Grossbritannien

Gefilte Fish ‘n’ Chips

Als Liebhaber frischer Backwaren geht einem das Herz auf wie ein Hefeteig. »Grodzinski« steht rot auf weiß in verschnörkelten Buchstaben über dem Laden, »handcrafted bread and confectionary«, »Bäckerei seit 1888«. Wer es gern traditionell mag – ursprünglicher geht es kaum.

Grodzinskis Bäckerei hat ihren Sitz in Golders Green, weit im Norden von London, achteinhalb Kilometer vom Zentrum entfernt. Das Viertel wirkt kleinstädtisch und überschaubar. Es gibt eine dominante Geschäftsstraße: die Golders Green Road. Von der U‐Bahn‐Station aus erschließt sich entlang dieser Straße das Zentrum.

In jüdischen Kreisen wird Golders Green als lebhaftester Teil von Jewish London touristisch beworben. Das Viertel war schon immer so prägnant jüdisch, dass manch einer hier den Sitz der israelischen Botschaft vermutete – ein Witz, den die in den 50er‐Jahren populäre BBC‐Radio‐Comedy »The Goon Show« in die Welt gesetzt hat.

Cafés In Golders Green findet sich eine zusammenhängende lange Reihe jüdischer Geschäfte. Gelegentlich mischen sich asiatische Schriftzeichen unter die hebräischen. Es gibt etliche kleine bis mittlere Hotels und reichlich Cafés und Lokale. Selbstverständlich kann man hier überall koscher essen – das »Dizengoff« etwa bietet israelische und jemenitische Küche, und das »Solly’s« schmückt sich damit, kürzlich den Gefilte‐Fisch‐Wettbewerb unter Londons jüdischen Köchen gewonnen zu haben. Außerdem bekommt man hier sehr gute Falafel. Das Traditionshaus »Bloom’s«, das der in London erscheinende Telegraph »Symbol des jüdischen London und der mürrischen Kellner« nannte, ist seit einem Jahr geschlossen.

Golders Green ist einschlägig bekannt für seinen gut sortierten Fachhandel. Entlang der Hauptstraße finden sich drei orthodoxe Buchhandlungen. Als vor drei Jahren die Sängerin Amy Winehouse – sie wurde hier in der Nähe, in Enfield, geboren – gelegentlich auf der Hauptstraße gesichtet wurde, spekulierte der Boulevard, ob dies als Rückbesinnung auf die jüdischen Wurzeln zu werten sei. In Golders Green wurde Amy Winehouse nun im Juli eingeäschert.

Der Bezirk Barnet, zu dem Golders Green zählt, registrierte bei der letzten Volkszählung den prozentual höchsten jüdischen Bevölkerungsanteil in Großbritannien. Knapp 15 Prozent der rund 315.000 Einwohner waren jüdisch. Tatsächlich sei die Zahl höher, sagen viele, denn deutlich mehr Menschen seien jüdischer Herkunft, ohne sich explizit darauf zu berufen.

Das orthodox geprägte Viertel lernt man vielleicht am anschaulichsten im direkten Vergleich zu Stamford Hill kennen. Jener Stadtteil im Bezirk Hackney liegt ebenso weit im Norden und etwa zwölf Kilometer westlich von Golders Green. Stamford Hill ist das europäische Zentrum der Ultraorthodoxen. Dort leben rund 20.000 Chassidim in einer geschlossenen Gemeinschaft. Liberale Juden, die von New York hierher gezogen sind, berichten, wie streng in Stamford Hill das Leben organisiert und alles Weltliche weitgehend ausgeblendet werde. Wer hier eine bunte Galerie jüdischer Geschäfte fotografiert, wird unter Umständen angehalten.

Der lokale Einzelhandel und mehrere Supermärkte bieten in Stamford Hill eine Rundum‐Versorgung. Es gibt keinen Grund, in die Subway zu steigen und hinunter nach London zu fahren.

Sefarden Golders Green ist anders als Stamford Hill: wohlhabender, liberaler, weltlicher – oder in einem Wort: entspannter. 1959 gründeten Sefarden hier eine orthodoxe Synagoge. Chassidim leben hier auch, doch nur als kleine Minderheit. Begegnet der Besucher einer ultraorthodoxen Familie, kann es passieren, dass der Vater vorsorglich ruft: »No photos!« Die Orthodoxen von Golders Green kennen solche Geschichten – und sie haben Verständnis. »Die Leute haben Angst vor Anschlägen«, sagt der Metzger von Menachems Kosher Butcher.

