Belgien

Ballade am Flügel

Ohne die üblichen Bühnenposen: Sarina Cohn (16) trägt ihren selbst komponierten Song »Rien en apparence« sehr zurückhaltend vor. Foto: www.eurosong.be

Sarina Cohn sieht aus wie eine typische Brüsseler Gymnasiastin aus einem der besseren Viertel der Stadt, eine, die man zum Babysitten anstellen würde: unauffällig, schüchtern, fleißig. Die 16-Jährige besucht das jüdische Ganenu-Gymnasium, ist im vornehmen Brüsseler Uccle aufgewachsen und liebt klassische Literatur. Allein schon deshalb wirkt sie völlig fehl am Platz, als am Sonntagabend im Lütticher Kongresspalais eine Jury festlegt, wer Belgien beim Liederwettbewerb der Eurovision im Mai in Düsseldorf vertreten soll.

Show-Effekte Die Bühne erstrahlt in knalligem Violett, dazu gibt es die üblichen billigen Glitzer-Glamour-Show-Effekte. Ein gutes Dutzend Profi-Mainstream-Sänger treten zum Endausscheid an – unter ihnen Sarina. Unglaublich, dass sie es mit Rien en apparence unter die 14 Finalisten geschafft hat. Das Lied hat sie selbst komponiert und getextet. Es ist eine eine charmante, ruhige kleine Ballade mit Einflüssen von World Music und dem französischen Chanson à la Maxime le Forestier.

Sarina, die seit ihrer Geburt an einer schweren Sehbehinderung leidet, ist extrem nervös, denn der belgische Sender La Une strahlt den Endausscheid live im Fernsehen aus. Sarina trägt ein unauffälliges schwarzes Kleid, in ihrem glatten dunklen Haar steckt eine Stoffblume. In bester Singer-Songwriter-Manier sitzt die junge Frau ganz allein am Flügel und begleitet sich selbst zu dem eingängigen Song. Es geht um den Duft von frisch gemähtem Gras, glitzernde Muscheln am Meeresstrand, Sonnenuntergänge, Händchenhalten und Verliebtsein – die Träume eines ganz normalen Teenagers.

Die Melodie jedoch ist anspruchsvoll, schwierig zu singen, und so liegt Sarinas Stimme aus lauter Nervosität ein paar Mal etwas daneben. Ihr Klavierspiel bleibt hingegen stets professionell. Ein paar Mal zoomt die Kamera auf die kindlichen Hände mit den abgebissenen Fingernägeln, die sicher und fehlerfrei über die Tasten gleiten. Auf die typischen Bühnenposen verzichtet Sarina völlig, kein einziges Mal hebt sie ihr Gesicht, sucht den Kontakt zum Publikum. Im Gegenteil, Sarina hält den Kopf gesenkt, wirkt in sich gekehrt und angespannt. Als ihr Auftritt vorbei ist, scheint sie erleichtert zu sein.

So ist dann auch das Urteil der vierköpfigen Jury ziemlich niederschmetternd: Die zickige Ex-Eurovisions-Ikone Sandra Kim meint, Sarinas Lied würde sich nicht für die Eurovision eignen. Das findet auch ein anderes Jurymitglied. Allein die Sängerin Viktor Lazlo bescheinigt dem Song eine elektrisierende Wirkung: »Um dieses Lied zu verstehen, brauche ich nicht groß nachzudenken«, sagt sie, »hier ist ein junges Mädchen mit einer engelhaften, perfekten Stimme, die ganz in ihrer eigenen zauberhaften Welt gefangen ist. Wer könnte diesem Lied widerstehen?«

Credo Für Sarina selbst sind dieses Lied und sein Text ein kleines Credo: Es kommt im Leben auf die kleinen unauffälligen Dinge an, die einen dazu bringen durchzuhalten und weiterzumachen.

Wie man die Zähne zusammenbeißt und einfach weitermacht, ohne Verbitterung und ohne Selbstmitleid, das weiß Sarina. Von Geburt an ist sie durch einen viralen Infekt im Mutterleib stark sehbehindert. Erst vor Kurzem hat sie auch den verbliebenen Rest Sehkraft verloren. Trotzdem schafft sie es, ein Gymnasium zu besuchen. Dank Braille-Schrift und eines Computerprogramms für Sehbehinderte liest sie jeden Tag die Zeitung und gibt sich ihrer großen Leidenschaft hin, der klassischen Literatur.

Ihren ersten Medienauftritt hatte Sarina 2004 mit neun Jahren in der preisgekrönten Arte-Dokumentation Voir sans les yeux (Ohne Augen sehen). Damals konnte sie noch Farben, Formen und Umrisse ihrer Umwelt erkennen. In dem Film begleitet die Kamera das hochbegabte Mädchen während ihrer Unterrichtsstunden in alternativer visueller Erziehung unter der Aufsicht eines Therapeuten.

Durch das Experimentieren mit Farben und Formen sowie mit dem Tastsinn soll Sarina lernen, sich in einer Welt zurechtzufinden, die, das weiß sie, schon bald Stück für Stück verschwinden und für sie gänzlich unsichtbar werden wird.

Riesenwut Im Verlauf des Films lässt das Mädchen zwei Barbiepuppen – die eine blind, die andere sehend – ein Wortduell gegeneinander austragen: Die blinde Barbie verkündet mit Sarinas Kinderstimme, dass sie manchmal eine Riesenwut im Bauch hat gegen diejenigen, die sie nicht für voll nehmen und bevormunden. »Eines Tages werde ich es euch allen zeigen«, lässt Sarina die Puppe vor laufender Kamera sagen.

Zwei Jahre später, 2006, kommt dann Sarinas erster Durchbruch im Showbiz: Sie hat einen großen Auftritt bei der hochdotierten Brüsseler Judaica Academy, organisiert von Radio Judaica. In einem hautengen türkisfarbenen Glitzertop und engen Jeans singt sie ein sehr erwachsenes Lied von Idan Raichel. Es handelt von einem Mädchen, das seinem Freund, der zum Militärdienst eingezogen wird, Lebwohl sagt. Sarina singt auf Hebräisch, mit einer sehr erwachsenen Stimme und trägt einen triumphalen ersten Preis davon. »Von dir wird man noch hören«, prophezeit ihr die Jury, »eines Tages wirst du berühmt.« Den Namen Sarina Cohn muss man sich also auf jeden Fall für die Zukunft merken.

www.eurosong.be/?p=27792

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