USA

Gleich und gleich

Vielfalt: Bei Sha’ar Zahav wird Gott dafür gepriesen, dass er Menschen mit unterschiedlichen sexuellen Neigungen geschaffen hat. Foto: Reuters

Es ist ein ganz besonderer Tag in der heiligen Gemeinde »Sha’ar Zahav« in San Francisco: Ein 13-jähriges Mädchen wird Batmizwa. Zuerst ruft man ihren Onkel zur Tora auf, dann ihre Lehrer, Freunde der Familie – und endlich ihre beiden Mütter. Das wiederum ist nun nichts Besonderes in der Gemeinde Sha’ar Zahav. Denn es handelt sich hier um die größte Synagoge für – einmal tief Luft holen – also: für Schwule, Lesben, Transsexuelle und Transvestiten.

Wer nun nach dieser Beschreibung annimmt, die Beterinnen und Beter seien ein buntes Völkchen, der hat recht – und unrecht zugleich. Recht insofern, als man in dieser Gemeinde nicht nur weiße, sondern auch schwarze und asiatische Gesichter erblickt; und unrecht, weil hier niemand in Lederkluft oder im Transvestitenminirock erscheint. Nicht einmal Ringe in Männerohren sind zu sehen. Alles sehr gepflegt und bürgerlich.

Neigungen Freilich findet der Gast beim Blättern im Siddur von Sha’ar Zahav, der gerade mal ein Jahr alt ist, mehrere Gebete, die er noch nicht kannte. Unter anderem ein »schwules Aleinu«. In dem Gebet, mit dem der Gottesdienst abschließt, dankt Israel dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, dass er die Juden von den anderen Völkern abgesondert, ihnen ein ganz eigenes Schicksal beschert hat. In der schwulen Fassung wird Gott außerdem dafür gepriesen, dass er Menschen mit unterschiedlichen sexuellen Neigungen geschaffen habe, auch wenn Schwule (und Lesben und Transsexuelle und Transvestiten) es im Leben nicht immer leicht hätten.

Dieses Gebet wurde bei dem Gottesdienst nicht gesagt, dafür aber ein anderes zur Erinnerung an die Pogrome während der Kreuzzüge und den Holocaust – in Sha’ar Zahav aber gehörten Schwulenverfolgungen und »Leben, die in Einsamkeit geführt wurden, weil sich die Liebe nicht äußern durfte«, in diese Aufzählung ganz selbstverständlich mit dazu. Ob es wohl Schwule gibt, die diese Einebnung des Holocaust ein wenig seltsam finden?

Sklaverei Die Batmizwa singt ihre Torapassage sehr schön, flüssig und fehlerfrei, hinterher gibt sie einen progressiven Drasch: Manche Gesetze in der Bibel seien eben zeitgebunden, sagt sie. Als die Israeliten durch die Wüste wanderten, sei es zum Beispiel noch üblich gewesen, Töchter in die Sklaverei zu verkaufen. »Wenn meine Mütter mich verkaufen würden, wäre ich sehr genervt.« Das bringt einen Lacher, versteht sich. Die Tora gehe davon aus, dass Frauen weniger wert seien als Männer, deshalb müsse der Ehemann klagen, wenn seiner Frau ein Tort angetan wurde. »Ich bin froh, dass heute Gleichheit zwischen Männern und Frauen herrscht«, sagt die Batmizwa.

Camille Shira Angel, die lesbische Rabbinerin von Sha’ar Zahav, setzt dieser Interpretation die theologischen Tüpfelchen auf: Orthodoxe Juden seien der Ansicht, sagt sie, die gesamte Tora sei göttlichen Ursprungs. Reformjuden hingegen hielten sie für Menschenwerk. Letzte Instanz sei das menschliche Gewissen. Es gebe Gesetze in der Tora, die so progressiv seien, dass wir sie noch nicht eingelöst hätten, denn wir leben ja noch nicht in einer vollkommen ökologischen, sozial harmonischen Gesellschaft. Der Gast schaut sich während dieser Predigt in der Synagoge um: ein schöner hoher Raum, runde Holzstreben unter der Decke, das Sonnenlicht strömt durch bunte Glasfenster herein.

geschichte Ganz zuletzt spricht ein älterer Mann mit grauem Bart, ein Mitglied des Synagogenvorstands. Er erinnert an die Gründungsgeschichte von Sha’ar Zahav anno 1977: Damals beschlossen drei orthodoxe schwule Juden, sich und ihre sexuelle Neigung nicht länger zu verstecken, sondern ihren eigenen Laden aufzumachen. Diese Geschichte kann natürlich nur in der kleinen Weltstadt San Francisco spielen, einer offenen, wimmelnden Metropole, in der einst die Hippies im Golden Gate Park herumsaßen und zwecks Menschheitsbeglückung kiloweise Haschisch kifften, während Timothy Leary die Parole ausgab: »Turn on, tune in, drop out«. Was immer das bedeutet haben mag.

Als Sha’ar Zahav gegründet wurde, so der ältere Herr, habe sich die Frage nach Kindern nicht gestellt. Als dann in den 80er-Jahren die ersten Jungen und Mädchen in der Gemeinde auftauchten – an dieser Stelle muss der Sprecher sich ein paar Tränen der Rührung und des Glücks aus den Augen wischen, ehe er fortfährt – »da beschlossen wir, dass sie Kinder von uns allen sein sollen«. Mittlerweile – die Jüdische Allgemeine berichtete darüber – hat die schwul-lesbisch-transsexuell-transvestitische Gemeinde ihre eigene Schule gegründet: Beit Sefer Phyllis Mintzer.

Sha’ar Zahav heißt auf gut Deutsch bekanntlich: Golden Gate. Gleichzeitig spielt dieser Name auf das Goldene Tor in Jerusalem an, durch das einst der Messias auf seinem Esel einreiten wird.

messianische Träume Die Gemeinde Sha’ar Zahav befindet sich an einer belebten Kreuzung. Direkt daneben liegt die katholische Missionsstation, von der aus St. Francisco einst gegründet wurde. Und wenn man über die Straße geht, findet man sich vor einer protestantischen Kirche, die jeden Sonntag um 11 Uhr deutsche Gottesdienste anbietet. Juden, Katholiken, Protestanten – das sind nur drei Gemeinschaften. Jede Kreuzung hat aber vier Ecken.

Der Gast fängt an zu fantasieren: An der vierten Ecke könnte einst eine Moschee mit einer lesbischen Muezzinin und einem transsexuellen Imam stehen, der am Freitag predigt, dass es sich beim Koran um Menschenwerk handelt und dass Allah schwule Polytheisten genauso liebt wie alle anderen Menschenkinder auch. Wo sonst als in San Francisco könnte eine solche Moschee gegründet werden? Und wenn dieses Gotteshaus niemandem mehr als etwas Außergewöhnliches erschiene, dann, denkt der Gast – tja, dann käme vielleicht wirklich der Messias.

www.shaarzahav.org

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