Golders Green erscheint als jüdisches Idyll inmitten eines kosmopolitischen Viertels. Hier lebt eine starke asiatische Minderheit, die Hindus haben ihren Tempel und griechisch‐orthodoxe und koptische Christen jeweils eine Kirche. »Früher war es hier sehr ruhig«, sagt der Metzger. »Auch hier passen wir jetzt auf, sind wachsam, wenn Fremde kommen. Wir sind eine kleine Gemeinde, man sieht sofort, wer nicht dazugehört.«

Vor drei Jahren fanden sich erstmals an Mauern und Hauswänden Schmähungen und Schmierereien. Eltern richteten einen privaten Pendelbusverkehr ein, weil ihre Kinder auf dem Weg zur Schule mit Steinen beworfen wurden. »Der Antisemitismus erreicht Golders Green«, meldete damals eine Zeitung. Anfang 2009, im Verlauf israelischer Luftangriffe auf Gaza, loderte die Hetze erneut auf.

Die Gründung eines privaten Sicherheitsdienstes nach New Yorker Vorbild, der Shomrim‐Nachbarschafts‐Patrouille, im Jahr 2008 war vor allem eine Reaktion auf die insgesamt steigende Gewalt und Kriminalität in Golders Green und Stamford Hill. Traditionell ist die Kriminalitätsrate in orthodoxen und ultraorthodoxen Gebieten niedrig. Doch das nicht nur, weil Menschen, die strikt nach der Tora leben, eher wenig kriminelle Energie zu unterstellen ist. Gewalt, die frommen Juden innerhalb der eigenen Gemeinschaft widerfährt, wird nur selten angezeigt. »Solange es nicht gerade ein absoluter Notfall ist – und in vielen Fällen nicht einmal dann –, wird die Polizei nicht alarmiert«, sagte Shomrim‐Chef Nochem Pearlberger in einem Interview den Jewish News.

Für solche Fälle gibt es die Patrouille. In Golders Green sind 30 Shomrim‐Freiwillige im Einsatz, bei einer speziellen Hotline gehen jeden Monat rund 300 Anrufe ein. Gleichwohl, sagt Pearlberger, sei der Bedarf in der geschlossenen Gemeinschaft von Stamford Hill, wo die Ultraorthodoxen bevorzugte Opfer von Raub und Einbrüchen seien, deutlich höher. »Wir liefern jeden Tag jemanden in Handschellen bei der Polizei ab.«

An einem Sonntagabend im Juni wurde eine Shomrim‐Patrouille in die Golders Green Road gerufen. Drei Osteuropäer randalierten vor einer Pizzeria, sie grölten antisemitische Parolen und warfen mit Flaschen. Die Patrouille nahm die drei fest und übergab sie der Polizei. Im Juli provozierte ein junger Schwarzer jüdische Jugendliche mit Schmährufen. Einer der jüdischen Jungs kam am Ende in die Klinik, der Antisemit hatte ihm mit einer Flasche den Kopf blutig geschlagen. Mit der Lage in Nahost hatten diese Übergriffe nichts zu tun. Für Antisemitismus braucht es auch in Golders Green keinen Vorwand.

Krawalle Von dem aber, was dann Anfang August passierte, wurden sogar die gut gerüsteten jüdischen Gemeinden überrascht. Vom Bezirk Tottenham im Norden Londons wusste man auch außerhalb Englands, dass dort Fußball gespielt wird. Tottenham liegt zehn bis 15 Autominuten von Stamford Hill und Golders Green entfernt. Am 6. August brannten hier Polizeiautos, ein Bus und ein Gebäude. Die Krawalle griffen auf die Nachbarbezirke über und erreichten zwei Nächte später die Gegend um Stamford Hill. Örtliche Rabbiner riefen jüdische Geschäftsinhaber auch in Golders Green auf, ihre Läden zu schließen und zu sichern. Der Shomrim‐Notruf war zeitweise überlastet. In Stamford Hill verfolgten Shomrim‐Männer Plünderer und nahmen den Rädelsführer fest.

So sehr die jüdische Gemeinschaft gegen Angriffe von außen vorbereitet sein mag und so übertrieben die Vorsicht ihrer Mitglieder bisweilen anmutet – was nachhallt und bleibt, ist das Erschrecken darüber, wie schnell in einer zivilen Gesellschaft Proteste außer Kontrolle geraten und die öffentliche Ordnung außer Kraft gesetzt werden kann.

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