Tel Aviv

Stimmen vom Habima-Platz

Gegen den Krieg: Ukrainer und Israelis stehen Seite an Seite.
Gegen den Krieg: Ukrainer und Israelis stehen Seite an Seite. Foto: Sabine Brandes

Tel Aviv

Stimmen vom Habima-Platz

Viele haben Verständnis für die Position der Regierung zum Ukraine-Krieg, fordern jedoch mehr Hilfe

von Sabine Brandes  24.03.2022 09:12 Uhr

»Slawa Ukrajini!«, so hallt es durch den kalten Abendwind im Zentrum der Mittelmeermetropole Tel Aviv – »Hoch lebe die Ukraine!«. Tausende sind am Sonntagabend auf den Platz vor dem Habima-Theater gekommen, um sich die Rede des Präsidenten der Ukraine, Wolodymyr Selenskyj, anzuhören.

Blau und Gelb – Blau und Weiß. Ukrainische Fahnen wehen neben israelischen, »Stop Putin« und »No war« steht auf den Schildern. Ein Vater und sein Sohn stehen in einer überdimensionalen Pappbox, in die sie Gitterfenster geschnitten haben, hinter denen das Konterfei von Wladimir Putin hervorlugt. »PUT IN Jail« steht daneben.

Galina Korinets hat sich in eine ukrainische Flagge gehüllt. Sie lebt seit drei Jahren in Tel Aviv. Die Musikerin kommt aus Kiew und spielt im israelischen Philharmonie-Orchester Geige. »Bevor ich nach Israel gekommen bin, wusste ich nicht, was Krieg ist, denn ich hatte nie einen erlebt. Dann flogen hier im vergangenen Mai die Raketen, und ich musste in den Schutzbunker rennen. Jetzt erlebt meine Familie in der Ukraine einen Krieg. Es ist eine Katastrophe.«

Musikerin Die junge Frau versteht Israels schwierige politische Lage und warum das Land nicht direkt Waffen an die Ukraine schicken will. »Aber sie sollten alles andere senden, was möglich ist, Medizin und weitere Hilfsmittel. Israel hat so viele Fähigkeiten, damit sollten sie die Ukraine unterstützen.« Bis jetzt ist ihre Familie in der Hauptstadt »in Ordnung«, wie sie es beschreibt. »Doch wer weiß, wie lange noch.«

Die Musikerin würde ihre Eltern gern nach Israel bringen, zumindest bis das Schlimmste vorbei ist. Doch dem ist ein Riegel vorgeschoben, weil sie nicht jüdisch sind. »Israel sollte seine Tore ganz weit für die Flüchtlinge öffnen – für alle Flüchtlinge.«

Immer wieder brechen die Menschen in Sprechchöre aus – auf Ukrainisch. Aber es sind keineswegs nur Ukrainer hier, sondern auch viele Israelis. Wie Maayan Levi, die »nicht einfach zuschauen will, wenn Menschen in einem Krieg ohne jeglichen Grund getötet werden«. Sie wünscht sich, dass ihr Land mehr tun würde. »Israel muss sich zwischen Gut und Böse entscheiden und kann nicht völlig neutral sein. Es ist doch eindeutig, wer hier der Böse ist.«

Wolodymyr Selenskyj, auf die Fassade des Theaters projiziert, zitiert Golda Meir, und die Menschen hören gebannt zu. »Wir wollen leben, dafür gibt es keinen Kompromiss.« Ein Mann hält seine Frau fest im Arm. Auf ihr Gesicht hat sie sich die blau-gelben Farben gemalt, die ihr jetzt die Wangen herunterrinnen. Sie weint. All ihre Angehörigen sind in der Ukraine, und sie weiß manchmal tagelang nicht, ob sie noch leben. »Denn sie haben kaum Strom.«

iron dome »In Israel weiß man, dass ›Iron Dome‹ das beste Raketenabwehrsystem ist«, hört man den Präsidenten sagen. Die Menge jubelt. »Iron Dome – Iron Dome«, skandieren einige. Damit könne man die eigenen Interessen verteidigen und der Ukraine helfen – auch den Juden in der Ukraine.

