Niederlande

Eine Mikwe an der Maas

Das Limburgs Museum Venlo zeigt in einem neuen Anbau das älteste jüdische Bauwerk des Landes

von Tobias Müller  14.05.2012 08:33 Uhr

Tauchbad aus dem 13. Jahrhundert

Das Limburgs Museum Venlo zeigt in einem neuen Anbau das älteste jüdische Bauwerk des Landes

von Tobias Müller  14.05.2012 08:33 Uhr

Im Jahr 2004 stand Jos Schatorje vor dem Jüdischen Museum in Berlin, als sein Mobiltelefon klingelte. Sensationelle Nachrichten waren es, die dem Direktor des Limburgs Museums von zu Hause in den Urlaub übermittelt wurden: Bei archäologischen Grabungen am Ufer der Maas in Venlo waren die Arbeiter auf Reste eines alten Gebäudes gestoßen, bei dem es sich um eine Mikwe handeln könnte.

Eine Untersuchung von Fachleuten bestätigte die Vermutung, und nicht nur das: Die Mikwe aus dem 13. Jahrhundert ist das älteste archäologische jüdische Monument der Niederlande.

Quadratisch Acht Jahre später, so Schatorje, schließt sich der Kreis: Das neue Prunkstück im Keller des Museums ist seit wenigen Tagen den Besuchern zugänglich. Das Backsteingemäuer ist beinahe quadratisch und etwa mannshoch. Es besteht aus dunklem, graubraunem Mergel, umfasst knapp 80 Quadratmeter und zwei Etagen, die durch die sieben Stufen einer Treppe getrennt sind. Im unteren Bereich befindet sich das Becken, oben eine Umkleide, Warteraum und ein Bassin, um Hände und Füße zu waschen. Am Eingang lässt eine Nische in der Wand Platz für eine Kerze.

Nur besondere Gebäude, erklärt der Direktor, wurden im frühen 13. Jahrhundert aus Mergel gebaut. Im Fall der Mikwe steckte dahinter der Graf von Geldern, einem Herzogtum in der Region Niederrhein. In Venlo, das zu dieser Zeit lediglich eine kleine Handelsniederlassung an der Maas war, besaß er ein Zollamt.

Der Graf hatte einen Plan: Größere Städte in Geldern sollten ihm mehr Macht bringen. Weil Juden als Händler, Geldwechsler und Mediziner bekannt waren, ließ er eine Mikwe bauen und legte damit den Grundstein für eine Gemeinde. Die Nähe zur Maas sorgte für das nötige Grundwasser.

Ein Teil der Juden, die sich in der Folge in Venlo niederließen, soll aus Köln gekommen sein. Zwischen beiden Städten gab es im Mittelalter enge Beziehungen, was auch für die jüdischen Gemeinden galt. Doch lange konnten sich die rheinischen Juden an der Maas nicht zu Hause fühlen: Mitte des 14. Jahrhunderts wurden sie vertrieben, vermutlich, weil man sie für eine Pestepidemie verantwortlich machte. Venlos Christen benutzten die Mikwe fortan als Müllablage und Kloake. Sieben Jahrhunderte später haben Gemeinde und Museum die 180 Tonnen schweren Mauern in einer aufwendigen Operation an den neuen Ort transportieren lassen. Um die Mikwe herum errichtete man einen völlig neuen Anbau des Limburgs Museums.

Herausforderung Jos Schatorje sieht darin nicht nur einen enormen Zugewinn in archäologischer Hinsicht. »Ich nenne die Mikwe ein ›Mahnument‹. Ein Symbol für Vielfalt und dafür, dass unsere Gesellschaft nicht monokulturell ist.« Schatorje betont, dass das Element der rituellen Reinigung Religionen verbindet.

Der archäologische Konservator des Museums, Leo Verhart, ist noch immer beeindruckt von dem Tauchbad, das als viertältestes seiner Art in Europa gilt. »Ich habe noch nie eine so alte Mikwe gesehen.« Gleichwohl bringt sie eine Herausforderung mit sich: »Wie machen wir diese Bedeutung eigentlich sichtbar? Ohne Erklärung sehen die Besucher ja gar nicht, was das ist«, überlegt Verhart.

Die Mikwe in einen Kontext stellen – an diesem Projekt arbeitet man in Venlo nun: Zur Eröffnung Anfang Mai führte das Museum einen Studientag über jüdisches Leben in der Region durch. Zu sehen ist derzeit auch die Fotoausstellung »The Mikvah Project« aus dem Jüdischen Museum Frankfurt.

An dem Studientag beteiligte sich auch der niederländische Oberrabbiner Binyomin Jacobs, der im Herbst schon den Transport der Mikwe begleitete. Sein Fazit: »Es wohnen fast keine Juden mehr hier. Aber früher war das anders. Das konfrontiert die Menschen mit der Geschichte. Es ermuntert sie, Fragen zu stellen, die sie sonst vielleicht nicht gestellt hätten.«

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