Wassermelonen

Sommer in Rot-Grün

Rot, saftig und gesund: Wassermelonen Foto: Sabine Brandes

Rot und Grün sind die Farben des Sommers. Überall auf den Märkten liegen sie, manches Mal pyramidenförmig aufgetürmt, oft aufgeschnitten, um die Kunden anzulocken. Die prallen Früchte mit der grünen Schale und dem knallroten Fruchtfleisch sind da – die Saison der Melonen hat in Israel begonnen.

Wenn die Hitze durch das Land flirrt, garantiert die Wassermelone, auf Hebräisch Awatiach, die perfekte Abkühlung. Sie ist die beliebteste Verpflegung für Ausflüge zum Strand und gehört zum israelischen Sommer wie Sonne und wolkenloser Himmel. Die Saison dauert von Pessach bis Rosch Haschana, also von März/April bis in den Oktober. Doch die köstlichsten Melonen, da sind sich alle einig, gibt es im Hochsommer.

Von außen kann man nicht sehen, ob die Melone, die eigentlich zum Gemüse gehört, gänzlich reif und damit süß ist. Selbst ernannte Wassermelonenexperten glauben, die Süße durch Klopfen erkennen zu können. Israelis, die sich Riesenexemplare ans Ohr halten und dabei auf die Schale trommeln, sind ein gewohnter Anblick auf israelischen Märkten. Angeblich klingt es hohl, wenn sie noch nicht reif ist. Ob diese Methode tatsächlich funktioniert, ist umstritten.

Ernte Motti Dahan sitzt neben einem Berg der runden Früchte und wartet auf Kunden. Es ist früh am Morgen auf dem Tel Aviver Carmelmarkt, und die Käufer lassen noch auf sich warten. Außer den Wassermelonen hat der Obst‐ und Gemüsehändler nicht viel im Angebot, ein wenig Knoblauch, ein paar gelbe Honigmelonen. Sein Hauptgeschäft macht er jeden Sommer mit der liebsten Frucht der Israelis. »Es ist eine gute Ernte in diesem Jahr, die Felder sind übervoll«, gibt er die Information seines Lieferanten weiter.

Außerdem seien sie diese Saison ganz besonders süß, versichert der Händler. Man weiß nicht, ob dieser magische Satz jedes Jahr derselbe ist, doch mit einem großen Messer teilt er blitzschnell ein besonders pralles Exemplar. Zum Vorschein kommt verführerisch rotes und zuckersüßes Fleisch. »Hier muss keiner klopfen!« Doch etwas fehlt. Nicht ein einziges schwarzes Kernchen ist inmitten des ganzen Rot zu sehen. Die neuen Wassermelonen sind völlig kernlos, in wissenschaftlichen Laboren entwickelt. »Die Israelis sind verwöhnt«, meint der Mann hinter dem Marktstand ungeniert, »die wollen nicht erst in der Melone herumpulen, sondern sofort genießen.«

Kreationen Drei bis vier Schekel kostet das Kilo derzeit, ein guter Preis, so Dahan. »Vor allem für die Kunden.« Man müsse sich nur ausrechnen, dass eine dicke Melone von rund fünf Kilogramm damit gerade einmal 15 bis 20 Schekel kostet (umgerechnet etwa vier bis fünf Euro). »Wo bekommt man einen köstlichen Nachtisch für zehn, zwölf Leute für so wenig Geld?«

In Restaurants sicher nicht. Denn obwohl viele die Wassermelone während der Saison auf der Speisekarte haben, lassen sich die Lokale die Lust der Israelis darauf meist teuer bezahlen. Dafür sind viele Köche heute kreativ. Nicht mehr nur der traditionelle Nachtisch aus dem in Dreiecke geschnittenen Fruchtfleisch mit Schafskäse steht auf dem Menü, sondern zusätzlich auch die buntesten Kreationen: kalte Sommersuppe aus Gurke, Avocado und Melone mit einem Hauch Kresse, Awatiach‐Cocktail mit buntem Pfeffer oder Sushi aus Thunfisch und hauchdünnen Melonenscheiben.

Nährwert Ursprünglich stammt die Wassermelone aus Nordafrika und wurde schon vor 5000 Jahren angebaut. Sogar in der Bibel wird sie erwähnt, allerdings ließen sich damals vor allem die Ägypter die rote Süße schmecken. Wobei sie damals, da sind sich Altertumsforscher sicher, viel weniger rot und weniger süß war. Farbe und Süße kamen erst mit der Züchtung in moderner Zeit. Obwohl die Wassermelone zum Großteil aus Wasser besteht, hat sie durchaus Nährwert: Sie enthält Beta‐Karotin, Vitamin A und C und ist reich an Antioxidantien. Im Schnitt verzehrt jeder Israeli vier bis fünf volle Wassermelonen (etwa zwölf Kilogramm) im Jahr.

Nach Angaben der Landwirtschaftsvereinigung produzieren die rund 100 Anbauer etwa 100.000 Tonnen jährlich. Die meisten Felder gibt es im Jordantal, in Untergaliläa und in der Arawa‐Wüste. »Es ist ein hartes Geschäft«, meint Landwirt Avraham Jalutz aus Galiläa, der seit vier Jahrzehnten anbaut. »Es ist schwierig, denn Wassermelonen sind anfällig für Schädlinge und extrem wetterfühlig.«

Es habe Jahre gegeben, in denen er nicht eine einzige essbare Frucht ernten konnte. »Trotzdem spüre ich, dass es sich lohnt. Wenn ich die Melone noch auf dem Feld aufschneide, und sie ist süß und reif – einen besseren Geschmack des Sommers gibt es nicht!«

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