Hintergrund

»Ein unfassbarer Schreckensort«

Jüdischer Chor während der Gedenkzeremonie für die Opfer des Nazi-Massakers an ukrainischen Juden in der Schlucht von Babyn Jar (Archiv). Foto: imago

Die Besucher werfen Blumen die Böschung hinunter und verharren dann einige Minuten im stillen Gebet. Die Geste gehört zum traurigen Pflichtprogramm jüdischer Delegationen in der ukrainischen Hauptstadt Kiew. An den einstigen Massengräbern in der Schlucht von Babyn Jar gedenken sie der dort ermordeten Kiewer Juden.

Das Massaker von Babyn Jar vor 81 Jahren zählt zu den grausamsten Massenerschießungen des Zweiten Weltkriegs. Mit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 begann auch die systematische Ermordung der Juden in den eroberten Gebieten.

Angehörige eines SS-Sonderkommandos und zweier Polizeibataillone erschossen am 29. und 30. September 1941 in Babyn Jar mehr als 33.700 jüdische Männer, Frauen und Kinder. »Babyn Jar ist ein unfassbarer, einzigartiger Schreckensort«, sagte vor fünf Jahren der damalige Bundespräsident Joachim Gauck auf einer Gedenkveranstaltung in Kiew zum 75. Jahrestag des Massakers.

Er hob hervor, dass die deutsche Wehrmacht an den SS-Verbrechen »maßgeblich beteiligt« gewesen sei. Die frühere Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, bezeichnete das Massaker von Babyn Jar aus diesem Anlass als »Inbegriff des Schreckens«.

Heute erinnert am Schauplatz des Massenmordes wenig an die Verbrechen. Die Schlucht im Nordwesten Kiews wurde nach dem Krieg eingeebnet, auf dem Gelände ein »Kultur- und Erholungspark« angelegt.

Am 19. September 1941 nahmen Wehrmachtstruppen die damalige Hauptstadt der ukrainischen Sowjetrepublik ein. Ihnen folgte das Sonderkommando 4a der SS-Einsatzgruppe C, das bereits eine Blutspur hinter der Front hinterlassen hatte. Nur zehn Tage später wurde die damals am Stadtrand gelegene »Weiberschlucht« zum Massengrab für den Großteil der Kiewer Juden, denen es nicht gelungen war, rechtzeitig vor dem Einmarsch der Deutschen zu fliehen. Vor dem Krieg hatten etwa 200.000 Juden in der Stadt gelebt.

Als Vorwand für den Massenmord dienten Sprengstoffanschläge der Roten Armee im Kiewer Stadtzentrum. Die Deutschen forderten alle Juden der Stadt auf Plakaten auf, sich am Morgen des 29. September an einer Straßenkreuzung in einem westlichen Stadtteil zu versammeln. Sie sollten Dokumente, Geld, Wertsachen und warme Kleidung mitbringen: »Wer von den Juden dieser Anordnung nicht Folge leistet , wird erschossen«, drohten die Besatzer.

Viele Juden, die zum Sammelpunkt kamen, glaubten, sie würden umgesiedelt. Außerdem hofften sie wohl, am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur werde ihnen kein Leid geschehen. Eine lange Kolonne von Menschen machte sich zu Fuß auf den Weg zum damaligen jüdischen Friedhof im Nordwesten der Stadt, vor allem Frauen, Kinder und ältere Männer.

Nahe der Schlucht mussten die Menschen ihre Wertsachen und Dokumente abgeben und sich entkleiden. Dann wurden sie in den Tod getrieben. Ein Mitglied des Todeskommandos schilderte später vor Gericht den Ablauf: »Die Juden mussten sich mit dem Gesicht zur Erde an die Muldenwände hinlegen. (...) Die Schützen standen jeweils hinter den Juden und haben diese mit Genickschüssen getötet.«

Viele Opfer wurden lebendig begraben, weil die Kugeln sie nur verwundet, aber nicht getötet hatten. In der Stadt gingen derweil Gerüchte über das Schicksal der Juden um. Die Kiewerin Irina Choroschunowa schrieb am 29. September in ihr Tagebuch: »Wir wissen immer noch nicht, was sie mit den Juden machen. (...) Sie sagen, dass die Juden erschossen würden. Ich weiß nur eines: Dort trägt sich etwas Schreckliches zu.«

Nur wenige überlebten das Massaker. So ließ sich die 30-jährige Dina Pronitschewa, die am Abend des 29. September erschossen werden sollte, auf die Leichen in der Schlucht fallen, bevor die Schüsse sie trafen. Sie stellte sich tot. Es gelang ihr später, sich aus der bereits mit einer dünnen Erdschicht bedeckten Grube zu befreien und im Schutz der Dunkelheit zu entkommen.

Auch nach dem Massaker ging das Morden in Babyn Jar weiter. Tausende weitere Juden wurden dort in den folgenden Monaten erschossen. Auch sowjetische Kriegsgefangene, Partisanen und Roma wurden getötet. Bis zur Befreiung Kiews durch die Rote Armee am 5. November 1943 starben in Babyn Jar nach offiziellen sowjetischen Schätzungen rund 100.000 Menschen.

Angesichts ihrer drohenden Niederlage im Russland-Feldzug versuchten die Deutschen später, die Spuren der Gräueltaten zu verwischen: Jüdische KZ-Häftlinge wurden im Sommer 1943 gezwungen, Tausende Leichen in Babyn Jar auszugraben und zu verbrennen.

Die sowjetischen Behörden hatten nach dem Krieg kein Interesse daran, die Erinnerung an den Massenmord wachzuhalten. Der russische Dichter Jewgeni Jewtuschenko thematisierte das offizielle Schweigen in einem Gedicht von 1961. Es beginnt mit der Zeile: »Über Babyn Jar stehen keine Denkmäler.«

Das änderte sich erst Mitte der 70er-Jahre, als ein monumentales »Mahnmal für sowjetische Bürger und für die von den deutschen Faschisten erschossenen Kriegsgefangenen, Soldaten und Offiziere der Sowjetischen Armee« errichtet wurde. Verschwiegen wurde allerdings, dass Juden die Hauptgruppe der Opfer waren. Erst seit 1991 erinnert eine bronzene Menora an die jüdischen Opfer des Massakers.

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