Syrien

Wie die Gewalt nach Suweida kam

In Suweida kämpfen beduinische Milizen gegen Drusen Foto: picture alliance/dpa

In der südsyrischen Stadt Suweida erzählen die Straßen von dem, das in den vergangenen Tagen geschah: ausgebrannte Gebäude und Autos, geplünderte Läden, Tote, die auf dem Asphalt unter der heißen Sonne liegen. So beschreiben es Augenzeugen und zeigen es Videos in den sozialen Medien.

»Die Lage ist miserabel«, berichtet eine junge Frau, die die gewaltvollen Zusammenstöße dort in den vergangenen Tagen miterlebt hat, per Sprachnachricht. »Die ganze Zeit waren wir unter Beschuss«.

Nach vier Tagen der Kämpfe im Gouvernorat Suweida und der gleichnamigen Stadt sind nach Angabe des Syrian Network for Human Rights mindestens 169 Menschen tot, darunter fünf Frauen und sechs Kinder, mindestens 200 Menschen wurden verletzt. Das Syrian Observatory for Human Rights spricht von 275 getöteten Staatssicherheitskräften und 304 Toten aus Suweida.

Ein ausgebranntes Auto in SuweidaFoto: picture alliance / NurPhoto

Doch wie kam es zu den brutalen Auseinandersetzungen? Vor etwa einer Woche wurde an der Autobahn zwischen der Hauptstadt Damaskus und Suweida ein junger Mann entführt, die Täter beschimpften ihn nach Angabe lokaler Medien mit religiös-motivierten Beleidigungen. An diesem Zwischenfall entzündeten sich ab vergangenem Sonntag heftige Kämpfe zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen, die in dem Gouvernorat leben: der Minderheit der sunnitischen Beduinen und der großen Mehrheit der Drusen – eine sich aus dem schiitischen Islam ableitende Gruppe, die extremistische Sunniten oft als Apostaten betrachten.

Am Montag entsandte dann die Zentralregierung in Damaskus Truppen nach Suweida, um »die Auseinandersetzungen zu beenden«. Doch das Gegenteil erfolgte: Die Spannungen eskalierten erst, zwischen bewaffneten Drusen, Beduinen und den Regierungstruppen. Letztere beschuldigen Augenzeugen, sich auf die Seite der Beduinen geschlagen zu haben. Allen Beteiligten werden schwere Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen. So wird den Regierungstruppen vorgeworfen, Zivilisten massakriert und drusische Männer mit Zwangsrasuren erniedrigt zu haben. Herauszufinden, wer wofür verantwortlich ist, wird dauern.

Drusen sind in drei Fraktionen gespalten

Die Eskalation ist nicht überraschend. Viele Drusen vertrauen der neuen Zentralregierung nicht. Im Dezember 2024 stürzte die dschihadistische Miliz Hayat Tahrir asch-Scham (HTS) Diktator Baschar al-Assad. Schnell übernahm die HTS die Kontrolle über den Großteil der syrischen Gebiete. Später löste sie sich auf, und ging ins Militär über. Und aus dem unter seinem Kampfnamen Abu Mohammad al-Golani bekannten HTS-Anführer wurde der mittlerweile als gemäßigt geltende Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa.

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Die Lesart dessen, was in Suweida passiert, ist derzeit vor allem: Drusen gegen Sunniten, Drusen gegen die Regierung. Doch der Konflikt reicht tiefer. Die Drusen sind in drei Fraktionen gespalten. Zwei von ihnen gelten als der neuen Regierung gewogen und verhandlungsbereit. Die dritte untersteht Scheich Hikmat al-Hijri. Abkommen mit der neuen Regierung in Damaskus lehnte er wiederholt ab, stattdessen setzte er vermehrt auf Israel als Partner. Vor allem al-Hijris Truppen sollen sich heftige Kämpfe mit den Staatstruppen geliefert haben.

Israel will Drusen in Syrien schützen

Mit deren Ankunft im Governorat Suweida stieg auch das israelische Militär in den Krieg ein. Sie bombardierte gepanzerte Fahrzeuge der syrischen Armee, das Verteidigungsministerium in Damaskus und nahe dem Präsidentenpalast. Zwei Gründe führte Israels Premier Benjamin Netanjahu dafür an: Das syrische Gebiet südlich von Damaskus müsse demilitarisiert sein. Und man wolle die Drusen in Südsyrien beschützen.

Letzteres stößt gerade in der drusischen Minderheit in Israel und auf den annektierten Golanhöhen auf Zustimmung. Nader Halabi steht am Mittwoch an dem Grenzzaun, der die Golanhöhen von der Pufferzone zu Syrien trennt. Er stammt aus Madjal Schams, einer drusischen Kleinstadt im Golan. Und obwohl sich viele Drusen dort bis heute als Syrer betrachten, sagt er: »Im Schatten des Massakers in Suweida unterstütze ich jede Einmischung, um die Menschen dort zu schützen«.

Verhandlungen in Aserbaidschan

Um die von Netanjahu geforderte Demilitarisierung werden Gespräche zwischen Israel und Syrien in Aserbaidschan geführt. Das Medium »Syria in Transition« berichtet nun in Bezug auf eine mit den Unterredungen vertraute Quelle: Die Eskalation in Suweida hänge mit einem Missverständnis zusammen. Demnach habe Syrien Israel vorgeschlagen, eine Integration von Suweida in die neuen Staatsstrukturen zu erlauben. Angeblich habe Israel dem zugestimmt.

Damaskus habe daraufhin die Kämpfe zwischen den Beduinen und Drusen nutzen wollen, um Suweida unter seine Kontrolle zu bringen. Israel habe unter der Integration Suweidas allerdings zunächst einen Wiederaufbau staatlicher Infrastruktur verstanden. Und so den Einmarsch syrischer Truppen nach Suweida als Akt der Aggression aufgefasst.

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Tatsächlich sprach auch US-Außenminister Marco Rubio von einer »unglücklichen Situation und einem Missverständnis« zwischen den beiden Seiten. Am Mittwoch teilte er mit, dass man im Gespräch sei und auf dem Weg zu einer »echten Deeskalation«.

Später erklärte die syrische Regierung einen Waffenstillstand und zog ihre Truppen ab. Am Donnerstag betonte eine Sprecherin des US-Außenministeriums: Die USA unterstützten die jüngsten Luftangriffe Israels in Syrien nicht.

Die Ruhe hielt in Suweida nicht lange. Nach dem Abzug der Regierungstruppen rächten sich bewaffnete Drusen an Beduinen, die feuerten zurück, die Kämpfe gehen weiter. Die staatliche syrische Nachrichtenagentur SANA berichtet von weiteren israelischen Luftangriffen nahe Suweida. Und das syrische Innenministerium erklärte nun, dass sie eine erneute Entsendung der Sicherheitskräfte vorbereite.

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