Großbritannien

Der grüne Populist

Will mit antizionistischen Positionen bei den britischen Wählern punkten: Zack Polanski Foto: picture alliance / empics

Er sei einer von nur fünf jüdischen Parteiführern in der Geschichte Großbritanniens, betont Zack Polanski, frisch gewählter Vorsitzender der englischen und walisischen Grünen, stolz. Satte 84,6 Prozent der Mitglieder stimmten für ihn und entschieden sich damit für seinen bewusst linksorientierten Kurs.

Im Mittelpunkt seiner Politik stehe die soziale Gerechtigkeit, sagt er. Doch umweltpolitische Themen fielen nicht unter den Tisch, denn, so sagte Polanski der »Jüdischen Allgemeinen«: »Ohne soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit kann es keine umweltpolitische Gerechtigkeit geben.« Mit Stolz erfüllt Polanski, der in Manchester als David Paulden auf die Welt kam und mit 18 seinen einstmals anglisierten jüdischen Namen wieder annahm, dass er einer der ersten offen schwul lebenden jüdischen Politiker in einer Führungsposition ist. Erste politische Erfahrungen hatte er als Mitglied der Londoner Assembly gesammelt. Ein Gremium, das Entscheidungen zu Wirtschaft, Polizei oder Verkehr in der britischen Hauptstadt trifft.

Er rief eine parteiinterne jüdische Gruppe ins Leben

Als Kind ging Polanski auf eine jüdische Schule, studierte dann Soziologie und Theaterwissenschaften in Wales, lebte vorübergehend in den USA und arbeitete später unter anderem als auf Hypnose spezialisierter Psychotherapeut. Dafür interessierte sich das Frühstücksfernsehen am Tag nach seiner Wahl an die Parteispitze besonders. Denn 2013 hatte das Boulevardblatt »The Sun« eine Geschichte veröffentlicht, laut der Polanski Frauen helfen wollte, mithilfe von Hypnose deren Brüste zu vergrößern. Er hat sich dafür entschuldigt und gesagt, dass es sich um ein unentgeltliches Experiment gehandelt habe, worüber falsch berichtet worden sei.

Zunächst bei den Liberaldemokraten aktiv, die politisch Mitte-links zu verorten sind, wechselte Polanski schließlich zu den Grünen, weil diese »seriöser« seien. Dort begann auch sein Engagement gegen den Antisemitismus im eigenen Land. Er rief eine parteiinterne jüdische Gruppe ins Leben und setzte sich für die Übernahme der Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) ein. Er galt als Kritiker des Labour-Vorsitzenden Jeremy Corbyn, der mit zahlreichen antisemitischen Positionen auffiel. Inzwischen scheint Polanski seine Meinung allerdings geändert zu haben. Nur in Teilen der Partei habe es damals Antisemitismus gegeben, sagt er. Corbyn, der Labour verlassen hat und eine eigene Partei gründen will, sei ein tapferer Zeitgenosse, ein Politiker, der ihm gefalle. Die neue Haltung mag der Tatsache geschuldet sein, dass zahlreiche Linksaußen-Genossen nach Corbyns Abgang zu den Grünen gewechselt sind. Und sollte Corbyn tatsächlich eine neue linke Partei gründen, könnte dies die Grünen sowohl Mitglieder als auch Stimmen kosten. Das weiß auch Polanski, der schon von Zusammenarbeit oder sogar Koalition spricht. Denn nicht nur beim Thema soziale Gerechtigkeit ist man sich einig, auch wenn es um Israel geht.

Früher war Polanski ein Kritiker von Jeremy Corbyn, dann änderte er seine Meinung.

Für viele Grüne wie für Corbyn ist der Genozid-Vorwurf gegen Israel keine Frage, sondern eine Tatsache. Boykottaufrufe gegen den »Apartheidstaat« gehören mittlerweile zur Normalität. Ein Waffen­embargo sowie ein genereller Boykott waren bei den Wahlen 2024 die einzigen außenpolitischen Forderungen im Wahlprogramm der Grünen. Polanskis Vorgänger hatten lange vor dem 7. Oktober 2023 Maßnahmen gegen Israel gefordert. Noch markanter war die Ernennung von Mothin Ali zum Vize-Parteivorsitzenden der Grünen 2024. Noch am 7. Oktober 2023, als die Hamas das größte Massaker an Juden seit der Schoa verübte, nannte er Israel die Heimat eines »weißen Siedlerkolonialismus«, der ein Ende haben müsse. Sechs Monate später feierte er seine Wahl als Sieg für die Menschen in Gaza und rief »Allahu Akbar«. Dafür musste er sich entschuldigen, laut Polanski aber nur, weil »rechtsextreme Provokateure« das Ganze skandalisiert hätten.

Auf die Wut der Menschen reagieren

Einige Kandidaten für die Kommunalwahlen 2024 mussten aufgrund antisemitischer Äußerungen zurückgezogen werden. Weil sie Premier Benjamin Netanjahu mit Hitler verglichen oder behaupteten, dass Israelis das Blut von Palästinensern trinken. Bei diesen Personen handle es sich um eine winzige Minderheit, erklärte Polanski mehrfach. Dabei hatte er selbst vor fünf Jahren gesagt, dass Israel – das er übrigens noch nie besucht hatte – das Resultat von Siedlerkolonialismus sei. Schließlich bezeichnete er den Board of Deputies, den Dachverband der jüdischen Gemeinschaft in Großbritannien, als Lobby Israels. Mit der als terroristisch eingestuften »Palestine Action« dagegen, radikalen Pro-Palästina-Aktivisten, die gerade Büros des israelischen Waffenproduzenten Elbit verwüstet haben und in Militärbasen eingedrungen sind, hat er keine Probleme.

Neuestes Ziel von Polanski, dessen Partei derzeit auf Rang fünf liegt, ist es, dem Rechtspopulisten Nigel Farage nachzueifern, um den Grünen bei den Wahlen 2029 zu mehr Sitzen zu verhelfen. Dabei ginge es natürlich nicht um Farages politische Positionen, die er vollkommen ablehne, sondern um dessen öffentliches Auftreten. Man müsse auf die Wut der Menschen reagieren, glaubt Polanski, und diese dann umlenken. Damit die Wähler nicht mehr Ausländer oder Migranten als Ursache ihrer Probleme begreifen, sondern die Ungerechtigkeit bei der Verteilung des Reichtums erkennen und höhere Abgaben für Vermögende einfordern. Da könnten auch Palästina-Solidarität und Israel-Boykott wichtige Rollen zukommen, da beide derzeit besonders emotionalisieren und mobilisieren.

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