New York

Frieden in Crown Heights

Das »Basil«, eine Pizzeria und Weinbar, liegt auf der richtigen, das heißt, der falschen Seite des Eastern Parkway in Crown Heights. Überquert man die breite Prachtstraße, findet man sich mitten im Land der Lubawitscher wieder: Männer in schwarzen Anzügen mit breitkrempigen Hüten; Frauen, die, züchtig gekleidet, ihre Kinderwagen schieben; Judaica‐Läden.

Wo das »Basil« liegt, ist das Lubawitscher‐Land gerade zu Ende. Dort fängt Crown Heights, eine Gegend im allertiefsten Brooklyn, an, jamaikanisch zu werden. Man sieht also mehr schwarze als weiße Gesichter auf der Straße und hört Englisch, das im karibischen Singsang gesprochen wird. Das »Basil« selbst ist glatt koscher, die Managerin, Clara Santos Perez, römisch‐katholisch. Die Leute, die bedienen, sind Latinos oder schwarz.

Das alles ist kein Zufall: In diesem Lokal sollen die verschiedenen Milieus, aus denen Crown Heights sich heute zusammensetzt – die Lubawitscher Chassiden, die jüdischen und nichtjüdischen Yuppies, die sich in immer größerer Zahl hier ansiedeln, aber eben auch die schwarzen Einwanderer aus der Karibik – Gelegenheit bekommen, gemeinsam eine Pizza zu essen, ja vielleicht sogar miteinander zu reden.

Gewalt Das »Basil« ist eine direkte Antwort auf die Crown Heights Riots, die Unruhen in dem Stadtteil vor zehn Jahren. Sie begannen – wie so oft in der Geschichte der antisemitischen Gewalt – mit dem Tod eines Kindes: Als der Konvoi des letzten Lubawitscher Rebben zu dessen Haus mit der berühmten Adresse 770 Eastern Parkway fuhr, gab es einen Unfall. Dabei kamen zwei Kinder unter die Räder: Angela und Gavin Cato, deren Eltern Einwanderer aus Guyana waren. Der siebenjährige Gavin Cato starb.

Ein antisemitischer Mob, der »Juden! Juden! Juden!« schrie, begann sofort, den Fahrer des Unfallautos zu verprügeln, einen jungen Mann namens Yosef Lifsh. Er wurde von einem jüdischen Krankenwagen der Organisation »Hatzolah« gerettet und abtransportiert, während Helfer am Unfallort noch versuchten, die beiden Kinder unter dem Auto hervorzuholen, das sie überfahren hatte. Daraus wurde später die antisemitische Mär, die Juden hätten sich geweigert, schwarze Kinder ins Krankenhaus zu fahren.

Gewalt Es begannen drei Tage der Gewalt: Jüdische Geschäfte wurden geplündert, Autos brannten, auf der Straße schrien Hunderte Demonstranten »Tod den Juden!«, Polizisten wurden mit Ziegeln beworfen. Ein junger Doktorand namens Yankel Rosenbaum wurde von schwarzen Jugendlichen mit Messerstichen verletzt und mit einem Ziegelstein erschlagen.

Der schwarze Prediger Al Sharpton heizte die Stimmung weiter an. Beim Begräbnis von Gavin Cato sprach er von bösen (selbstverständlich jüdischen) Diamantenhändlern und sagte: »Es ist ein Unfall, einen Krankenwagen der Apartheid in Crown Heights herumfahren zu lassen.« Auf einem Transparent war damals zu lesen: »Hitler hat seine Arbeit nicht ordentlich gemacht.«

Es war der schlimmste Ausbruch antisemitischer Straßengewalt in der amerikanischen Geschichte. Im Rückblick kann man leicht sehen, dass damals in Crown Heights etwas explodierte, das schon länger schwelte: Nachdem Schwarze und Juden einander lange als Verbündete betrachtet, Juden in der Bürgerrechtsbewegung eine hervorragende Rolle gespielt hatten, begann der schwarze Antisemitismus immer stärker zu werden. Es handelte sich um ein Phänomen des Neides, ein Feuer, das von der radikalen Black Panther Party, später auch von der »Nation of Islam« unter Louis Farrakhan geschürt wurde.

Und heute? Wer im »Basil« zu Mittag isst, trifft zwar kaum auf schwarze Gäste. Andererseits ist es aber auch nicht so, dass dieser (übrigens ziemlich teuren) Pizzeria ständig die Scheiben eingeschlagen würden. Gewiss, wenn man tief genug gräbt, kann man von manchen Jamaikanern dumme Sprüche darüber hören, dass die Juden zu viel Einfluss hätten und dass es unerhört sei, wie Amerika den Staat Israel unterstütze. Und wenn man noch tiefer gräbt, kann man auch von manchen Chassiden rassistische Sprüche über Schwarze hören. Aber das sind extremistische Ränder. In der breiten Mitte geht jede Gruppe ihrer Wege.

Wer heute die chassidische Seite von Crown Heights besucht, sieht jamaikanische Jugendliche dahinflanieren, ohne sich etwas dabei zu denken. Und auf der jamaikanischen Seite entdeckt man so manchen chassidischen Hut.

Abkühlung Jenseits von Crown Heights sind jüdische und schwarze Linksliberale ohnehin immer gut miteinander ausgekommen. Rabbi Marc Schneier, der in der schlimmsten Zeit viel dafür getan hat, um einen Dialog zwischen beiden Seiten in Gang zu bringen, stellt Al Sharpton mittlerweile eher gute Noten aus: »Ich verteidige nicht, was er während der Unruhen in Crown Heights gesagt hat«, meint er, »aber ich habe gesehen, wie dieser Mann dazugelernt hat.« Sehr zur Abkühlung der antisemitischen Hitze dürfte auch beigetragen haben, dass Louis Farrakhan mittlerweile keine tragende Rolle mehr spielt. Er ist ein alter Mann, der jungen Leuten nicht mehr viel zu sagen hat.

»Was die Beziehungen zwischen Juden und Schwarzen betrifft, sind keine Nachrichten gute Nachrichten«, meint David Levering‐Lewis, ein Geschichtsprofessor an der New York University. Nicht so klar ist indessen, warum dieses Thema, das dem ganzen Land einst unter den Nägeln brannte, heute kaum mehr relevant scheint.

Zum Teil liegt es gewiss daran, dass die ethnische Vielfalt seit damals weiter zugenommen hat: In Crown Heights tummeln sich nicht mehr nur Schwarze aus der Karibik und Chassiden, man sieht auch manches asiatische Gesicht.

Zum Teil hat zur Befriedung auch beigetragen, dass New York insgesamt sehr sicher geworden ist. Vor zehn Jahren war die Verbrechensrate noch hoch, heute ist sie verschwindend gering. Der schwarze Antisemitismus hat offenbar auch deshalb an Schwung verloren, weil es mittlerweile eine schwarze Mittelschicht, also weniger Anlass zum ökonomischen Neid gibt. Insgesamt jedenfalls ist dies eine Geschichte, die für Europa ein hoffnungsvolles Zeichen setzen könnte: Antisemitismus muss nicht stärker werden, er kann auch wieder einschlafen.

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