Grossbritannien

Absage nach Paragraf 116

Sie wollen Gerechtigkeit: Jacqueline Boronow Danson (60) und ihre Mutter Ruth (92) Foto: Daniel Zylberstzaijn

Aufgeregt steht Jacqueline Boronow Danson (60) neben ihrer Mutter, die vor mehr als 75 Jahren aus Deutschland floh. »Es ist wie eine Ohrfeige, nach der ganzen Geschichte.« Danson spricht von ihrem Antrag auf die deutsche Staatsbürgerschaft. Ihre Mutter Ruth (92) lächelt ihr zu. »Jackie, du bist trotzdem gut genug«, sagt sie liebevoll.

Jacqueline Boronow Danson ist britische Staatsbürgerin und arbeitet als Medienberaterin. Jahrzehntelang war es ihr nicht wichtig, Deutsche zu sein. Doch das änderte sich, als das politische Klima in Großbritannien umschlug.

Im Juni forderte mehr als die Hälfte der Briten den Austritt aus der Europäischen Union. Kurz darauf verkündeten Dansons Cousins, dass sie sich um einen deutschen Pass bemühen werden. Auch Jackie hielt es für eine gute Idee, denn »es würde bestätigen, wie ich mich fühle, nämlich teilweise deutsch«. Also stellte sie den Antrag.

Herkunft Dansons Eltern sind beide deutsch-jüdische Flüchtlinge, die kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs Hitlerdeutschland verließen und nach Großbritannien gingen. Dansons Mutter Ruth stammt aus Breslau, ihr Vater Karl Erich aus Berlin. Nach der Flucht meldete er sich als Freiwilliger bei der britischen Armee. In der Schlacht um Arnheim war er der einzige Überlebende eines Volltreffers auf seinen Panzer. Er wurde verwundet und geriet in deutsche Kriegsgefangenschaft, wo man nicht ahnte, dass er ein Jude aus Berlin ist.

Ruth und Karl Erich begegneten einander bei einem deutsch-jüdischen privaten Abend in London und verliebten sich. 1949 heirateten sie.

Sie hatten den Krieg überlebt und ein neues Zuhause gefunden – nun fehlte nur noch die Erfüllung des Wunsches nach einer Familie. Doch eine medizinische Untersuchung bestätigte, dass sie keine Kinder bekommen können. So entschlossen sie sich 1955, ein Kind zu adoptieren. Im Alter von nur vier Tagen kam dann die kleine Jacqueline zu ihren Adoptiveltern.

»Es gibt eine Geburtsurkunde von mir, sagten mir die Behörden. Doch mir genügen die Adoptionsdokumente. Ich habe bis heute nie das Verlangen gehabt, ein amtliches Dokument mit den Namen meiner leiblichen Eltern anzufordern«, schildert Jackie und fügt hinzu, sie glaube, ihre leiblichen Eltern seien ebenfalls jüdisch gewesen.

Im jüdischen Golders Green im Norden Londons wächst Jacqueline Danson auf, umgeben von deutschsprachigen jüdischen Familien. Sie kennt nichts anderes als diese Welt. Vom Flüchtlingstrauma der Eltern weiß sie seit ihrer Kindheit. Auch dass sie adoptiert wurde, erfuhr sie relativ früh, »aber es hatte keine weitere Bedeutung für mich«, erzählt sie.

Antrag Ein paar Wochen, nachdem sie ihren Antrag auf deutsche Staatsbürgerschaft gestellt hatte, erfuhr Jackie, dass man ihr Gesuch nicht bearbeiten würde. Die deutsche Botschaft in London hatte sich dazu extra Rat vom Bundesverwaltungsamt in Köln geholt. Da Jackies Adoption 1956 erfolgte und das derzeit gültige deutsche Adoptionsgesetz erst am 1. Januar 1977 inkrafttrat, hat es keinerlei rechtliche Auswirkungen auf vorher erfolgte Adoptionen. Jacqueline Danson könne einen Anspruch auf die deutsche Staatsangehörigkeit also nicht von ihrem Adoptivvater oder ihrer Adoptivmutter ableiten, erfuhr sie aus der deutschen Botschaft.

