Israel

»Unser Alltag ist nicht normal«

Adele Raemer Foto: privat

Israel

»Unser Alltag ist nicht normal«

Adele Raemer über das Leben unter Beschuss

von Sabine Brandes  18.05.2023 12:41 Uhr

Adele Raemer, eine in den USA geborene Israelin, lebt seit fast fünf Jahrzehnten im Kibbuz Nirim. Es ist ihr Zuhause, hier lebt ihre Familie. Nirim ist eine der am nächsten zum Gazastreifen gelegenen Gemeinden. Raemer ist Lehrerin, bildet Lehrer aus, sie ist medizinischer Clown, Mutter und Großmutter.

Seit zwei Jahrzehnten fallen immer wieder Granaten und Raketen palästinensischer Terroristen aus Gaza auf die Ortschaften im Süden Israels. Manchmal sind es Hunderte in wenigen Tagen. Die Menschen stehen praktisch unter Dauerbeschuss, und immer wieder stellen sie sich voller Ungewissheit die Frage: »Wann geht es wieder los?«

11. Mai 2023: Frau Raemer, wie geht es Ihnen im Moment?
Es geht mir einigermaßen gut. Mein Kibbuz wurde evakuiert. Die Verwaltung der Eschkol-Region hat das organisiert, und es hat wunderbar funktioniert. Ich bin mit 250 Mitgliedern meiner Gemeinde im Ramada-Hotel in Netanja untergebracht.

Wie war es, Ihr Haus zu verlassen?
Es ist nie einfach, wenn man auf diese Weise sein Zuhause zurücklassen muss. Normalerweise bleibe ich da, aber meine Tochter hat mich ermutigt zu gehen, auch, weil sie Hilfe bei der Kinderbetreuung brauchte. Außerdem fühlte es sich dieses Mal an, als ob etwas Schlimmeres geschehen würde. Wir hatten 36 Stunden Ruhe vor dem ersten Raketenangriff, nachdem die israelische Militäraktion im Gazastreifen begonnen hatte. Ich wachte am Morgen in meinem Schutzraum auf, in dem ich übernachtet hatte, und dachte: ›Adele, vielleicht warnt dich das Universum durch diese Stille, es ist Zeit zu verschwinden.‹ Meine Taschen waren gepackt, und ich fuhr los. Es war gut so, denn man kann nicht unter Beschuss fliehen, das ist viel zu gefährlich. Zwei Stunden später flogen die Raketen.

Was macht Ihre Gemeinde in dem Hotel?
Manche tun das, was man in einem Ferienhotel so tut. Vor allem, um die Kinder abzulenken und zu beschäftigen. Nach dem Motto: ›Wenn man Zitronen bekommt, mach Limonade draus.‹ Doch es ist kein wirklicher Urlaub, wenn man ein Geflüchteter ist. Man weiß nicht, wie lange man weg ist, wann man zurück in sein Haus kann.

Machen Sie sich große Sorgen?
Natürlich, denn fast jede Familie hat ein Mitglied, das zurückgeblieben ist. Es gibt Tiere, um die man sich kümmern muss, und vieles andere. Außerdem wissen wir nicht, was wir vorfinden werden, wenn wir zurückkommen.

Welche Auswirkungen hat die Häufigkeit dieser Angriffe auf Ihre mentale Gesundheit?
Ein großer Teil der Menschen bei uns ist in psychologischer Betreuung. Bei sehr vielen ist eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert. Obwohl die eigentlich gar nicht ›post‹ ist. Denn wir kommen ja nie ins ›nach‹. Die belastende Situation dauert an und an und an … Wenn wir unter Beschuss stehen, schnellen die Zahlen der Menschen, die psychologische Hilfe brauchen, sofort in die Höhe. Diesen Stress kann man nicht ein paar Stunden später abschalten, alles hat einen Langzeiteffekt auf die Psyche.

Und trotzdem leben Sie dort. Warum?
Es ist mein Zuhause. Wir nennen es ›95 Prozent Himmel und fünf Prozent Hölle‹. Es gibt keine Kriminalität, wir schließen nicht einmal die Türen ab. Und wir sind eine eng verbundene Gemeinde, das ist für die Widerstandsfähigkeit ungeheuer wichtig. Wie beispielsweise jetzt. Es haben sich Leute um die Evakuierung gekümmert, Aktivitäten für die Kinder organisiert und so vieles mehr.

Was wünschen Sie sich in diesem Moment?
Wenn nötig, wäre ich gerade bereit, dass diese Aktion so lange weitergeht, bis es wirklich eine andere Realität für uns gibt. Ich wünsche, dass es auf diplomatischem Weg gelöst werden kann, doch wenn es militärisch sein muss, dann muss es sein. Denn die Anführer im Gazastreifen wollen keine Juden hier. Sie wollen uns töten. Aber wir verdienen eine langfristige Ruhe. Und zwar wir alle, auch die Palästinenser im Gazastreifen. Denn die Terrororganisationen halten ihre Bevölkerung als Geiseln. In Zeiten von Beschuss haben die Menschen dort keinen Schutz, keine Sicherheitsräume. Denn die Terrorgruppen schießen die Raketen aus bewohnten Gegenden. Unsere Regierungen haben Milliarden ausgegeben, um Schutzräume für uns zu bauen, ihre Regierung hat das Geld ausgegeben, um Terrortunnel zu bauen. Es ist ein Feind, der das Leben von Menschen nicht respektiert. Das ist ein schwieriger Feind, mit dem man umgehen muss.

Glauben Sie, dass es eine neue Realität geben könnte?
Ich weiß nicht, wieso das nicht möglich sein sollte. Wir haben so viele Dinge erfunden und entwickelt. Das Schutzsystem Eiserne Kuppel, das unwirklich erschien, ist wahr geworden. Die Lage scheint nicht wie ein unlösbares Problem.

15. Mai 2023: Frau Raemer, es ist ein Waffenstillstand vereinbart worden. Wo sind Sie jetzt?
Ich bin gestern zurückgekommen, also wieder in meinem Haus, in meinem Kibbuz.

Herrscht Ruhe bei Ihnen?
Das dachten wir eigentlich. Wir haben den Kindern versichert: ›Alles ist in Ordnung, es ist wieder friedlich.‹ Und dann eine Rakete auf Aschkelon. Wieder Sirenen. Meine Enkelin hat sich geweigert, heute in die Schule zu gehen.

Wie belastend ist diese Ungewissheit?
Ganz extrem belastend für uns alle. Wir wissen ja niemals, wann es wieder losgehen könnte, keiner weiß es. Bei jedem möglichen Ereignis kann es erneut explodieren: dem Flaggenmarsch, wenn ein Häftling im Hungerstreik jede Nahrung und Medizin verweigert und dann stirbt, oder sonst etwas.

Wie gehen Sie damit um?
Wir gewöhnen uns nicht an die Situation, das kann man einfach nicht. Denn unser Alltag ist nicht normal. Aber wir lernen, damit zu leben – und dabei zu überleben.

Mit Adele Raemer sprach Sabine Brandes

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