Djerba

Eine Insel mit elf Synagogen

Bis zum Nachmittag sind alle Läden geschlossen. Es ist still geworden in den Straßen von Djerba. Nur wenige Geschäfte bleiben geöffnet. Ein Paar Frauen kaufen rasch noch die letzten Kleinigkeiten ein, einige Kinder spielen in einer Gasse. Die Sonne sinkt immer tiefer, und man kann das baldige Fest in der Luft deutlich spüren. Es ist Freitagnachmittag auf Djerba. Die jüdische Gemeinde der tunesischen Halbinsel bereitet sich auf den Schabbat vor.

Es ist eine der ältesten jüdischen Gemeinden der Welt, manche behaupten sogar, die älteste. Die große Synagoge, das El Ghriba im kleinen jüdischen Viertel Hara Saghira, wurde laut Überlieferung mit Steinen vom Tempel Salomos erbaut. Ob das stimmt, ist fraglich – sicher ist, dass an diesem Ort seit fast 2000 Jahren eine Synagoge steht – die älteste erhaltene in Nordafrika –, auch wenn die aktuelle Synagoge aus der letzten Jahrhundertwende stammt und nach einem terroristischen Anschlag 2002 instand gesetzt werden musste.

Wie in den meisten arabischen Ländern ist von den jahrtausendealten jüdischen Gemeinden heute nicht mehr viel übrig geblieben. Gegenwärtig leben kaum mehr als 1000 Juden auf Djerba. Fast alle der einst mehr als 100.000 tunesischen Juden sind seit der Staatsgründung Israels 1948 nach Israel, Frankreich oder in die USA ausgewandert – zuerst aus Sicherheitsgründen, später auch wegen wirtschaftlicher Aspekte. Zwar ermöglichte der sogenannte Arabische Frühling seit 2011 auch mehr Freiheit, doch löste er zugleich verstärkte Unsicherheit aus. Die Juden, die noch immer auf Djerba leben, fragen sich: Was bedeutet arabische Demokratie für uns? Wie werden wir in die Gesellschaft integriert?

hara Kabira Die meisten tunesischen Juden wohnen nicht in der Hauptstadt Tunis, sondern auf Djerba, einer Region mit einer Gesamtbevölkerung von 150.000 Menschen. Sie haben sich auf der Insel gewissermaßen eine eigene Insel eingerichtet: Das große jüdische Viertel, das Hara Kabira, findet sich nur wenige Minuten mit dem Taxi von dem kleinen entfernt. Dabei ist »groß« relativ – das Viertel umfasst kaum mehr als ein paar Straßenzüge. Drei Polizei‐Stationen sollen die Sicherheit seiner Bewohner gewährleisten.

Innerhalb des Viertels ist alles freundlich und vertraut. Weiße Häuser mit blauen Türen sind mit Mesusot, Chamsa und – typisch für die Region – Fischen geschmückt. Hier sind alle jüdisch. Es gibt elf Synagogen, die von außen so klein und unauffällig wirken, dass man an ihnen vorbeigeht, ohne sie zu bemerken. Innen sind sie schlicht, aber schön – im sefardischen Stil gestaltet. Gebetet wird schichtweise – die Zeiten werden locker gehandhabt. Meist kommen die Männer, wenn zu Hause die Mahlzeit beendet ist.

Außerhalb des jüdischen Viertels geht es zwar nicht völlig fremd, aber doch spürbar anders zu. Weder die muslimische Mehrheit noch die jüdische Minderheit geben offen zu, dass es Probleme miteinander gibt. Die Kinder besuchen die gleiche Grundschule – allerdings nur bis zur Barmizwa. Dann wechseln sie zur jüdischen Schule.

Beide Seiten – Juden und Muslime – sind stolz auf ihre djerbische Identität. Die lange jüdische Geschichte ist ein Teil davon, darin sind sich beide Seiten einig. Allerdings mit kleinen, feinen Unterschieden. Viele Muslime sagen »die Tunesier und die Juden«, während viele Juden von »Juden und Gojim« sprechen. Doch am Zusammenleben führt nun einmal – bei allen Differenzen – kein Weg vorbei. Schließlich muss hier jeder seinen Lebensunterhalt verdienen.

Fast alle Juden auf Djerba sind Juweliere. Sie führen kleine Geschäfte, viele davon in Houmt Souk, der sogenannten »Großstadt« der Insel. Ihre nichtjüdischen Nachbarn zählen ebenso zu ihren Kunden wie europäische Touristen und Käufer aus dem Ausland. Man kann gut davon leben und sich einen gewissen Luxus leisten: VW‐Autos direkt aus Deutschland, große LED‐Fernseher, die neuesten Smartphones und Häuser auf zwei Etagen mit zahlreichen Zimmern. Reichtum wird gern in Form von Leder, Marmor, Strass und Leopardenmustern zur Schau gestellt. Am Schabbat kleiden sich die Menschen ausgesprochen elegant – die Frauen in High Heels und sorgfältig geschminkt. Nach dem Gebet trifft man sich auf der Straße, besucht sich gegenseitig und redet miteinander bis spät in die Nacht.

infrastruktur Jedoch nicht alles ist Luxus. Tunesien ist immer noch ein Entwicklungsland, das sich von einem Putsch erholt und immer wieder unter Terrorattacken leidet. Was fehlt, ist Infrastruktur: Die Straßen sind stark beschädigt und staubbedeckt, Müll stapelt sich überall, oft in den leeren Grundstücken der zerstörten Gebäude. Die Juden von Djerba kümmern sich hauptsächlich um sich selbst.

Auf den ersten Blick könnte man die Insel‐Gemeinde am ehesten mit den Vierteln Williamsburg in New York oder Mea Schearim in Jerusalem vergleichen – eine geschlossene, streng religiöse Gemeinde, die seit Tausenden von Jahren nach den gleichen Regeln lebt. In der die Mütter noch immer die Ehen arrangieren, deren Partner einander nicht wirklich kennen, in der zehn Kinder pro Familie gang und gäbe sind und in der das Hebräisch eher biblisch klingt als nach modernem Iwrit.

Andererseits jedoch hat die Gemeinde ihre unvergleichlichen Eigenheiten. Da sind zum einen die allgegenwärtige Technik und die Mode. Zudem wird Gastfreundschaft großgeschrieben und kommt von Herzen – nicht nur, weil sie als Mizwa gilt.

Wenn die Männer über den Talmud diskutieren, dann reden sie in ihrer Muttersprache miteinander: Arabisch. Mädchen und Jungen schwimmen sogar zusammen – obwohl die Rabbiner dagegen sind. Mit Leib und Seele halten die Juden auf Djerba an ihrer kleinen, geschrumpften Gemeinde fest, während sie der Außenwelt im Alltag als Tunesier begegnen. Auf beide Seiten ihrer Identität – jüdisch und tunesisch‐orientalisch – sind sie stolz.

Zack Polanski

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