Flucht

Als der Krieg begann

Montag, 17. März 2014. Vor dem Bahnhof von Simferopol, der Hauptstadt der Krim, hält ein Taxi. Eine Frau und ein Mann steigen aus, beide um die 30. Die Frau trägt halblanges braunes Haar, der Mann Vollbart und eine dunkle Wollmütze. Jeder hält ein Kind auf dem Arm: das eine sieben Monate alt, das andere knapp zwei.

Der Mann und die Frau ziehen zwei Buggys aus dem Taxi, klappen sie auseinander, setzen ihren Sohn und ihre Tochter hinein. Währenddessen wuchtet der Taxifahrer zwei Rollkoffer aus dem Kofferraum und stellt sie auf den Bürgersteig. Der Mann zahlt, dreht sich um und geht mit seiner Frau und den Kindern zum Bahnsteig, wo der Zug nach Kiew abfährt. Eine Familie auf der Flucht.

So erzählt es Rabbiner Mykhaylo Kapustin zehn Jahre später im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen.

Referendum über den Status der Halbinsel

Einen Tag, bevor er mit seiner Familie Simferopol verließ, war auf der Krim ein von Russland kontrolliertes Referendum über den Status der Halbinsel abgehalten worden. Die Wahlkommission gab an, mindestens 95 Prozent der Wähler hätten dafür gestimmt, dass die ukrainische Halbinsel russisch werden soll.

In den Hauptstädten westlicher Länder kritisiert man das Referendum als unrechtmäßig und undemokratisch, die Menschen seien unter Druck gesetzt worden, heißt es. Doch den Kreml interessiert dies nicht. Russlands Präsident Putin erklärt, die Menschen auf der Krim hätten ein Recht auf Selbstbestimmung.

Während am Abend in Simferopol pro-russische Einwohner das Ergebnis des Referendums feiern und auf der Ploschad Lenina, einem der größten Plätze der Stadt, singen und ein Feuerwerk zünden, packen Rabbiner Mykhaylo Kapustin und seine Frau Maryna ihre Habseligkeiten zusammen. Die beiden Kinder Hannah und Baruch liegen in ihren Bettchen und schlafen. Wenige Stunden zuvor hat der Rabbiner seiner Gemeinde gesagt, er werde am nächsten Tag die Krim verlassen.

Das Referendum über den Status der Krim fand ausgerechnet an Purim statt.

Das Referendum habe ausgerechnet an Purim stattgefunden, betont Kapustin, dem Fest, an dem Juden an die Errettung aus drohender Gefahr in der persischen Diaspora vor rund 2500 Jahren erinnern.

An jenem Purim 2014 seien weniger Gemeindemitglieder als sonst zum Lesen der Megilla in die Synagoge gekommen, erinnert sich Kapustin. Die meisten seien zu Hause geblieben. »Ihnen war unwohl bei dem Gedanken, dass auf den Straßen bewaffnete Männer patrouillierten.«

Russische Sondereinheiten auf der Krim

In den Wochen zuvor waren russische Sondereinheiten auf die Krim vorgedrungen, unter dem Vorwand, die russischsprachige Bevölkerung auf der Halbinsel zu schützen. Sie sei akut bedroht, hieß es. Schwerbewaffnete hatten am 27. Februar 2014 das Parlament besetzt. Sie nannten sich »Selbstverteidigungskräfte der russischsprachigen Bevölkerung« – waren mit ihren Scharfschützengewehren und Panzerabwehrwaffen für eine Bürgerwehr aber außergewöhnlich gut ausgerüstet.

»Ich erwartete, dass die ukrainische Armee eingreifen würde«, sagt Kapustin, »doch nichts geschah.« Der junge Rabbiner erkannte, dass die Situation brenzlig war. Er empfahl seiner Frau, mit den Kindern zu Verwandten nach Israel zu gehen. Doch sie weigerte sich: »Entweder wir gehen zusammen, oder wir bleiben.« Also blieben sie.

Kapustin erzählt von all dem mit ernstem Gesicht. Der 43-Jährige sitzt im Jüdischen Gemeindezentrum in Bratislava, einem schlichten Raum im Erdgeschoss eines großen grauen Gebäudes mitten in der slowakischen Hauptstadt. Hierher hat es Mykhaylo Kapustin mit seiner Familie verschlagen. Nachdem sie die Krim verlassen hatten, kamen sie zuerst ein paar Tage bei einem Bekannten in Kiew unter, dann erhielt er das Angebot, Rabbiner in der Slowakei zu werden.

Kurz nachdem er mit seiner Frau die Entscheidung getroffen hatte, in Simferopol zu bleiben, lud ihn ein pro-ukrai­nischer lokaler Fernsehsender zu einer Live-Sendung ein. Abzulehnen sei nicht infrage gekommen, sagt Kapustin, das wäre ein pro-russisches Statement gewesen. Also ging er hin.

Eine halbe Stunde lang stellte der Fernsehmoderator dem Rabbiner Fragen. »Aber ich beantwortete sie nicht, sondern wich immer aus, so wie Politiker es manchmal tun«, erzählt er und streicht sich über die Handrücken. Er rutscht auf seinem Stuhl hin und her. Man spürt das Unbehagen, das ihm dieser Fernsehauftritt damals bereitet haben mag. Er blickt einen Moment ins Leere. Dann sagt er: »Mir wurde klar, dass alles, was ich sagte, gegen mich oder meine Gemeinde verwendet werden könnte.« In diesen Minuten erkannte Mykhaylo Kapustin, dass er die Krim verlassen muss.

