New York

100 Jahre ADL

Samantha Power, amerikanische UNO-Botschafterin, bei der ADL-Konferenz vergangene Woche in New York Foto: David Karp

Wie feiert eine Organisation wie die Anti-Defamation League (ADL) ihren 100. Geburtstag? Dumme Frage, mit einer Konferenz natürlich. Abraham Foxman, der rührige Chef der ADL, hatte von Donnerstag bis Samstag vergangener Woche viele prominente Gäste ins noble Hyatt Hotel in New York eingeladen. Drei Tage lang tagte dort die Menschenrechtsorganisation, die 1913 von Mitgliedern der Organisation B’nai B’rith in Chicago gegründet wurde und sich seither weltweit gegen Antisemitismus einsetzt.

Eine der Bekanntesten unter den geladenen Gästen war Samantha Power, die amerikanische UNO-Botschafterin, eine rothaarige Irin, 43 Jahre alt, die vor Jahren, als sie noch Journalistin war, mit einem Buch Furore machte: A Problem From Hell – America and the Age Of Genocide. Samantha Power beschrieb dort, dass die Amerikaner sich bei den meisten Völkermorden des 20. Jahrhunderts, inklusive des Holocaust, passiv verhalten und den Opfern nicht geholfen hatten. Später geriet sie wegen einer Äußerung in einem Interview in die Bredouille, die als israelfeindlich ausgelegt werden konnte – ein Missverständnis, das sie allerdings längst ausgeräumt hat. Michael Oren, Israels Botschafter in den Vereinigten Staaten, gab zu Protokoll, dass er sehr gut mit Samantha Power zusammengearbeitet habe.

Welche Botschaft hatte sie den Mitgliedern des ADL zu überbringen? Diese: »Wir werden nicht zulassen, dass die ›Islamische Republik Iran‹ eine Atomwaffe baut.« Sie fand das so wichtig, dass sie diese Botschaft noch einmal wiederholte. Auch unfaire Verurteilungen Israels in der UNO werde es nicht geben, solange Amerika dies verhindern könne und solange sie UNO-Botschafterin sei. Für diese Äußerung gab es Riesenapplaus. Und dann überreichte Abraham Foxman – »I love you!« – Samantha ein Extrageschenk: einen großen dicken Band für ihren Schreibtisch, in dem sechs Millionen mal immer nur ein Wort gedruckt ist, das Wort »Jude«.

Verteidigungsminister Abends war dann Chuck Hagel als Ehrengast zum Dinner geladen, der Secretary of Defense. Anders als im Fall von Samantha Power kann bei ihm von Missverständnissen kaum gesprochen werden: Er hat sich früher tatsächlich dagegen ausgesprochen, den Iran mit Sanktionen zu belegen, und als ihm verschiedene antiisraelische Äußerungen vorgehalten wurden, hat er wirklich gesagt, er sei eben kein israelischer, sondern ein amerikanischer Politiker. Amerikanische Lesben und Schwule werfen ihm außerdem vor, er habe ständig gegen Gesetzesinitiativen zu ihren Gunsten gestimmt.

Doch als Verteidigungsminister spricht Hagel anders, als er es früher getan hat. Er kündigte jetzt weitere konkrete Maßnahmen an, mit denen Schwule und Lesben in den amerikanischen Streitkräften den anderen gleichgestellt werden sollen. Und den Israelis versprach er die Lieferung von sechs V22-Fluggeräten – das sind Hubschrauber, die gleichzeitig als Flugzeuge funktionieren, weil ihre Rotoren vertikal drehbar sind. Sehr praktisch, wenn man Soldaten über feindlichem Gebiet hinter der Front absetzen oder dort wieder abholen will.

Nach diesem Versprechen rückte Chuck Hagel seine Brille zurecht und sagte den wichtigsten Satz des Abends: »Engagement does not mean containment or appeasement.« Übersetzung: Dass wir uns jetzt bereit erklärt haben, mit dem iranischen Regime zu reden, bedeutet nicht, dass wir glauben, wir könnten mit einer iranischen Bombe leben. Donnernder Beifall.

Israel Bekanntlich darf man Äußerungen von Politikern nicht mit der Wirklichkeit verwechseln. Bei einem Podiumsgespräch erzählten der israelische Journalist Yossi Klein Halevi und der britische Journalist Ed Husain – ein ehemaliger islamischer Fundamentalist, der jetzt für den »Council on Foreign Relation« in New York arbeitet –, wie sie die Wirklichkeit vor Ort erleben. Klein Halevi erzählte, dass Barack Obama bei seinem Besuch in Israel im März die Herzen vieler, wenn nicht sogar der meisten Israelis erobert habe. Aber Obama habe diese Sympathie durch seine Zögerlichkeit in Syrien wieder verspielt, wo er sagte, der Einsatz von chemischen Waffen sei eine »rote Linie«, die nicht überschritten werden dürfe –, und als die rote Linie dann überschritten wurde, gab es doch keine militärische Antwort.

