Nachruf

»Der Gerechtigkeit suchte, nicht Rache«

Galt als führende Stimme der Schoa-Überlebenden: Roman Kent (1929–2021) Foto: imago/Eastnews

Genau sieben Jahre ist es her, da erhielt der Schoa-Überlebende Roman Kent das Bundesverdienstkreuz – »für seine außer­gewöhnliche Arbeit für die deutsch-jüdisch-amerikanischen Beziehungen«, hieß es zur Begründung. Der deutsche Generalkonsul Busso von Alvensleben verlieh ihm die Auszeichnung in New York. Dort lebte Kent seit Langem – und dort ist er am vergangenen Freitag nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von 92 Jahren auch gestorben.

Roman Kent war jahrelang Schatzmeister der Jewish Claims Conference und seit zehn Jahren auch Präsident des Internationalen Auschwitz Komitees, das Organisationen, Stiftungen und Holocaust-Überlebende aus 19 Ländern vereint. Jahrzehntelang war er Vorsitzender von »American Gathering«, einer amerikanischen Organisation von Schoa-Überlebenden und ihren Nachkommen, und leitete darüber hinaus die Jewish Foundation for the Righteous, eine Organisation, die bedürftigen Nichtjuden hilft, die während der Schoa Juden gerettet haben. 2011 wurde er auf Vorschlag des damaligen US-Präsidenten Barack Obama auch in den Beirat des US-Holocaust Memorial Council berufen.

BIOGRAFIE Roman Kent wurde 1929 als Roman Kniker in Łódz geboren. Als 1939 die deutsche Wehrmacht in Polen einmarschierte, war er zehn Jahre alt. Die NS-Besatzungsbehörden internierten seine Familie im Ghetto. Der Vater Emanuel starb dort 1943 an den Folgen von Unterernährung. Zwei Schwestern gelang die Flucht nach Schweden. Die anderen Mitglieder der Familie wurden 1944 nach Auschwitz deportiert. Roman Kents Mutter Sonia wurde dort ermordet.

Gemeinsam mit seinem Bruder Leon überlebte er die Konzentrationslager Auschwitz, Merzbachtal, Dornau und Flossenbürg. Im Frühjahr 1945 befreiten amerikanische Truppen die beiden Jungen während des »Todesmarschs« nach Dachau. Ein Jahr später wanderten die Brüder im Rahmen eines Programms für Waisen in die USA aus. Kent lebte zunächst bei Pflegeeltern in Atlanta und besuchte dort die Emory University. Anschließend stieg er ins Import-Export-Geschäft ein und hatte Erfolg. 1957 heiratete er die Schoa-Überlebende Hannah Starkman, die wie er aus Łódz stammte. Sie starb 2017.

Jahrzehntelang kämpfte Roman Kent für die Rechte und die Würde von Nazi-Opfern.

Jahrzehntelang kämpfte Roman Kent für die Rechte und die Würde von Nazi-Opfern. Er setzte sich dafür ein, die zunehmend schwierigen Lebensbedingungen vieler zu verbessern. In den Vereinigten Staaten galt er als führende Stimme der Schoa-Überlebenden.

VERHANDLUNGEN Kent war Co-Vorsitzender des Verhandlungsausschusses der Jewish Claims Conference und trug maßgeblich dazu bei, dass die Regierungen Deutschlands und Österreichs sowie deutsche und österreichische Wirtschaftsunternehmen Milliardenzahlungen leisteten. Als leidenschaftlicher Zeitzeuge und Fürsprecher verlieh er den Forderungen besondere Dringlichkeit.

Stark war auch sein Bestreben, die Erinnerung an die Schoa wachzuhalten und jüngeren Generationen zu vermitteln, was geschieht, wenn sich Vorurteile und Hass ausbreiten. So appellierte er im vergangenen Jahr an den Facebook-Konzern und forderte die Entfernung antisemitischer Inhalte von der Plattform.

»Auschwitz-Überlebende in aller Welt verabschieden sich mit großer Dankbarkeit und tiefer Wehmut von Roman Kent, der über viele Jahrzehnte ein konsequenter und wortgewaltiger Repräsentant ihrer Erinnerungen und ihres Lebens gewesen ist«, erklärte der Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, Christoph Heubner. Mit seiner Forderung nach einem elften Gebot gegen die Gleichgültigkeit habe sich Roman Kent in die Geschichtsbücher eingeschrieben.

ELFTES GEBOT Bei der Gedenkfeier zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz hatte Kent am 27. Januar 2015 vor fast 50 Staats- und Regierungschefs aus aller Welt gefordert: »Wir alle müssen unsere Kinder Toleranz und Verständnis lehren. Wenn ich könnte, würde ich ein elftes Gebot verfügen: Du sollst kein unbeteiligter Zuschauer sein.«

Der Präsident der Claims Conference, Gideon Taylor, erklärte: »Roman wird als unerschütterliche Kraft des guten Willens und unbestreitbarer Verfechter der globalen jüdischen Gemeinde in Erinnerung bleiben. Er war mehr als ein Kollege – er war Familie, und sein Verlust wird eine Leerstelle hinterlassen, die niemals gefüllt werden kann.«

Auch der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Ronald S. Lauder, würdigte Roman Kent: »Er war eine inspirierende Persönlichkeit, die sich ihr ganzes Leben lang der Gerechtigkeit für die Überlebenden des Holocaust widmete. Ich war voller Ehrfurcht vor seinem Engagement. Er war ein Mann, der Gerechtigkeit suchte, nicht Rache, und der in die Zukunft statt in die Vergangenheit blickte.« Roman Kents Kindern, Enkelkindern und seiner gesamten Familie sprach Lauder »im Namen der jüdischen Gemeinden auf der ganzen Welt« sein Beileid aus. »Möge seine Erinnerung ein Segen sein.«

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