Wien

Antisemitismus am Denkmal für einen Antisemiten

Seit Neuestem geneigt: Denkmal für den einstigen Bürgermeister Karl Lueger (1844-1910) an der Wiener Ringstraße Foto: picture alliance / APA-Images

Am umstrittenen Denkmal für den einstigen Wiener Bürgermeister Karl Lueger (1844-1910) ist es offenbar zu einem antisemitischen Vorfall gekommen. Wie die Tageszeitung »Der Standard« und andere österreichische Medien berichteten, wurde der jüdische Künstler Alon Ishay, Ex-Präsident des Verbands der Jüdischen österreichischen Hochschüler:innen (JöH), von einem aufgebrachten als »Scheiß Judensau« beschimpft, bespuckt und tätlich angegriffen.

Ishay, der in Frankfurt geboren wurde und vor sechs Jahren nach Wien zum Studium kam, hatte das Denkmal für den als Antisemiten verrufenen Lueger mit Stickern beklebt, auf denen »Schande« stand, und mit Sprühkreide Fußabdrücke auf den Boden gesprüht. Ishays Aussagen zufolge entstand durch die Aktion kein Schaden am Denkmal. Sie war Teil eines Rundgangs, an dem auch laut »Standard« auch der jüdische Schriftsteller Doron Rabinovici, Dozenten der Universität für angewandte Kunst und deren Vizerektorin Gerhild Steinbuch teilnahmen.

Dennoch kamen rund 20 Polizeibeamte mit Blaulicht zum Denkmal, um die Aktion zu unterbinden. Gegen Ishay und Steinbuch wurden laut »Standard« Anzeigen wegen der Störung der öffentlichen Ordnung erstattet. Zudem prüft die Staatsanwaltschaft Wien die Einleitung von Ermittlungen wegen des Verdachts der schweren Sachbeschädigung.

Lesen Sie auch

Augenzeugen berichteten anschließend, die Polizei habe Ishay aufgefordert, das Denkmal umgehend zu reinigen, was ein Polizeisprecher gegenüber dem »Standard« zunächst nicht bestätigen wollte. Das Podest mit der 1926 errichteten Lueger-Statue war vor Kurzem um 3,5 Prozent geneigt worden, um Kritikern entgegenzukommen. Doch die Stadt Wien hatte sich Forderungen auch aus der jüdischen Gemeinschaft widersetzt, es ganz zu entfernen.

Nach dem Polizeieinsatz kam es dann zu dem antisemitischen Vorfall, den ein Instagram-Video dokumentiert. Ishay diskutierte zunächst mit einem Anwohner, der ihn nach seiner Herkunft fragte. Als sich als Jude zu erkennen gab, musste er sich dem Zeitungsbericht zufolge anhören, selbst »eine Schande für Österreich« zu sein. Anschließend mischte sich ein Passant ein und verwendete Schimpfwörter wie »Scheiß Juden« und »Judenschweine«. Zudem rief er laut »Standard«: »Hitler war ein Idol« und spuckte auf Menschen.

Ishay zeigte sich empört. Dem »Standard sagte er: «Zuerst bekomme ich als jüdischer Student zwei Anzeigen, weil ich mich künstlerisch gegen ein antisemitisches Ehrenmal engagiere. Kurz darauf werde ich antisemitisch beleidigt und dann noch von einem Passanten währenddessen als ‚Judenschwein‘ beschimpft und angespuckt. Das ist natürlich einschneidend, aber leider auch erwartbar.» mth

München

Oberrabbiner Goldschmidt: »Wir können nicht immer wegrennen«

Jüdisches Leben in Europa hat eine Zukunft, aber nicht von allein. Dafür braucht es nach den Worten des Oberrabbiners Pinchas Goldschmidt Partner in den Regierungen und in der Zivilgesellschaft

von Barbara Just  16.10.2026

Großbritannien

Universität Bath sagt Seminar mit Hochschule in Gaza ab

Eine Dozentin hatte britische Studenten aufgefordert, palästinensische Darstellungen des Nahostkonflikts nicht infrage zu stellen. Die Universität entschuldigte sich für die Vorgaben.

von Nicole Dreyfus  15.10.2026

Statistik

Zahl antisemitischer Vorfälle in Österreich bleibt auf hohem Niveau

Der Ausnahmezustand sei zum Alltag geworden, beklagt eine Antisemitismus-Meldestelle in Österreich. Im ersten Halbjahr 2026 wurden erneut Hunderte einschlägige Fälle gezählt

 15.10.2026

»The Social Reckoning«

Empörungsköder

Der Whistleblower-Thriller zeigt die neue Weltordnung à la Facebook – und was Menschen nicht dagegen tun

von Sophie Albers Ben Chamo  15.10.2026

New York

Magische Juden

Handleser, Geisterbeschwörer, Wahrsager und Wunderheiler: Eine neue Ausstellung beleuchtet die Lust am Okkulten

von Eva C. Schweitzer  15.10.2026

Irland

Ausgerechnet eine Antisemitismuskonferenz fällt dem Judenhass zum Opfer

In Dublin fand eine Tagung von Antisemitismusbeauftragten und jüdischen Vertretern statt. Ein Hotel verweigerte die Unterbringung. Für Irlands Gemeindevorsitzenden zeigt das, wie Antisemitismus sich immer wieder neu manifestiert

von Maurice Cohen  14.10.2026

USA

Süß und gut zu werfen

»Sunkist Fruit Gems« gehören in vielen Gemeinden zum Feiern. Ihr angekündigtes Aus sorgte für Aufregung – nun kommen sie zurück

von Sophie Albers Ben Chamo  13.10.2026

»Imanuels Interpreten« (26)

Paul Simon: Der Brückenbauer

Seit den 60er Jahren schreibt und spielt der New Yorker Künstler Musik, deren Texte durchweg stark sind. Mehrere Generationen haben zugehört. Heute wird das jüdische Talent 85 Jahre alt

von Imanuel Marcus  13.10.2026

Katharina von Schnurbein

»Ich habe das Gefühl, den richtigen Weg gegangen zu sein«

Die EU-Antisemitismusbeauftragte Katharina von Schnurbein wechselt von Brüssel nach Berlin. Sie folgt dort Felix Klein nach. Ein Porträt

von Michael Thaidigsmann  14.10.2026 Aktualisiert