Grossbritannien

Als »Austauschjude« in Belsen

Primrose Hill, das Viertel um den gleichnamigen Hügel an der Nordseite des Londoner Regent’s Park, ist ein ruhiges, vornehmes Fleckchen. Für einen Menschen, der am Anfang seines Lebens viel Aufruhr erleben musste, ist es wahrscheinlich genau der richtige Ort.

Hier sitzt Rudi Oppenheimer in seinem hellen Wohnzimmer mit Blick in den Garten. Der 87‐Jährige ist in seiner Familie der Letzte aus seiner Generation. Vor elf Jahren starb sein Bruder Paul, vor einem Jahr ist auch seine Schwester Eve gestorben. Jahrzehntelang stützten sich die drei Geschwister gegenseitig. Ihre Eltern kamen in Bergen‐Belsen ums Leben, als Rudi Oppenheimer gerade einmal elf Jahre alt war.

FREIHEIT Großbritannien ist das dritte Land, in dem Oppenheimer lebt. Lange war er in Holland zu Hause. »Briten lassen mehr durchgehen als die Holländer«, behauptet er. Die Wahl Londons sei auch als eine Wahl »größerer persönlicher Freiheit« zu verstehen.

Rudi Oppenheimer wurde am 1. Ok­tober 1931 in Berlin geboren. Sein Vater war Angestellter bei der Mendelssohn‐Bank. Die Familie lebte komfortabel in einem dreistöckigen Haus in der Nähe des Tempelhofer Flughafens. Rudis Bruder Paul erinnert sich in seiner Autobiografie Von Belsen bis Buckingham Palace, die 2002 auf Englisch erschien, wie Rudi öfter hinter den durch die Straßen marschierenden Rechtsnationalen herlief, bis die Mutter es ihm verbat. 1936 unternahm die schwangere Mutter mit den Söhnen Paul und Rudi eine Reise nach England – von der sie nie wieder nach Berlin zurückkehren sollten.

Der Vater bemühte sich,
die kleine Schwester
als Britin anerkennen
zu lassen.

In London erwartete sie ihr Schwager, der jüngere Bruder ihres Mannes. Auch er stammte aus Deutschland, war dort Rechtsanwalt gewesen, aber schon einige Jahre zuvor nach London gezogen, und verkaufte dort Textilien.

Die Reise war keine Flucht. Rudi Oppenheimer glaubt, dass seine Mutter das dritte Kind wegen der Nazis lieber in England auf die Welt bringen wollte. »Oder vielleicht wollte mein Vater seinen nächsten Schritt, die Auswanderung aus Deutschland, allein vorbereiten.«

Im Juni 1936 wurde Rudi Oppenheimers Schwester Rachel Eve im Londoner Stadtteil Hendon geboren. Um diese Zeit teilte der Vater mit, er habe eine Stelle bei einer Bank in Amsterdam. Schon im September folgte ihm die Familie aus Großbritannien und ließ sich in einem kleinen Ort an der Küste, rund zehn Kilometer westlich der Hauptstadt, nieder. Auch die Eltern der Mutter folgten ihnen.

Für Paul und Rudi war das Leben in Holland in den ersten Jahren ziemlich unbeschwert. Sie gingen in die Schule und sprachen bald akzentfrei Niederländisch. Doch am 10. Mai 1940 besetzte Deutschland die Niederlande. »Ab jetzt mussten wir vorsichtig sein und genau überlegen, wo wir hingingen, vor allem, nachdem wir die Sterne tragen mussten«, erzählt Rudi Oppenheimer.

Da es Juden nicht erlaubt war, in den Küstenbezirken zu leben, die nun zu Militärzonen wurden, zogen die Oppenheimers zuerst auf die andere Seite Amsterdams nach Naarden und später mitten ins Stadtzentrum.

Im Juni 1942 bemüht sich der Vater über die Schweizer Botschaft in Amsterdam, seine Tochter als Britin anerkennen zu lassen. Es gelingt. Sie ist nun die Einzige in der Familie, die keinen Judenstern tragen muss. »Wenn wir einkaufen gingen, schickten wir sie manchmal in die normalen, nichtjüdischen Läden hinein, in denen Juden zum Teil nicht einkaufen durften«, berichtet Oppenheimer.

Am Morgen des 20. Juni 1943 wird das gesamte Stadtviertel, in dem sie leben, abgeriegelt. Eine Nachbarin warnt die Oppenheimers, doch der Vater weigert sich zu fliehen.

»Papa war zu aufrichtig«, glaubt Rudi Oppenheimer. Erst Jahre später erfährt die Familie, dass die Gestapo sie übersehen hatte – bis eine niederländische Nachbarin sie verriet.

In Viehwaggons wurden sie zusammen mit Tausenden anderen in das niederländische Durchgangslager Westerbork deportiert.

BARACKEN Der elfjährige Rudi empfand Westerbork als »nicht so schlimm«. In seiner kindlichen Unschuld hielt er es für »eine Art Dorfgemeinschaft mit Ärzten, Theater und Sportmöglichkeiten«. Doch es bedeutete die Übernachtung in riesigen Baracken mit jeweils Hunderten von Dreietagenbetten.

Bald kamen auch die Großeltern väterlicherseits in Westerbork an. Doch das Wiedersehen blieb kurz. Sie wurden nach Sobibor deportiert und dort ermordet.