Die Israelis interpretieren dies laut Klein Halevi so, dass es auch im Falle des Iran nie zu einem handfesten Versuch kommen werde, den Bau einer Atombombe zu verhindern. Die Ankündigung, man wolle mit dem iranischen Regime verhandeln, werde von den Israelis als würdeloses Einknicken erlebt. Kurzum, die amerikanische Politik der letzten Wochen und Monate habe einen israelischen Luftangriff auf den Iran sehr viel wahrscheinlicher gemacht. Was den israelisch-palästinensischen Konflikt betrifft, rechnet Klein Halevi mit einer einseitigen Abtrennung eines großes Teils des Westjordanlandes nach dem Vorbild des einseitigen israelischen Abzugs aus dem Gazastreifen.

Nahost Ed Husain berichtete von seinen Erlebnissen in Tunesien, Ägypten und Saudi-Arabien. In Tunesien herrsche große Verzweiflung bei den Gemäßigten, weil die Ennhahda-Partei – die Partei der Islamisten – von salafistischen Kräften, also den Ultraradikalen, bedrängt würde. In Ägypten hätten ihm alle gesagt, die Amerikaner sollten sich möglichst schnell aus der gesamten Region verabschieden. In Saudi-Arabien wiederum beklagten seine Gesprächspartner, dass die Amerikaner nicht genug täten, um den islamischen Radikalismus zu bekämpfen. Überhaupt redeten die Saudis mittlerweile wie Israelis, sagte Ed Husain: Sie hätten am liebsten schon vor einem Jahr einen Militärschlag gegen den Iran gesehen und beklagten, dass der Westen den ägyptischen Ex-Diktator Hosni Mubarak viel zu schnell fallengelassen hätte.

Allerdings sei der saudischen Bevölkerung diese Waffenbrüderschaft mit Israel weitgehend unbekannt. Es handle sich um eine Politik des Regimes, über die nur hinter verschlossenen Türen gesprochen werde. Kein Zweifel aber: Wenn Israel morgen seine Luftwaffe gen Iran losschicken sollte, wären die Saudis die Ersten, die applaudieren.

Für Europäer mag etwas ganz anderes von Interesse sein: Das State Department unterhält eine spezielle Abteilung, die sich mit Antisemitismus beschäftigt. Deren Chef heißt seit Mai 2013 Ira Forman – ein wacher und kundiger Mann, der nichts von diplomatischen Floskeln hält. Der Antisemitismus in Europa, sagte er, sei »weder latent noch vergangen, sondern im Anstieg begriffen«. Er erzählte von einem Besuch in der Großen Synagoge in Paris und von einem Abendessen beim Rabbiner im Anschluss daran. Und als er mit seinen Begleitern auf die Straße hinausgehen wollte, hätten sie ihn bedrängt, doch um Himmels willen die Kippa abzunehmen. »Und das war im Zentrum von Paris, nicht in einem der Vororte!«

Die Gefahr für Juden in Westeuropa sei mehr physischer Natur, in Osteuropa seien die Angriffe vor allem verbal. Es ist Ira Forman auch nicht verborgen geblieben, dass Antisemitismus in Westeuropa heute vielfach von muslimischen Jugendlichen ausgeht. In Osteuropa sei das Problem der wiedererstarkende Nationalismus. Längst passé seien im State Department die Tage von Breckinridge Long, sagte Ira Forman; Long war jener Beamte, der in den 30er- und 40er-Jahren dafür sorgte, dass Juden so gut wie gar keine Visa für die Einwanderung nach Amerika bekamen. Sein Geist wurde in Washington D.C. offenbar mit Erfolg ausgetrieben: Formans Arbeit, sagte er selbst, werde im State Department von allen mit Sympathie gesehen. Die Unterstützung komme von beiden Parteien im gleichen Maß.

Antisemitismus Was nun den Antisemitismus in Amerika selbst betrifft, ergeben Umfragen immer wieder dasselbe: Mehr als die Hälfte aller Amerikaner sind vollkommen frei von antisemitischen Stereotypen, und sogar unter jenen, die an das Märchen von den besonders geschäftstüchtigen Juden glauben, die wie Pech und Schwefel zusammenhalten und die Medien kontrollieren, mischt sich die Judenfeindschaft verwirrend mit einer entgegengesetzten Emotion: nämlich Bewunderung – vor allem für die jüdische Familienfreundlichkeit.

Der Judenhass unter schwarzen Amerikanern, der früher beträchtlich war, hat in den letzten Jahren stark abgenommen, allerdings kann das an den neuen Umfragemethoden liegen: Bei den jüngsten Erhebungen griff die Anti-Defamation League verstärkt auf Mobiltelefone zurück, und das heißt, dass mehr junge schwarze Amerikaner erreicht wurden, die messbar weniger Ressentiments haben als die Generation davor. Schon das ist eine ermutigende Botschaft.

So ist das Hauptproblem der jüdischen Amerikaner heute überhaupt nicht Antisemitismus. Es ist vielmehr Assimilation: die starke Tendenz, Nichtjuden zu heiraten, die mangelnde Bereitschaft, sich gegenüber der Umwelt abzugrenzen, die Abwesenheit von Wissen oder wenigstens einer Ahnung, was Jude-Sein im 21. Jahrhundert im positiven Sinn bedeuten könnte. Für dieses Problem allerdings ist die Anti-Defamation League nicht zuständig.

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