enden in Melbourne, wo auch die Autorin einige Jahre gelebt und gearbeitet hat. Dort begegnete sie den Überlebenden im Holocaust-Museum, das diese selbst aufgebaut haben und in ehrenamtlicher Arbeit betreiben.

Im Museum traf Miska Menschen, die ihr entwaffnend offen und vertrauensvoll rekonstruierten, wie alles gekommen war. Da sind beispielsweise die Zwillinge Stephanie Heller und Annetta Able aus Prag, an denen der berüchtigte SS-Arzt Josef Mengele seine barbarischen Experimente durchführte. Da ist Zsuzsanne Nozick, die bis zum Winter ’45 noch relativ sicher in Budapest lebte, doch dann am Ufer der Donau die Ermordung ihrer Mutter erlebte.

Da ist Irma Hanner aus Dresden, deren Verwandte nach Auschwitz deportiert wurden und deren Jugend im KZ Theresienstadt abrupt endete. Und da ist Willy Lermer aus Krakau, der zuerst Zwangsarbeit verrichten musste, später nach Auschwitz-Birkenau kam, Todesmärsche erlebte und erst Ende April 1945 im KZ Dachau von den Amerikanern befreit wurde.

Schicksale Keines der erzählten Schicksale gleicht dem anderen, jedes ist auf eigene Weise erschütternd. Miteinander teilen die Erzähler ihre verlorene Kindheit und Jugend und meist auch den Verlust ihrer Familie. Verschiedene Wege führten sie nach Melbourne: Manche von ihnen zogen zu Geschwistern, die vorher emigriert waren. Andere beantragten die Übersiedlung bei der International Refugee Organisation (IRO), die nach 1945 die Aufnahme von europäischen Kriegsflüchtlingen auch in Australien vermittelte.

Den meisten Neuankömmlingen ist die australische Welt bei ihrer Ankunft völlig fremd – und das bis hin zur englischen Umgangssprache. Schmerzhaft vermissen sie die Eltern, Großeltern und Geschwister, die Freunde von nebenan, die Parks ihrer Jugend. Angesichts der erlebten Grausamkeit, der erlittenen Gesundheitsschäden und der ungewöhnlichen Emigrationsverläufe erstaunt, wie tapfer und erfolgreich die noch kaum Erwachsenen ihr Leben meistern.

Sie gründen Familien, ziehen Kinder groß, etablieren sich im Berufsleben, bauen Häuser und vernetzen sich neu. Relativ spät, und oft erst, nachdem die eigenen Kinder das Haus verlassen haben, geben sie der Erinnerung an das Grauen Raum. Manche veröffentlichen nun ihre Geschichten, sprechen vor Schulklassen und bauen das Melbourner Holocaust-Museum auf. Das hält das Gedenken an die Schoa-Opfer in Australien wach und sensibilisiert jüngere Generationen für die Gefahr von Massenverbrechen.

Miskas Buch bringt uns Zeitzeugen nahe, die dem Tod ins Auge gesehen haben, oft alles verloren und sich in Australien am Ende doch eine neue Welt schufen. Stephanie Heller und Annetta Able resümieren: »Unser Sieg über Hitler sind unsere Kinder und Enkelkinder.«

Hannah Miska: »So weit wie möglich weg von hier. Von Europa nach Melbourne – Holocaust-Überlebende erzählen«. Mitteldeutscher Verlag, Halle 2014, 488 S., 19,95 €

Schweiz

Neues Holocaust-Memorial in Bern

In Bern soll bis Ende 2027 eine Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus errichtet werden, das den Namen »Unfolded minute« trägt

von Nicole Dreyfus  09.09.2026

Emirate

Generation Golf

Dubai boomt als Reiseziel für Israelis. Doch schon vor dem Beitritt zu den Abraham-Abkommen ist eine Gemeinde gewachsen, für die der jüdische Alltag in einem arabischen Land Normalität ist

von Mark Feldon  09.09.2026

Meinung

Ein Sonntag genügt!

Was gehen uns in der Schweiz die Wahlen in Sachsen-Anhalt an? Auf den ersten Blick nicht viel. Auf den zweiten wird klar: Das Problem ist nicht nur die Partei selbst

von Zsolt Balkanyi-Guery  08.09.2026

Nachruf

Gloria Steinem: Ein Leben im Dienst der Gleichberechtigung

Die Journalistin und feministische Aktivistin starb im Alter von 92 Jahren. Mit ihrem Magazin »Ms.« veränderte sie den Blick auf Frauen nachhaltig

 04.09.2026

Schweiz

»Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen!«

Der neunjährige Nathan Hertig ist eines von 25 jüdischen Kindern des FC Hakoah Zürich, die die Profis des FC Zürich ins Stadion begleiten durften. Im Interview erzählt er von diesem Erlebnis

von Nicole Dreyfus  03.09.2026

Terezín 2050

Theresienstadt: Zwischen Gedenken und Weiterleben

Einst Habsburger Festung, dann NS-Ghetto, heute tschechische Kleinstadt: Terezín (Theresienstadt) ist Erinnerungsort und lebendige Stadt zugleich. Internationale Forscher suchen nach Perspektiven für den Spagat zwischen Vergangenheit und Zukunft

 03.09.2026

Ungarn

Jüdisches Leben nach Orbán

Die neue Regierung verspricht eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Judenhass – und Partnerschaft auf Augenhöhe

von György Polgár  03.09.2026

USA

Warum Punk so jüdisch ist

In New York fing es an. In London wurde es Modetrend. Aber was hat eigentlich Lenny Bruce damit zu tun?

von Sarah Thalia Pines  31.08.2026

Interview

»Die Lage der schwedischen Juden ist schrecklich«

Schwedens Bildungs- und Integrationsministerin Simona Mohamsson über den Davidstern und die Vermischung von Israel-Kritik und Antisemitismus

von Michael Thaidigsmann  31.08.2026