Damit nicht zufrieden, wandte sie sich an den Juristen Andreas Moser, der sich auf solche Fälle spezialisiert hat. Aber auch Moser erklärte ihr, dass die Bundesbehörde ihren Fall im Grunde richtig interpretiere. Der Jüdischen Allgemeinen erklärte er, Jacqueline Boronow Danson könne »höchstens einen Antrag nach Paragraf 14 StAG stellen, bei dem sie eine Bindung an Deutschland nachweisen und ausreichend Deutsch sprechen muss«. Der Gesetzgeber habe nicht die »Pflicht, die Verordnung von 1977 rückwirkend anzuwenden, zumal Jackie 1977 bereits erwachsen war und bis dahin keinen Antrag hierzu eingereicht hatte«.

Bürokratie Danson sieht den Sachverhalt anders: »Ich bin britisch und jüdisch, aber ich bin auch stolz auf die deutschen Aspekte meines Lebens. Ich fühle mich aufgrund strikter bürokratischer Vorkehrungen ein zweites Mal ausgestoßen und verletzt.« Die Einbürgerung nach Paragraf 14 sei für sie keine Option, da sie in Deutschland weder Verwandte oder noch Arbeit habe.

Bis heute kümmert sich Jackie um ihre 92-jährige Mutter, so wie es viele Kinder jüdischer Flüchtlinge tun. Sie teilt ihr Trauma und Schicksal. Die deutsche Staatsbürgerschaft hat für sie symbolische Bedeutung: Sie würde zeigen, dass Danson Teil der Geschichte ihrer Eltern ist, die in Deutschland begann.

Überlebende Die Psychotherapeutin Gaby Glassman, die seit vielen Jahren Flüchtlinge und Überlebende des Holocaust und ihre Familien in London betreut, bestätigt, dass viele ihrer Patienten in den vergangenen Monaten einen deutschen Pass beantragt haben. Dies sei ein völlig neues Phänomen, denn die rund 70.000 jüdischen Flüchtlinge und ihre Familien seien Großbritannien für ihre Aufnahme durchaus dankbar gewesen und hätten mit ihrer britischen Staatsbürgerschaft bisher große Reisefreiheit genießen können.

Mit dem Brexit-Referendum änderte sich dies. Vielen wurde klar, dass auf die gewohnte Freizügigkeit und Reisefreiheit vielleicht bald kein Verlass mehr sein könnte. »Mit der Flüchtlingskrise und dem zunehmenden Nationalismus in Europa und den eigenen ehemaligen Familiendramen im Hintergrund fragen sich deshalb viele, wie ihre Zukunft in einem Brexit-orientierten Großbritannien aussehen wird«, sagt Glassman. Sie berichtet auch von tieferen Gründen, einen deutschen Pass zu beantragen, beispielsweise, die Ausbürgerung der Eltern während der NS-Herrschaft durch das Neuerlangen der deutschen Staatsbürgerschaft zu annullieren.

»Trotz der Schwere der Geschichte sowie der emotionalen Last und entgegen einer starken britischen Identität stellen viele fest, dass sie die kontinentale Identität der Eltern nicht ganz verloren haben und dass in ihrer Psyche doch noch etwas Deutsches übrig geblieben ist«, sagt Glassman. Sie glaubt, dass es im Fall von Jackie schwer ist, den Grad einer Eltern-Kind-Übertragung mit Bezug auf ihre Identität und eines Traumas abzuschätzen, denn dies sei sogar unter Geschwistern verschieden.

»Ich bin mit dem Fall nicht vertraut. Aber ich nehme stark an, dass es im Bewusstsein der Tochter eine klare Identifikation mit den deutschen Eltern gibt – in einer ähnlichen Weise, wie es bei einer leiblichen Tochter der Fall wäre. Gerade als einziges Kind ihrer Eltern wird sie die Geschichte ihrer Mutter weitertragen und eine Art Gedenkkerze sein wollen.«

Glassmans Fazit ist, dass die rechtlichen Verfügungen, die Danson von einem Antrag nach Paragraf 116 ausschließen, schwerwiegend und unfair erscheinen. »Aber auch eine Psychotherapeutin wie ich muss sich solcher rechtlichen Begrenzungen bewusst sein«. Glassman vermutet, dass Jackie Danson die Hilfe einer Organisation, die sich ihrer annimmt, benötigen wird, um weiterzukommen.

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