Libyen

»43 Jahre Gehirnwäsche«

Raphael Luzon Foto: privat

Libyens Diktator Muammar al‐Gaddafi ist tot. Vor welcher Zukunft sehen Sie das Land?
Das lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Innerhalb der nächsten vier Wochen wird eine Übergangsregierung gebildet, und in acht Monaten sollen Parlamentswahlen stattfinden. Wir müssen abwarten, wer sie gewinnt. Erst dann können wir sehen, welche Art Libyen wir nach Gaddafi haben werden.

Was bedeutet die aktuelle Situation für die jüdischen Libyer im Exil?
Das hängt davon ab, inwiefern die neue Regierung bereit sein wird, uns Juden zu entschädigen. Nach 1.500 Jahren endete im Juni 1967 die jüdische Geschichte in Libyen abrupt. Viele Juden wurden damals aus dem Land vertrieben. Man hat uns alles genommen, was wir hatten.

Ihr Landsmann David Gerbi hat im Sommer versucht, die Hauptsynagoge in Tripolis wieder herzurichten. Doch vor zwei Wochen musste er das Land verlassen, weil die Massen ihn mit dem Tode bedrohten. Kam er zu früh?
David Gerbi hat einen großen Fehler gemacht. Wie kann er mitten im Krieg ohne Erlaubnis die Synagoge aufbauen wollen? Man muss mit Fingerspitzengefühl vorgehen und darf die Menschen im Land nicht beunruhigen.

Wann wird Libyen reif dafür sein, dass Juden aus dem Exil zurückkehren?
Ich weiß es nicht. Momentan fürchten sich viele davor, dass »die Juden« zurückkommen. Ich denke, diese Angst kommt daher, dass die Menschen 43 Jahre isoliert waren und das Gaddafi‐Régime sie einer gründlichen Gehirnwäsche unterzogen hat.

Der Nationale Übergangsrat hat angkündigt, dass das islamische Recht, die Scharia, im neuen Libyen die Grundlage aller Gesetze sein werde. Welcher Jude will unter diesen Umständen zurückkehren?
Die Scharia muss nicht extrem und gefährlich sein. Das hängt sehr von den Menschen ab, die sie auslegen. Man kann die Scharia auch durchaus moderat interpretieren.

Vor einigen Wochen hat die Libysche Demokratische Partei Sie gebeten, für den Parteivorstand zu kandidieren. Wie haben Sie sich entschieden?
Es gibt in Libyen Proteste dagegen, dass mir eine so hohe Position angeboten wird. Ich muss abwarten, ob es Juden überhaupt erlaubt sein wird zu kandieren.

Sie sehen die Zukunft des Landes also nicht mehr so optimistisch wie noch vor ein paar Wochen?
Nein, der Eindruck täuscht. Ich weiß, dass es nur eine Minderheit ist, die sich gegen Juden ausspricht. Aber diese wenigen machen viel Lärm. Die Mehrheit der Bevölkerung hat nichts gegen Juden. Aber wie ich schon sagte, die Menschen haben 43 Jahre Indoktrination durch das Gaddafi‐Régime hinter sich. Es wird seine Zeit brauchen, bis sie verstehen, was überhaupt Juden sind und was es heißt, wenn Juden nach Libyen zurückkehren.

Mit dem Europa‐Direktor der World Organization of Jews of Libya sprach Tobias Kühn.

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