USA

Hadern bis zum Grab

Blick auf die Unglücksstelle, wo am 24. Juni ein zwölfgeschossiges Gebäude aus noch ungeklärten Gründen in sich zusammenbrach Foto: imago images/ZUMA Wire

Rabbi Motti Seligson weiß, was ihm heilig ist. Dazu zählt die jüdische Bestattungstradition. »Das jüdische Gesetz bedeutet, dass der Körper in seiner Gesamtheit der Erde zurückgegeben wird«, erklärte der stellvertretende Direktor von Chabad.org einem Reporter der »Washington Post« nach Bergung der meisten Opfer des Hochhauseinsturzes von Surfside im US-Bundesstaat Florida. Einäscherung und Einbalsamierung sind verboten. Der Körper des Verstorbenen »soll so vollständig wie möglich zur Erde zurückkehren«.

Genau das ist die Herausforderung für ihn und zahlreiche jüdische Helfer seit dem 24. Juni, als das zwölfgeschossige Gebäude an der Collins Avenue aus noch ungeklärten Gründen in sich zusammenbrach. Eine Tragödie für die Angehörigen der mehr als 100 Toten.

bergung Obwohl niemand sagen kann, ob unter den Trümmern noch mehr Leichen gefunden werden, steht fest, dass ein Drittel der geborgenen Opfer jüdischen Glaubens waren. Die Bergung der Leichen ist nichts für schwache Nerven. »Sie graben mit den bloßen Händen«, so der Chef der lokalen Feuerwehr Alan Cominsky.

Obwohl niemand sagen kann, ob unter den Trümmern noch mehr Leichen gefunden werden, steht fest, dass ein Drittel der geborgenen Opfer jüdisch war.

Die Körper aller Toten sind entstellt und durch die Gewalt der einstürzenden Betonteile unvollständig. Einzelne Finger, Zehen oder Gliedmaßen müssen identifiziert werden. Die Helfer geben den Angehörigen das wenige zurück, was sie gefunden haben: Spielzeug, blutige Kleidung, Alltagsgegenstände, die die Spuren der Getöteten aufweisen.

Bestatter, technische Hilfsdienste und jüdische Freiwillige bereiten die Leichen auf ihre Beerdigung nach jüdischem Brauch vor. »Ihre Arbeit ist entscheidend, um den Angehörigen Trost zu spenden«, so Seligson. »Es geht um den respektvollen Umgang mit ihrer Lieben.«

grauen Die Helfer führt das an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Die Strapazen der letzten Wochen sind Leibel Miller anzusehen. Der Rabbiner und Direktor der Chewra Kadischa von Florida ist gesundheitlich angeschlagen. Ursache dafür ist massiver Schlafmangel und das Verarbeiten des Grauens.

Und er muss folgenschwere Entscheidungen treffen. Soll er Leichenteile zur Bestattung freigeben, wenn die Aussicht besteht, wenig später weitere Körperteile zu finden? Das Grab wieder zu öffnen, vergrößert die Trauer der Familien, erklärt Miller der jüdischen Zeitung »Forward«. »Das können wir nicht riskieren, wir hoffen, dass wir ganze Körper bergen können.«

Genau das belastet die Opfer-Familien zusätzlich, denn die jüdische Tradition der Bestattung innerhalb von 24 Stunden nach dem Tod war wegen der zeitraubenden Bergung der Toten aus den Betontrümmern von Anfang an nicht möglich. Schon vor zwei Wochen haben die Rettungsdienste ihre Suche nach Überlebenden eingestellt. Zu diesem Zeitpunkt galten 31 Menschen noch als vermisst.

bindung Der Anteil an Juden unter den Opfern entspricht in etwa dem in der Gesamtbevölkerung an den nördlich von Miami Beach gelegenen Badeorten, wo mehr als jeder Dritte der rund 14.000 Einwohner jüdisch ist. Wie stark die emotionale Bindung zum Beispiel zu Israel ist, lässt sich daran ablesen, dass nirgendwo sonst in den USA proportional so viele Juden leben, die Israel besucht haben, wie in Surfside.

Israels Diasporaminister Nachman Shai bezeichnete die toten Juden von Surfside als »nationale Tragödie«.

Die jüdische Gemeinschaft ist auch besonders hinsichtlich ihrer Vielfältigkeit. In Surfside leben viele Juden aus Kuba, Kolumbien oder Argentinien. Knapp ein Drittel von ihnen bezeichnet sich als orthodox, ein Viertel sieht sich einfach als jüdisch, so der Spezialist für jüdische Gemeinden in den USA, Ira Sheskin von der Universität Miami; bei nur gut zwei Prozent Juden in der US-Bevölkerung eine außergewöhnlich kompakte jüdische Gemeinde mit 85 Synagogen im Großraum Miami.

Die Nähe zu Israel spiegelt sich in der praktischen Hilfe israelischer Hilfsorganisationen vor Ort wider, darunter auch Israels Minister für die Diaspora, Nachman Shai. Er bezeichnete die toten Juden von Surfside als »nationale Tragödie«.

Die Eltern von Dovy Ainsworth und seinen sechs Geschwistern ruhen inzwischen auf einem jüdischen Friedhof in New York. Vom Tag der Entdeckung der Leichen am 5. Juli blieben sie nie alleine. Wächter, die Schomrim, lasen Psalme, bevor die Familie am abgedeckten Grab zum ersten Mal das Kaddisch sprach. Wenn man die Gesetze und Rituale der jüdischen Bestattung verstehe, »weiß man zu schätzen, wie tröstlich und wichtig sie sind«, so Dovy Ainsworth. »Es macht eine schreckliche Situation leichter.«

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