USA

Am lila Schopf packen

Wie der Comedian Daniel-Ryan Spaulding dem postkolonial-bewegten »Purple Hair Girl« helfen will

von Martin Niewendick  01.02.2024 09:24 Uhr

Comedian Daniel-Ryan Spaulding (38) versucht auf seine Weise, den verzerrten Blick auf den Nahost-Konflikt zu klären. Foto: Daniel-Ryan Spaulding

Wie der Comedian Daniel-Ryan Spaulding dem postkolonial-bewegten »Purple Hair Girl« helfen will

von Martin Niewendick  01.02.2024 09:24 Uhr

Bis vor Kurzem galt der vorübergehend in Berlin lebende Stand-up-Comedian Daniel-Ryan Spaulding seinem deutschen Publikum noch als Geheimtipp. Mit seiner Video-Reihe »It’s Berlin!« schaffte er es, die komische Tragik der Hauptstadt-Hipsterwelt sowie die allgemeine deutsche Verkrampftheit auf die Schippe zu nehmen und dabei wirklich niemanden zu verschonen – von übernächtigten Techno-Fans bis zur Queer-Community, von Heteros bis zu Lifestyle-Freaks und der deutschen Bürokratie.

Mit kurzen ironischen Clips auf Social Media manövrierte sich der kanadisch-kroatische Spaulding gekonnt durch den Zeitgeist der jüngeren Generation. War er zuvor einem internationalen Publikum bekannt, spielte er sich vor allem während des Lockdowns auch in die Herzen vieler Berliner. Dann kam der 7. Oktober 2023, der alles veränderte. Auch Daniel-Ryan Spaulding.

Auftritt beim Sundance-Filmfestival

Gerade trat der 38-jährige Wahl-New-Yorker bei einem Schabbat-Event im Rahmen des Sundance-Filmfestivals im Norden der USA auf. Die Angehörigen-Initiative »Bring Them Home« wollte Aufmerksamkeit für das Schicksal der immer noch im Gazastreifen festgehaltenen israelischen Geiseln schaffen. Laut Veranstalter kamen rund 250 Menschen, um Überlebenden des Massakers beim Supernova-Festival und Angehörigen der Geiseln zuzuhören.

Auch die Non-Profit-Organisation »Shabbat Tent« war wieder mit einer eigenen Lounge an drei Tagen vertreten. Neben einem gemeinsamen Schabbat-Dinner und einer »Kabbala-inspirierten morgendlichen Meditation« trat auch das Jewish Filmmaker Network auf. Danach wurde auf einem Podium des Israeli Film Center über die Auswirkungen des 7. Oktober auf die israelische Filmindustrie diskutiert. Die Shabbat Lounge ist auf vielen Festivals weltweit zu finden, darunter auch auf dem Coachella, dem High Sierra und auf dem Israel Festival.

Dass nun auch Daniel-Ryan Spaulding in so einem Rahmen auftritt, scheint ihn selbst zu überrumpeln. »Mein Leben wird gerade ziemlich schräg«, gab er im Ankündigungsvideo lakonisch zu Protokoll.

»Wenn deine Reaktion auf abgeschlachtete Menschen nicht Abscheu ist, geh zum Arzt.«

Begonnen hatte alles mit einem Einminüter nach dem Terrorangriff auf Israel, der ihm über Nacht Tausende neue Fans bescheren sollte. »Ich finde es ein bisschen ironisch, dass offenbar gerade diejenigen die Hamas verteidigen, die von dieser am ehesten getötet würden«, beginnt der Clip, der kurz darauf um die Welt ging. Es ist eine Antwort auf die Parteinahme linker, vermeintlich progressiver und feministischer Kreise für die Hamas. Sie verhielten sich wie Mädchen in einer toxischen Beziehung, so Spaulding weiter: »Ich weiß, du magst ihn nicht, weil er Menschen tötet und entführt – aber vertrau mir, wenn ich mit ihm allein bin, ist er ein richtiges Sweetheart.«

