England

A very British Schtetl

Neun Kilometer nordöstlich von Londons Zentrum liegt Stamford Hill. Hier ist man ultraorthodox, hier ist man chassidisch. Im Bezirk Hackney, zu dem das Viertel gehört, wird laut Volkszählung von 2004 in zwölf Prozent aller Haushalte kein Englisch gesprochen.

Jiddisch ist die am häufigsten gesprochene Fremdsprache – neben Türkisch. Nähert man sich Stamford Hill vom Süden her, lässt sich an den Ladenschildern ablesen, wie ein muslimisch dominiertes Viertel in ein jüdisches übergeht: ein letzter türkischer »berber shop«, dann Aufschriften in Hebräisch.

Stamford Hill stellt mit etwa 20.000 Chassidim die größte ultraorthodoxe Gemeinde Europas. Die geschlossene Gesellschaft ist ein sich selbst organisierendes System. Die säkulare Welt drumherum, das teure glitzernde, elende London braucht es nicht.

Auf einer Quadratmeile der Frömmigkeit existieren 74 Synagogen und 32 jüdische Schulen. Es gibt Hatzola, den eigenen Notfalldienst, und die Nachbarschaftspatrouille Shomrim, 20 Männer in Zivil und mit Erkennungsmarke. Fremde fallen hier auf und wer sich auffällig verhält, bekommt es mit einem Shomrim‐Mann zu tun. Die Angst ist latent. Einer der ausgiebig fotografiert, könnte sich als Tourist getarnt haben und Böses aushecken.

1926 entstand in Stamford Hill die Vereinigung der orthodoxen hebräischen Kongregationen. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde die jüdische Enklave zum Fluchtpunkt für Orthodoxe vom Kontinent. Seither wächst die Kommune. Unter den 292.000 Juden Großbritanniens stellen die Strenggläubigen zehn Prozent, mit einer jährlichen Wachstumsrate von fünf Prozent.

osteuropäisch Stamford Hill ist gelebtes 19. Jahrhundert osteuropäischer Prägung. Artikel großer englischer Tageszeitungen über Stamford Hill klingen wie Safari‐Expeditionen. »Aus dem Innenleben der Londoner ultraorthodoxen Juden«, überschrieb im Februar ein Reporter des Daily Telegraph seine Milieustudie, und noch im ersten Satz gesteht er ein, wie verloren er sich bei der Ankunft im Viertel fühlte.

Natürlich ist es ungewohnt. Aber die Ultraorthodoxen mit ihren Riten, Mänteln und Hüten schienen schon in Polen vor 100 Jahren wie aus der Zeit gefallen. Auf den ersten Blick erscheint Stamford Hill als jüdisches Viertel mit jüdischem Alltag: Kornbluh’s Fresh Fish Daily, Grodzinski’s Hot Bread Shop, Silverman Opticians.

Schräg gegenüber der Carmel‐Supermarkt, und das Kiddicenter mit Kinderwagen in dezentem Grauschwarz hat auf dem Firmenschild den Hinweis stehen: »open sundays« – sonntags geöffnet, weil es zum Ende des Schabbes nicht auch noch den Sonntag braucht.

chassiden Natürlich schaut man. Frauen, die ihr Haar unter einer Perücke verbergen. Die Kleidung ist uniform und changiert von grau und dunkelblau zu schwarz: Mädchen mit schwarzem Haarband, Bluse mit Kragen, knielangem Faltenrock, darunter blickdichte Strümpfe.

Ein Chassid dreht im Gehen gedankenverloren eine seiner Schläfenlocken zwischen Daumen und Zeigefinger. Ein anderer sitzt auf einem Stein neben der Bushaltestelle und raucht. Alle übrigen Männer scheinen in Eile. Mit weit ausholendem Schritt und wehendem Mantel, das Mobiltelefon am Ohr, fegen sie über den Boulevard, ein Leben zwischen Synagoge, Arbeit und Familie bedarf eines strengen Regiments.

Stamford Hill schreibt die Geschichten aus Lublin und Warschau fort, die Isaac Bashevis Singer (1904–1991) einst meisterhaft erzählt hat. Geschichten wie die von Reb Jerucham, dem Schreiber: »Er war so fromm, dass er, bevor er einen heiligen Namen schrieb, in das rituelle Bad ging.

In gewissen Abschnitten des Pentateuch erscheint der Name Gottes in jeder Zeile, und er ging von der Pergamentrolle ins rituelle Bad und zurück zur Pergamentrolle. Er brauchte 20 Jahre, um eine vollständige Torarolle zu übersetzen, und Wochen für einige Abschnitte der Gebetsriemen. Er und seine Familie wären verhungert, wenn unsere Großmutter Tirza Perl nicht einen kleinen Laden gehabt hätte.«

Romantisch war das schon damals nicht. Im heutigen Europa strapazieren die Chassidim mit ihrer Lebensweise die Toleranz der aufgeklärt säkularen Mehrheitsgesellschaft. Hochzeiten werden arrangiert, Frauen aufs Muttersein festgelegt. Im Schnitt hat eine Familie sechs Kinder, viele Familien hausen in engen Wohnungen, sind verschuldet und leben von der Unterstützung der jüdischen Gemeinde, manche lehnen das staatliche Kindergeld ab.

Auch in England schwelt seit Jahren eine Integrationsdebatte. Ob die Juden von Stamford Hill wie andernorts Muslime integriert werden müssten?, fragte 2008 bissig Observer‐Kolumnist Nick Cohen und kam zu dem Schluss, dass derlei Debatten zu nichts führten, weil am Ende nur strikte Assimilation und Erlasse wie das Kopftuchverbot blieben. Oder eben die Bewältigung der Armut als ursächlichem Problem von Spannungen zwischen Juden und Muslimen, wie sie in Stamford Hill alltäglich seien.

leben Sind sie das? Beni Rozen gibt im Viertel seit einem Jahr ein orthodoxes Lokalmagazin heraus. Hamakor News erscheint nahezu vollständig auf Hebräisch. »Wer nach den zehn Geboten der Bibel und den 613 Mitzwot der Tora lebt, sollte nicht viel mit Kriminalität zu tun haben«, sagt Beni.

Tatsächlich erscheinen die Juden als leichte Opfer. Periodisch flammt die politisch motivierte Gewalt auf. Jeder Konflikt im Nahen Osten löst Aggression gegen Juden aus. Die Sicherheitsorganisation Community Security Trust zeichnet derlei Übergriffe seismografisch auf. 2010 registrierte der CST in Stamford Hill 13 antisemitische Angriffe auf jüdische Schulkinder.

Beni lebt gerne hier. »Es ist wie in Jerusalem«, sagt er, »nur entspannter und cooler.« Die Gemeinschaft sorge für ihre Leute: Junge Männer finden Arbeit als Lehrer und im Einzelhandel oder sie eröffnen ein Geschäft. Man geht nicht zur Universität, es gibt eigene Hochschulen mit eigenen Abschlüssen. In Notfällen, etwa im Hospital, braucht man Englisch, also bietet die jüdische Gemeinde Englischkurse an.

Die Gemeinde unterstützt dauerhaft in Armut lebende Familien mit regelmäßigen Wohltätigkeitsveranstaltungen. Auch der Staat, sagt Beni, müsse einen Anteil leisten. »Viele Familien würden ohne diese Hilfe nicht überleben. Wir sind verpflichtet zu helfen.«

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