Weissrussland

Der unbekannte Tatort

Blick in die neue Gedenkstätte Foto: Galina Lewina

Weissrussland

Der unbekannte Tatort

Bundespräsident Steinmeier eröffnet die Gedenkstätte am ehemaligen NS-Vernichtungslager Maly Trostenez

von Irene Dänzer-Vanotti  25.06.2018 19:35 Uhr

Das NS-Vernichtungslager Maly Trostenez in Minsk ist in Deutschland weitgehend unbekannt. Dabei wurden auch Juden aus deutschen Städten dorthin deportiert und ermordet. Am Freitag eröffnet Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in der weißrussischen Hauptstadt eine Gedenkstätte. Auch einer der wenigen noch lebenden Nachfahren der Opfer wird mit dabei sein: der 92-jährige Kurt Marx. Er floh mit dem Kindertransport nach London, seine Eltern wurden in Maly Trostenez ermordet.

Juden aus Hamburg, Köln, Düsseldorf, Bremen, Frankfurt am Main, Berlin und Prag wurden ab 1941 in Zügen nach Minsk deportiert unter dem Vorwand, sie in den von der Wehrmacht eroberten Gebieten in der Sowjetunion anzusiedeln. Eine von ihnen war die damals 61-jährige Düsseldorfer Ärztin Hedwig Jung-Danielewicz, die am 11. November 1941 mit 995 anderen Juden aus Düsseldorf und Umgebung an der Sammelstelle am Schlachthof eintraf.

Deportation Jung-Danielewicz hatte als eine der ersten deutschen Frauen Medizin studiert und 1911 in Düsseldorf eine Arztpraxis eröffnet. Als »Hedwig Sa­ra Jung, geborene Danielewicz, Beruf unbekannt« wurde sie auf der Deportationsliste geführt. Mit dem Zug wurde sie nach Minsk gebracht.

Die Wehrmacht hatte die Sowjetunion im Juni 1941 überfallen und die Belarussische Sowjetrepublik in wenigen Wochen eingenommen. In der Hauptstadt Minsk richtete die SS auf Befehl des Reichssicherheitshauptamtes ein jüdisches Ghetto ein. 80.000 Menschen lebten auf engstem Raum in den Holzhäusern der Altstadt. Als die Deportationszüge eintrafen, wurden im Ghetto Bewohner ermordet, um Platz für die Neuankömmlinge zu schaffen. Im Vorort Maly Trostenez errichteten die deutschen Besatzer einen Erschießungsplatz und hoben Massengräber aus.

Der Düsseldorfer Transport nach Minsk war einer der ersten. Aus Hamburg waren wenige Tage zuvor auch etwa 1000 Juden angekommen. Als Hedwig Jung-Danielewicz eintraf, half sie im Ghetto anderen Menschen. Ein Soldat stahl für sie Medikamente und Verbandszeug aus der Wehrmachtsapotheke.

In Köln sorgte unterdessen der Direktor der einzigen weiterführenden jüdischen Schule im Rheinland, Erich Klibansky, dafür, dass 140 seiner Schüler in Kindertransporten nach England entkamen, unter ihnen auch Kurt Marx.

Klibansky leitete die Jawne-Schule und hatte rechtzeitig erkannt, dass Juden unter den Nationalsozialisten keine Zukunft hatten. Er plante, seine Schule ganz nach England zu verlegen – aber es gelang ihm nicht mehr. Am 20. Juli 1942 wurde aus Köln ein Transport mit 1164 jüdischen Kindern, Frauen und Männern nach Minsk geschickt.

Unter ihnen waren die Eltern von Kurt Marx sowie sein Schuldirektor Erich Kli­bansky. Sie wurden, wie heute bekannt ist, nicht mehr ins Minsker Ghetto gebracht, sondern unmittelbar nach der Ankunft in Maly Trostenez ermordet. Dort kam vermutlich auch Hedwig Jung-Danielewicz ums Leben. Weil sich ihre Spur verliert, wurde die Ärztin nach dem Krieg für tot erklärt.

Massengräber Auf den von der nationalsozialistischen Verwaltung geführten Listen sind etwa 60.000 Menschen verzeichnet, die in Maly Trostenez erschossen oder in Gaswagen getötet wurden. Die Leichen wurden, als die Wehrmacht 1943 auf dem Rückzug war, auf der Suche nach Zahngold wieder aus den Massengräbern gezerrt und dann verbrannt.

»Die Menge der Asche allein zeigt uns, dass hier mindestens 200.000 Menschen umgebracht wurden«, sagt der orthodoxe Erzpriester von Minsk, Fjodor Powny. Die genaue Zahl wird man wohl nie erfahren.

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