Spaulding ist zutiefst schockiert von der offenen Sympathie linker und queer-feministischer Kreise für die Massaker in Israel. Denn ausgerechnet der mörderische Terror und die Entführungen des 7. Oktober haben der Anti-Israel-Szene neues Leben eingehaucht. Mörder werden zu Freiheitskämpfern, Vergewaltigungen zu Widerstand. »Queers for Palestine« marschieren mit Islamisten gegen Israel und rufen zur Intifada auf. Spaulding legt nach: »Wenn deine Reaktion auf Menschen, die abgeschlachtet, enthauptet, vergewaltigt und bei lebendigem Leibe verbrannt werden, nicht kompletter Horror und Abscheu ist, solltest du dir einen Arzt suchen.«

Der Clip ging wenige Tage nach dem 7. Oktober online und wurde mehr als neun Millionen Mal geklickt. Zu einer Zeit also, in der nicht nur die jüdische Welt wie gelähmt auf das immer größer werdende Ausmaß der Massaker blickte. Auch als die sonst mitteilsamsten Feuilletonisten und Kommentatorinnen um Fassung und Formulierungen rangen. Genau zu dieser Zeit fand Spaulding die richtigen Worte.

Unterstützung für »Bring Them Home«-Initiative

Das Video verbreitete sich rasant, für einen Augenblick fanden viele Menschen ihr Lächeln wieder, und dem Künstler, der selbst nicht jüdisch ist, bescherte es einen internationalen Popularitätsschub. »Wenn du das nächste Mal in Israel auftrittst, musst du ein Stadion mieten!«, hieß es in einem begeisterten Fan-Kommentar. Zwar ist Spaulding bereits zuvor mehrfach in Israel aufgetreten, seine Fan-Gemeinde dürfte sich allerdings potenziert haben.

Mittlerweile ist aus dem Comedian ein regelrechter Vollzeit-Aktivist geworden. Zumindest wirkt es so, wenn er zwischen vollgepackten Off-Broadway-Shows und seiner unermüdlichen Produktion neuer Videos die Initiative »Bring Them Home« unterstützt, zur Sondersitzung der Vereinten Nationen zum Thema sexualisierte Gewalt im Zuge der Hamas-Angriffe reist und Familienangehörige von Entführten interviewt.

Auf seinen Social-Media-Kanälen veröffentlichte er sein Gespräch mit Rachel Goldberg-Polin. Ihr Sohn Hersh wurde am 7. Oktober schwer verletzt und nach Gaza verschleppt. Es sind Momente, in denen sich der Comedian sehr zurücknimmt, ganz anders als in seinen gewohnten flamboyanten Clips. »Ich habe viele wundervolle Dinge über Sie gehört«, sagt Goldberg-Polin zu Beginn. »In diesen Zeiten ist es schwer, mutig zu sein. Und in den Zeiten, in denen wir leben, ist es mutig, menschlich zu sein.«

»Die Hamas ist ein radikaler islamischer Nazi-Todeskult.«

Dem gegenüber steht der wütende Daniel-Ryan Spaulding, dem es manchmal schwerfällt, angesichts dieser Wut nicht aus der Rolle zu fallen. Etwa wenn er sich über die Verklärung von Terroristen und Antisemiten als »Freiheitskämpfer« aufregt. Die Hamas sei ein »radikaler islamischer Nazi-Todeskult«, der ausgerechnet von linken Frauen bejubelt werde, die sich aus Solidarität wohl am liebsten gleich selbst erstechen wollen, so Spaulding.

Dementsprechend ist seine neueste Erfindung das »Purple Hair Girl«, die fast ein bisschen an die israelische Satire-Show Eretz Nehederet erinnert. Eine fiktive Anti-Israel-Aktivistin mit lilafarbenen Haaren, die stellvertretend für die stereotypen westlichen Wohlstands-Israelhasser steht. Spaulding spielt sie samt entsprechender Perücke selbst und erklärt, sie sei an sich kein schlechter Mensch, doch aus Zivilisationsmüdigkeit anfällig für radikale Ideologien geworden und deshalb eine rasende Judenhasserin.

»Meine jüdischen und israelischen Freunde liegen mir sehr am Herzen, und ich möchte, dass sie in der Gesellschaft sicher sind. Ich habe sehr deutlich gesehen, wie Antisemitismus den klaren Blick der Menschen auf Tatsachen und die Realität verzerrt«, sagte Spaulding der Jüdischen Allgemeinen. Und es gehe ihm nicht nur darum, ein Verbündeter der jüdischen Menschen zu sein, »sondern auch darum, Extremismus und die Normalisierung des Terrorismus, die eine Bedrohung für uns alle darstellen, zu deeskalieren«.

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