Schweden

Frischer Wind im Norden

Blick auf Gamla Stan, die Altstadt von Stockholm: Seit dem Jahr 2000 vermittelt die Hochschule »Paideia« das jüdische kulturelle und intellektuelle Erbe in Europa. Foto: Cristian Andriana

Wie Skandinavien und Judentum eine Symbiose ein­gehen können, zeigt sich bereits im Kleinen. Zu Sukkot war auf der Facebook-Seite von Paideia, dem Europäischen Institut für Jüdische Studien mit Sitz in Stockholm, ein Video zu sehen, das auf humorvolle Art und Weise mithilfe von Figuren des dänischen Plastikbauklötzchen-Herstellers Le­go die Bedeutung dieses Hohen Feiertags erläutert.

Darüber hinaus gab es dort in den vergangenen Monaten aber auch einige wichtige Veränderungen. Die Professorin Fania Oz-Salzberger, Tochter des 2018 verstorbenen israelischen Schriftstellers Amos Oz, hatte sich aus dem Direktorium verabschiedet, dem sie seit Herbst 2016 angehörte.

Angetreten war sie mit dem Ziel, die Rolle von Paideia als einem Vermittler des jüdischen kulturellen und intellektuellen Erbes in Europa weiter zu stärken. Unter anderem standen dabei für sie jüdische Literatur und Ideengeschichte im Mittelpunkt.

»Von Fania Oz-Salzberger sind sehr wichtige Impulse für unsere Arbeit ausgegangen«, betont Levi Spectre, ihr Nachfolger, der nun der akademische Direktor von Paideia ist. »Selbstverständlich wird sie dem Institut auch in Zukunft verbunden bleiben.«

Das Institut feiert im kommenden Jahr seinen 20. Geburtstag.

forschung Spectre selbst ist bestens in Schweden vernetzt. Der Israeli gilt unter anderem als Experte auf dem Gebiet der jüdischen Philosophie des Mittelalters, wurde an der Universität Stockholm promoviert und unterrichtete bereits an der Hebräischen Universität in Jerusalem sowie der israelischen Open University.

Sein aktueller Forschungsschwerpunkt ist das, was er »Knowledge Resistance« nennt. »Dabei geht es um die Fragen, was Individuen und Gruppen derzeit dazu motiviert, grundlegenden Kenntnissen über unsere Gesellschaft oder der Wissenschaft nicht nur mit Skepsis, sondern zum Teil mit aggressiver Ablehnung zu begegnen«, so Spectre. »Aktuelle Beispiele wären die Bewegung der Impfgegner oder die Verbreitung sogenannter alternativer Fakten, die maßgeblich zu einer Polarisierung in der westlichen Gesellschaft beitragen.«

Um diesem auf den Grund zu gehen und entsprechende Gegenstrategien zu entwickeln, greift das Konzept der »Knowledge Resistance« auf das Know-how von gleich vier Disziplinen zurück: der Medien- und Politikwissenschaften, der Psychologie und natürlich auch der Philosophie. Auf diese Weise möchte Spectre in der Arbeit von Paideia einige neue Akzente setzen.

Akzente Das Institut feiert im kommenden Jahr seinen 20. Geburtstag, was ein guter Anlass ist, Resümee zu ziehen und zu überlegen, welche Wege man künftig gehen möchte. »Paideia hat es in relativ kurzer Zeit geschafft, sich zu einer pan-europäischen Institution im wahrsten Sinne des Wortes zu entwickeln.«

Mit dem Bibelwissenschaftler Professor Yair Zakovitch oder Professor Rahel Elior, Expertin für Jüdische Philosophie und Mystik, konnte Paideia zahlreiche hochkarätige Experten aus Israel und den Vereinigten Staaten gewinnen. Zudem ist das Institut bestens vernetzt, unter anderem mit der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg, der School of Jewish Theology in Potsdam oder dem Forum for Jewish Studies an der Universität Uppsala. Zudem hat man in Stockholm – angefangen mit dem Paradigm Program, dem Paideia Project-Incubator sowie dem One Year Jewish Studies Program – eine ganze Palette von Angeboten aufgebaut, die auch zahlreiche Teilnehmer aus dem Ausland anziehen.

Mehr als 700 Studenten aus aller Welt haben bisher bei Paideia gelernt.

Mehr als 700 Absolventen aus der ganzen Welt haben bis dato bei Paideia einen Abschluss erworben. »Wir verstehen unsere Arbeit als einen Beitrag zur Stärkung jüdischer Identitäten«, erklärt Spectre. Das kommt vor allem im östlichen Europa gut an, weil das Vermitteln von Wissen über die Halacha, den Talmud oder andere jüdische Quellen ein Vakuum füllt, das durch die jahrzehntelange Unterdrückung jüdischen Lebens in den Staaten des ehemaligen Ostblocks entstanden ist. Aber auch in Schweden selbst will man verstärkt Flagge zeigen und über jüdische Traditionen oder die Schoa aufklären.

Zivilgesellschaftliches Engagement steht ebenfalls ganz oben auf der Agenda von Paideia. Dafür hat man vor drei Jahren eigens eine sogenannte Folkhögskola gegründet. »Das ist ein spezifisch skandinavisches Konzept«, skizziert Rektor Noa Hermele das Ganze. »Es geht um die Stärkung von Demokratiekonzepten im Allgemeinen sowie den Wissenserwerb des Einzelnen über bestimmte Themen.« In diesem Fall das Judentum mit seinen Traditionen und seiner Geschichte, wobei interkulturelle Zusammenarbeit großgeschrieben wird. »Wir stehen in enger Kooperation mit Schwedens einziger muslimischer Folkhögskola.«

Die ersten Einrichtungen dieser Art, die sich als eine Art professionalisiertes Erwachsenenbildungswesen mit dem Schwerpunkt Kultur bezeichnen lassen, entstanden bereits 1868. Heute gibt es in Schweden 156 davon.

Volkshochschule Auch das Gründungsprozedere ist ungewöhnlich. »2015 hatte sich Paideia beim Nationalen Rat für Erwachsenenbildung darum beworben, eine Folkhögskola zu eröffnen«, so Hermele. »Es war die erste mit einem jüdischen Profil.« 2017 ging es dann mit vier Kursen und 85 Teilnehmern an den Start, heute sind es 25 Angebote mit 450 Interessenten. Die bereits existierende muslimische Folkhögskola übernahm dabei die Rolle eines Tutors.

Diesen Sommer bezog man neue und größere Räumlichkeiten in der Nähe des Historischen Museums des Landes. Möglich wurde dies durch eine erfolgreiche Fundraising-Kampagne unter dem Stichwort »Room for Jewish Learning«.

»Auf diese Weise stärken wir die Identität der jüdischen Gemeinschaft des Landes, was letztendlich der gesamten schwedischen Gesellschaft zugutekommt«, so die Initiatoren.

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