»Ja, Verteidigungswaffen müssen endlich geliefert werden«, meint Sergey, der aus Kiew stammt und am liebsten mit seinen Freunden mitkämpfen würde, die alle an der Front sind. »Aber meine Mutter lebt hier und ist schwer krank, ich kann sie nicht alleinlassen. Das würde sie umbringen.«

Kobi hält ein Schild in Herzform und zwei Ballons in Blau und Gelb in die Höhe, »No war« steht in fetten Lettern darauf. Er ist Israeli, seine Frau kommt aus der Ukraine. »Aber auch, wenn ich nicht mit einer Ukrainerin verheiratet wäre, stünde ich heute hier«, versichert er. »Jeder Mensch, der Demokratie und Freiheit liebt, muss gegen diesen Krieg aufschreien.«

Kriegsverbrechen Putins Taten bezeichnet er als »Kriegsverbrechen und Genozid«. Und man habe keine Ahnung, was dieser mörderische Diktator noch vorhabe. »Wer weiß denn, ob er in Zukunft in andere Länder einmarschiert oder sich gegen Israel wendet. Alles ist möglich, er hat schon alle Grenzen überschritten.« Israels Zwiespalt versteht er, doch »ich bin sicher, dass die Mehrheit der Israelis die Ukraine mit Herz und Verstand unterstützt. Und deshalb muss sich auch die Regierung in Jerusalem jetzt entscheiden. Weil dies auch ein Krieg der Werte ist«.

Seine Ehefrau Yulia Kowal steht neben ihm. Auf die Frage, wie es ihr geht, sagt sie: »Es geht jetzt nicht um mich, sondern um alle Menschen in der Ukraine.« Sie stammt aus Melitopol, etwa 100 Kilometer von der geschundenen Stadt Mariupol entfernt. In den vergangenen Tagen gelangte auch ihre Heimatstadt zunehmend ins Visier der russischen Angreifer. Außerdem hat sie Familie in Kiew und Sumy. »Nirgendwo ist jemand sicher«, sagt sie und wischt sich Tränen aus den Augen. »Meine ganze Familie ist in der Ukraine. Ich wünsche inständig, dass ich zumindest meine Eltern und Schwester holen kann. Sie ist erst 14.«

»Ein Angehöriger von mir ist Krebspatient. Es ist unsicher, ob er seine Medizin bekommt. Es ist eine absolute Tragödie.«

Yulia Kowal, mit einem Israeli verheiratete Ukrainerin

Ein Viertel der gesamten ukrainischen Bevölkerung sei auf der Flucht, zehn Millionen Menschen. Auch Angehörige ihrer Familie. »Aber sie haben es nicht bis über die Grenze geschafft, sondern nur in ein Dorf, etwa 70 Kilometer südlich von Sumy. Da verstecken sie sich jetzt. 18 Menschen in einem kleinen Haus. Die meisten schlafen auf dem Boden. Alles ist knapp, Essen, Wasser und Strom. Und oft gibt es kein Telefonsignal, weil die Russen es stören.«

»Ein anderer Angehöriger von mir ist Krebspatient. Es ist unsicher, ob er seine Medizin bekommt. Seine Familie sucht in ganz Kiew nach seinen Medikamenten, damit er überlebt«, erzählt Yulia. »Es ist eine absolute Tragödie.«

Sie versucht – so gut es geht –, aus Israel zu helfen und ist aktiv in der Organisation »Ach Leach« (Bruder für Bruder), die von der ukrainischen Botschaft in Israel unterstützt wird. »Wir versuchen, alles zu mobilisieren, was möglich ist, und hoffen, dass letztendlich zumindest Essensrationen für das Militär, Helme und Schutzwesten geschickt werden«, sagt Yulia.

Bombardierungen Nach dem Ende der Rede kommen auf dem Bildschirm Ukrainer zu Wort. Frauen und Kinder, die geflüchtet sind, andere, die unter dauerhaften Bombardierungen leben und keinen Ausweg wissen. Menschen, die für immer ihre Liebsten verloren haben. Eine Frau weiß nicht, wie sie ihrem kleinen Sohn erklären soll, warum sie jetzt in einem fremden Land sind, der Vater fort ist und sie nicht nach Hause können.

Ein junger Mann, der die Kapuze seines Wintermantels tief ins Gesicht gezogen hat, erzählt, dass er seit Wochen im Keller lebt, ohne Heizung, Strom und Wasser. Er weiß nicht, wie lange es noch so gehen kann. Leise erklingt in Tel Aviv die ukrainische Nationalhymne im Hintergrund. Verzweifelt schaut der Mann in die Kamera: »Herr Putin, was haben Sie nur getan?«

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