»Montags, wenn die leeren Waggons ankamen, herrschte immer eine angespannte Atmosphäre«, erzählt Rudi Oppenheimer. »Wer Montagabend nicht auf der Liste stand, wusste, dass er mindestens weitere sieben Tage in Westerbork bleiben würde.« Für die Oppenheimers dauerte der Aufenthalt sieben Monate. Doch ihr Zug fuhr nicht nach Auschwitz oder Sobibor, sondern nach Bergen‐Belsen. Wegen Eve, der kleinen Engländerin in ihrer Mitte, hatten sie den besonderen Status von »Austauschjuden«.

Als Junge genoss Rudi mehr Freiheiten als erwachsene Männer, die arbeiten mussten.

Bergen‐Belsen war zwar eine Verschlechterung, doch als Austauschjuden kamen sie nicht in die schlimmsten Zonen des Lagers. Als Junge genoss Rudi mehr Freiheiten als erwachsene Männer, die arbeiten mussten. Dennoch meldete er sich freiwillig für einen Hilfsjob in der Essensausgabe. Diese Arbeit wurde für die Familie zur Rettung, denn Rudi hatte nun Zugang zu mehr Nahrung und konnte auch seinem Bruder und seinem Vater größere Portionen zuteilen.

Als im Oktober Transporte aus Auschwitz das Lager vollkommen übervölkerten und obendrein Lebensmitteltransporte ausfielen, verschlimmerte sich die Lage in Bergen‐Belsen, und es brach eine Typhus‐Epidemie aus. Im Januar 1945 starb Rudi Oppenheimers Mutter an der Krankheit. Nach ihrem Tod kam die damals achtjährige Eve in die Obhut des orthodoxen Ehepaares Jehoschua and Hani Birnbaum, das sich im Lager um fast 50 Waisenkinder kümmerte. Zwei Monate später starb auch der Vater.

HÖLLE Rudi Oppenheimer beschreibt das Lager als eine wahrhafte Hölle »voller Menschenscharen, die nur herumlagen, tot oder halb tot – wahrscheinlich bin ich buchstäblich über Leichen gelaufen, doch das kümmerte damals niemanden mehr«.

Anfang April sollen die Brüder dann mit anderen nach Theresienstadt deportiert werden. Doch viele Gleise sind zerstört, und so muss der Zug weite Umwege fahren. Nach einer zweiwöchigen Bahnfahrt werden Paul, Rudi und die anderen Gefangenen am 23. April 1945 von russischen Kosaken in der Nähe des Dorfes Tröbitz zwischen Dresden und Berlin befreit.

»Wir hätten auch schon vorher die Flucht ergreifen können«, räumt Paul Op­penheimer in seiner Autobiografie ein, »doch der Gedanke kam niemandem, selbst als der Zug völlig unabgesperrt mitten durch Berlin fuhr.«

Kurz vor der Befreiung
starben die Eltern
im Lager an Typhus.

In dem Buch erfährt man von einer ganz anderen Seite des jüngeren Bruders: »Rudi war ein Plünderer der ersten Klasse, schnell im Denken, gewieft, ohne Furcht und einfallsreich.« So fehlte den beiden nach der Befreiung wenig.

Doch das Freiheitsglück blieb für die Brüder kurz. Beide erkrankten an Typhus. In einem russischen Lazarett rettete man ihnen das Leben. Wochen später, auf der Reise nach Holland, werden sie wieder mit ihrer Schwester vereint, die sich, ohne, dass sie davon wussten, im gleichen Zug befunden hatte.

INTERNIERUNG Als sie mithilfe der U.S. Army in Holland ankommen, werden die Kinder aus Bergen‐Belsen von den niederländischen Behörden jedoch als Deutsche klassifiziert. Statt dass ihnen Verständnis und Fürsorge zuteilwerden, interniert man sie zu ihrem Schreck in einem Lager für deutsche Kriegsgefangene. Rudi Oppenheimer lebt aus diesem Grund heute lieber in Großbritannien.

Nur Eve durfte als Engländerin zur ehemaligen Nachbarin der Familie in Ams­terdam. Tage später bürgen endlich Freunde der Eltern für Rudi und Paul. Ihr Onkel und dessen Frau nehmen sie bald in London auf.

Die Brüder bringen die Schule zu Ende und studieren. Rudi Oppenheimer schafft es gar nach Cambridge. Nach dem Studium ergattert er aufgrund seiner Niederländisch‐Kenntnisse einen Posten bei Shell und arbeitet zunächst in Venezuela.

Paul wird ein gefragter Sicherheits­experte für Autobremsen und erhält dafür von Königin Elizabeth sogar einen Orden. Das ist auch der Grund, warum er seiner Autobiografie den Titel Von Belsen nach Buckingham Palace gab.

Während Paul mit seiner späteren Frau Corinne drei Kinder haben wird, erzählt Rudi Oppenheimer, dass er niemals die richtige Frau finden konnte. Schwester Eve arbeitete lange für ihren Onkel. Das Überleben ohne Eltern, so schildert Bruder Paul, war für sie am schwersten.
Für Rudi Oppenheimer sind es die Nachfahren des Bruders, die für ihn heute wie eigene Kinder und Enkel sind. Hinzu kommen all die Kinder, denen er über seine Jahre während der Schoa erzählt.

Er wird seine Geschichte noch weit über seinen Tod hinaus erzählen. Mit der Shoa Foundation hat er 1000 Antworten auf 1000 Fragen aufgenommen. Dabei wurde er mit Hologramm‐Spezialkameras so gefilmt, dass er später dreidimensional vor seinem Gegenüber steht. »Ich will, dass die Jugend begreift, was Krieg und wie teuer Demokratie ist, und dass man sein Stimmrecht ernst nehmen muss, damit niemand ein schweigender Mitläufer wird«, erklärt er. »Solange ich kann, werde ich weiter in die Schulen gehen.«

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