Iran-Krieg

Zwischen Jubel und Ungewissheit

Ein Mann hält eine Ausgabe der Zeitung »Israel Hayom« auf dem Mahane-Yehuda-Markt in Jerusalem in den Händen Foto: Flash 90

Die Nachricht erreichte Israel am späten Samstagabend – zuerst als Gerücht, dann als Eilmeldung, am Morgen darauf schließlich als bestätigte Realität: der iranische Religionsführer Ajatollah Ali Chamenei, seit 1989 oberster Führer des Iran, und für viele Israelis die personifizierte Bedrohung ihres Landes, ist tot.

Noch bevor offizielle Bestätigungen aus Teheran vorlagen, unterbrachen israelische Fernsehsender ihr Programm. Auf Smartphones erschienen im Minutentakt neue Meldungen, während sich auch in sozialen Netzwerken Spekulationen und vorsichtige Jubelreaktionen überschlugen.

Die Regierung in Jerusalem reagierte schnell – und mit ungewöhnlich deutlichen Worten. Premierminister Benjamin Netanjahu erklärte in einer Videoansprache, es gebe »viele Anzeichen, dass der Tyrann nicht mehr unter uns ist«. Chamenei habe »über mehr als 30 Jahre Terror in die Welt geschickt« und unablässig daran gearbeitet, »den Staat Israel zu vernichten«, führte der Premier aus.

Gleichzeitig sprach Netanjahu von einem historischen Moment, der jedoch »keineswegs das Ende der Auseinandersetzung bedeute«. Israels militärische Operationen gegen iranische Ziele würden fortgesetzt, machte er deutlich. Auch Verteidigungsminister Israel Katz schlug einen unmissverständlichen Ton an. »Wer versucht, Israel zu zerstören, wird selbst zerstört«, schrieb er in einer öffentlichen Erklärung. Israel werde weiterhin »mit voller Kraft handeln«, um Bedrohungen aus dem Iran zu begegnen.

Viele freuen sich über das Ende des »Hauptfeindes«

Währenddessen freuen sich auch israelische Bürger über das Ende des »Ojew merkasi«, des Hauptfeindes, wie sie ihn nannten. In zahlreichen öffentlichen Schutzräumen im ganzen Land brach spontaner Jubel aus, als sich die Nachricht vom Tod Chameneis verbreitete. Manche brachten Alkohol mit, um anzustoßen – ein kurzer Moment der Erleichterung inmitten eines extrem angespannten Kriegsalltags.

In der U-Bahn-Station Allenby im Zentrum von Tel Aviv sitzt Tamara Schechter und wartet darauf, dass das Heimatfrontkommando Entwarnung gibt, damit sie wieder in ihre Wohnung kann. Neben ihr Wasserflaschen, zwei Rucksäcke, ein improvisierter Schlafplatz. Heute Nacht wird sie sich wieder hier schlafen legen, denn ihr Haus hat keinen Schutzraum. Doch in diesem Moment lacht sie, hebt eine Bierflasche und stößt mit ihrem Freund an.

»Chamenei war ein Teufel, der in allererster Linie sein eigenes Volk drangsalierte und Terror verbreitete. Gut, dass er weg ist«, sagt die Studentin. »Ich hoffe, dass es nun für die Iraner wirklich Freiheit und für uns endlich Ruhe gibt.« Dann fügt sie etwas leiser hinzu: »Wir haben genug von Kriegen, Terror und Tod. Jahrelang geht es um kaum etwas anderes. Können wir uns jetzt bitte wieder auf das Leben konzentrieren?«

Studentin Tamara Schechter: »Chamenei war ein Teufel, der sein eigenes Volk drangsalierte und Terror verbreitete. Ich hoffe, dass es nun für die Iraner Freiheit und für uns Ruhe gibt.«

Ihr Freund Yuval Tomer nickt, nimmt ebenfalls einen Schluck Bier und sagt »L’Chaim«. Auch er sei froh, dass Chamenei »das Zeitliche gesegnet hat«. Doch unbeschwert macht ihn das nicht. »Netanjahu wird sich nun auf die Fahnen schreiben, die ganze Welt vor Chamenei gerettet zu haben«, sagt der 28-Jährige, der sich selbst als Regierungsgegner bezeichnet. Er hofft auf einen politischen Wechsel bei den nächsten Wahlen in Israel und sorgt sich, dass der Krieg gegen den Iran der aktuellen Koalition neuen Auftrieb verschaffen könnte.

Rund einen Kilometer weiter nördlich sitzt David Steiner in einem öffentlichen Bunker und scrollt durch Nachrichtenmeldungen auf seinem Telefon. »Sein Tod ist gut für alle – niemand wird ihn vermissen, weder im Iran noch hier«, ist der Unternehmer überzeugt. »Es freut mich wirklich für die iranischen Menschen, die sich so lange schon nach einem Ende dieser Tyrannei sehnen und von denen so viele von Chameneis Schergen abgeschlachtet wurden.«

Gleichzeitig glaubt Steiner nicht an ein schnelles Ende des Krieges. Weil Chamenei auch religiöser Führer gewesen sei, werde seine Tötung von Anhängern nicht vergessen werden. »Es wird langfristigen Groll geben«, sorgt er sich und hält Anschläge gegen israelische oder amerikanische Einrichtungen weltweit als Vergeltung für möglich.

Chamenei verkörperte dauerhafte Bedrohung aus Teheran

Benjamin Arditti verfolgt die Entwicklungen mit einer anderen Perspektive. Erst vor wenigen Monaten ist er aus Frankreich nach Israel eingewandert, um dem wachsenden Antisemitismus zu entkommen. Der strengreligiöse Mann, der mit seiner Frau sein erstes Kind erwartet und sich in der Küstenstadt Netanya niedergelassen hat, begrüßt die Zusammenarbeit zwischen Netanjahu und US-Präsident Donald Trump.

Sie würden helfen, »die Welt von den Bösen der Welt zu befreien«, sagt er mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht. »Und ich bin stolz, jetzt zu dem jüdischen Staat zu gehören, der Chamenei erledigt hat.« Angst vor Vergeltung aus dem Iran hat er nicht. Er zeigt mit einem Finger gen Himmel und sagt: »Haschem wird uns schon beschützen.«

Für viele Israelis war Chamenei mehr als irgendein ausländischer Politiker. Über Jahrzehnte hinweg stand er für die Drohung aus Teheran, »Israel von der Landkarte zu löschen«. Sein Tod markiert deshalb symbolisch das Ende einer Ära – und zugleich den Beginn einer neuen Unsicherheit. Denn während viele jubeln, sind die iranischen Raketen Teil des israelischen Alltags.

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