Grossbritannien

Aus eigener Erfahrung

Wer zum Büro der Londoner Menschenrechtsorganisation »René Cassin« geht, muss an der Nam’s Heel Bar in Westhampstead vorbei. Sie befindet sich in einem kleinen Häuschen neben einer Eisenbahnbrücke. In der Nam’s Heel Bar kann man keinen Drink bestellen, sondern hier lassen die Leute aus der Umgebung ihre Schuhe reparieren.

Die Mitarbeiter von »René Cassin« im rotbraunen Backsteingebäude gegenüber wollen auch etwas reparieren: die Menschheit. Doch ihr Werkzeug sind nicht Hammer, Leim und Leisten, sondern die universellen Menschenrechte. Ihre Lehre sei »die jüdische Erfahrung einer verfolgten Minderheit«, sagt Direktorin Shauna Leven.

Gerichtshof »René Cassin« ist eine Gruppe, die in direktem Zusammenhang mit der Person steht, deren Namen die Organisation trägt. Der französisch-jüdische Jurist, Diplomat und Nobelpreisträger René Cassin (1887–1976) war einer der maßgeblichen Autoren der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen 1948. Cassin gehörte der UN-Menschenrechtskommission an sowie dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag, und er war Präsident des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte.

Die nach René Cassin benannte Londoner Organisation ist Tochter und Nachfolgerin der von ihm gegründeten Organisation Consultative Council of Jewish Organisations (CCJO) und hat dadurch einen offiziellen UN-Status. Von anderen jüdischen Organisationen wie zum Beispiel dem Jüdischen Weltkongress oder der zionistischen Frauenvereinigung WIZO unterscheidet sich die Londoner Organisation »René Cassin« dadurch, dass es ihr nicht um Juden geht.

Soziologen Daniel Silverstone, der Vorsitzende, ist Mitte 40, schlank und trägt ein blau kariertes Businesshemd. Er gibt zu, dass er die Organisation bis vor einigen Jahren noch gar nicht kannte, obwohl er sich jahrelang sozial engagierte und für Regierungsstellen arbeitete. Seine Mitarbeit bei »René Cassin« sei sehr sinnvoll, betont er. Seine Mitstreiter engagieren sich größtenteils freiwillig. Es sind jüdische Juristen, Soziologen und Aktivisten – Juden, denen die Menschenrechte wichtig seien. Silverstone nennt »René Cassin« deshalb eine »jüdische Stimme der Menschenrechte«.

Zur letzten Auseinandersetzung zwischen Israel und Gaza im vergangenen Sommer äußerte sich »René Cassin« kaum. So hieß es auf der Internetseite der Organisation lediglich: »Wir verurteilen Menschenrechtsverletzungen auf beiden Seiten.« Dass da nicht mehr stand, liege daran, dass sich bereits viele Menschenrechtsorganisationen mit dem Nahostkonflikt beschäftigen, sagt Direktorin Shauna Leven, eine in den USA aufgewachsene Rechtsanwältin mit internationaler Erfahrung.

»Wir konzentrieren uns lieber auf Themen, an denen wir näher dran sind und bei denen unsere Unterstützung eine echte Wirkung haben kann«, erklärt sie. Dazu gehören derzeit besonders die Menschenrechtsverletzungen gegen Europas Roma und Sinti sowie das Problem des unbefristeten Freiheitsentzugs von Asylbewerbern in Großbritannien. Außerdem bietet man Seminare zu verschiedenen Themen wie Extremismus in Europa und den Rechten Homosexueller an. Leven nennt all das »soziale Solidarität«.

Vermittler Dabei arbeitet »René Cassin« als Lobbygruppe und Anlaufstelle, aber auch als Vermittler und Erzieher, insbesondere in der jüdischen Gemeinschaft. »Wir wollen vermitteln, dass durch die Person René Cassin und etliche andere die Menschenrechte zum Teil der Nachlass von Juden sind«, erklärt Shauna Leven. So habe es zum Beispiel im Bürgerrechtskampf in den USA und im Kampf gegen die Apartheid in Südafrika zahlreiche jüdische Aktivisten gegeben.

»René Cassin« untersucht auch die Verknüpfungen zwischen den Menschenrechten und jüdisch-religiösen Traditionen. So hat die Gruppe vor ein paar Jahren eine Menschenrechts-Haggada und eine besondere Arbeitsmappe für all jene jüdischen Gemeinden in Großbritannien herausgegeben, die sich mit dem Thema Menschenrechte beschäftigen wollen. Ein weiteres Projekt richtet sich an alle Briten, ganz gleich, ob jüdisch oder nicht: »René Cassin« übersetzt Gesetzestexte in einfaches Englisch, um sie allen verständlich zu machen.

Stipendium Daniel Silverstone will sich aber nicht nur von der Person René Cassin und der Vergangenheit inspirieren lassen. Deshalb erhalten jedes Jahr 36 Nachwuchsaktivisten im Alter zwischen 25 und 35 Jahren ein einjähriges Forschungsstipendium. Sie sollen es nutzen, um mehr über die Menschenrechte zu lernen.

Solange die Bewerber bereit seien, einmal im Monat zu gemeinsamen Treffen nach London zu kommen, stehe das Programm auch Bewerbern aus Deutschland offen, versichert Silverstone. Überhaupt wolle man künftig auch auf dem europäischen Festland präsenter sein. Menschenrechtsaktivisten und solche, die es werden wollen, jüdisch oder nicht, sollten sich deshalb bei ihm melden, sagt er. Und wem wegen Menschenrechtsverletzungen ganz buchstäblich der Schuh drückt, dem kann bei René Cassins Nachbarn in der Nam’s Heel Bar zusätzlich geholfen werden.

www.renecassin.org

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