»Wir müssen weg, wir sind hier nicht mehr sicher«

Seine Frau, die vor dem Sender auf ihn gewartet und den Fernsehauftritt auf einer Leinwand gesehen hatte, fragte, was mit ihm los sei, sie habe ihn noch nie so erlebt. »Wir müssen weg«, habe er zu ihr gesagt. »Wir sind hier nicht mehr sicher. Ich kann nicht länger als Rabbiner hier bleiben, ich müsste andere und mich belügen. Doch ein Rabbiner, der nicht sagen kann, was er denkt, das geht nicht.«

Wenige Tage zuvor hatte er noch alles gesagt, was er denkt. Das könnte ihm jetzt zum Verhängnis werden. Ende Februar, kurz nachdem russische Truppen die Krim besetzt hatten, saß Kapustin zu Hause am Rechner und sandte eine kurze Nachricht auf Russisch und Englisch an Hunderte Adressen weltweit in seinem E-Mail-Account: »Unsere Stadt Simferopol ist okkupiert von russischen Truppen! Helfen Sie uns, retten Sie unser Land, retten Sie die Ukraine! Bitten Sie um Hilfe bei Ihrer Regierung. Gegenüber Russland fühlen wir uns hilflos!«

Pro-russische Nationalisten und manche Zeitungen und Rundfunkstationen sahen seitdem einen Feind in Mischa Kapustin. Es gab Berichte in den sozialen Medien, er sei gar kein Rabbiner und vielleicht nicht einmal Jude, vermutlich sei er ein amerikanischer oder britischer Spion. Unbekannte hätten damals Hakenkreuze und »Tod den Saujuden« an die Wände seiner Synagoge geschmiert, und in Internet­foren sei er antisemitisch beschimpft worden, erzählt der Rabbiner.

In einem Interview mit der israelischen Tageszeitung »Haaretz« erklärt Mykhaylo Kapustin damals, er könne »die Möglichkeit nicht ausschließen, dass der Anschlag (auf seine Synagoge) verübt wurde, um die ukrainische Regierung zu verleumden«. Er hat eine Petition gegen die russische Okkupation unterstützt und sagt den ausländischen Journalisten, viele auf der Krim seien »gegen die Russen«, hätten aber Angst zu reden. »Ich bin ukrainischer Staatsbürger und möchte in einer demokratischen Ukraine leben.«

Die Regierung habe den Juden immer Schutz geboten, und das ganze Gerede über Antisemitismus sei übertrieben, betont er. »Die Russen sind illegal in die Ukraine eingedrungen, und das muss bekämpft werden. Bisher haben mich die Menschen ermutigt, und ich glaube nicht, dass meine Rundmail den Juden Schaden zufügen wird.«

Weil es für Kapustin immer gefährlicher wurde, verließ er die Krim Hals über Kopf.

Auf der von Russland besetzten Halbinsel wurde es unter diesen Umständen für Mykhaylo Kapustin immer gefährlicher. »Wir mussten schnell reagieren. Wie im Sport. Wenn man zu lange wartet, ist es zu spät. Ich weiß, wovon ich rede, mein Vater war Boxer.«

Auf die Frage, ob er froh sei über die Entscheidung, die Krim damals verlassen zu haben, antwortet der Rabbiner: »Ich tat, was man mich gelehrt hatte. Es ist eine sehr jüdische Sache umzuziehen. Jüdisch zu sein, bedeutet, dass es ums Überleben geht.«

Die Flucht 2014 war nicht die erste für Kapustin

Die Flucht 2014 war nicht die erste für Kapustin. Bereits als Kind musste er mit seinen Eltern fliehen. Vor dem Krieg in Georgien. Jene Flucht aber sei ganz anders gewesen als 2014. »Damals in Georgien entschieden meine Eltern. Ich war ja erst elf. Auf der Krim hingegen war es unsere Entscheidung, meine und die meiner Frau.«

Als Mykhaylo Kapustin Ende März 2014 mit seiner Familie in Bratislava ankam, wusste er nicht, wie lange sie bleiben würden. Inzwischen sind sie heimisch geworden. Er spreche inzwischen ganz passabel Slowakisch, sagt er, seine Kinder könnten es perfekt. Auch seine Frau. Sie hat erneut Jura studiert – mit ihrem ukrainischen Jura-Diplom konnte sie in der Slowakei wenig anfangen – und eine gute Stelle als Justiziarin gefunden.

Als er weg war, kamen Chabad-Rabbiner aus Russland.

Fragt man Kapustin, wie es seiner ehemaligen Gemeinde auf der Krim heute gehe, so weicht er aus. Er möchte darüber nicht sprechen und bittet um Verständnis. Er stehe in Kontakt mit einigen Gemeindemitgliedern, will aber niemanden gefährden. Nachdem er Simferopol verlassen hatte, seien aus Russland Rabbiner der chassidischen Bewegung Chabad Lubawitsch gekommen und hätten sich auf der Halbinsel ausgebreitet, erzählt er.

Nicht nur über seine ehemalige Gemeinde, sondern auch familiär sei er der Krim aber nach wie vor verbunden. Zwar habe er keine Verwandten dort, aber seine Kinder seien schließlich da geboren. In einigen Jahren sind sie erwachsen, seine Tochter werde demnächst Batmizwa. »Wir sprechen zu Hause viel über die Ukraine, über die Krim. Aber die Kinder sind noch nie dort gewesen«, sagt der Rabbiner mit leicht gebrochener Stimme.

Sein Sohn und seine Tochter würden die Halbinsel gern sehen. Er blickt ins Leere, es ist ganz still im Raum. Dann schlägt Mykhaylo Kapustin mit beiden Händen auf den Tisch und sagt voller Entschlossenheit und mit strahlendem Gesicht: »Vielleicht in einem Jahr, vielleicht in 20 Jahren – nach der Befreiung zeige ich meinen Kindern die Krim!«

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