Jerusalem

Schrecklicher Schmerz

»Er ist nicht gestorben, er hat sich nur von seinem Körper getrennt«: Familie und Freunde trauern um Asher Natan. Foto: Flash90

Asher Natan wurde auf dem Ölberg in Jerusalem beigesetzt. Der Teenager war nach dem Essen hinausgegangen, um Freunde zu treffen. Als seine Eltern Schüsse hörten, machten sie sich auf die Suche nach ihrem Sohn. Erst später erfuhren sie, dass auch er ein Opfer des Terroristen geworden war.

»Ich wollte immer so sehr, dass es dir gut geht. Jetzt bist du für die Ewigkeit an einem guten Ort«, sagte sein Vater Aharon Natan bei der Beerdigung. Und weiter: »Asher ist nicht gestorben, er hat sich nur von seinem Körper getrennt. Seine Seele ist ewig, und diese Unterstützung hier ist wie eine riesige Umarmung für uns.«

grausamkeit »Er wurde mit unvorstellbarer Grausamkeit von einem Terroristen ermordet, der nicht aufhörte, selbst als er einen Jungen sah«, betonte Mosche Lion, Bürgermeister von Jerusalem. »Niemand kann den schrecklichen Schmerz von Eltern beschreiben, die ihren Sohn begraben müssen.« Man werde alles tun, »um nicht zu den furchtbaren Tagen zurückzukehren, als die Angst die Straßen beherrschte«.

Der 21-jährige Täter aus Ost-Jerusalem begann, vor der Synagoge auf Passanten und Beter zu schießen.

Der 21-jährige Täter aus Ost-Jerusalem ist identifiziert worden. Er habe vor der Synagoge begonnen, auf Passanten und Beter zu schießen, gaben die Ermittler an. Anschließend habe er versucht, in seinem Auto zu fliehen, und wurde dabei erschossen, bestätigte die Polizei. Doron Turgeman, Bezirkskommandant von Jerusalem, betonte, dass der Terrorist allein handelte. Er geht davon aus, dass der Schütze den Ort kannte und den Angriff im Voraus geplant habe.

Die Opfer des Anschlags sind neben dem 14-jährigen Asher Natan auch Rafael Ben Eliyahu (56), Shaul Hai (68), Irina Korolova (59) und Ilya Sosansky (26) sowie Natali (45) und Eli Mizrahi (48). Es war der tödlichste Anschlag seit 15 Jahren. Drei Menschen wurden bei dem Angriff verletzt.

synagoge Natali Mizrahi wurde dorthin gebracht, wohin sie jeden Tag ging: in das Hadassah-Krankenhaus auf dem Jerusalemer Skopusberg. Doch die langjährige Angestellte kam nicht zum Arbeiten. Sie verstarb im Krankenhaus. Kurz nach ihrer Ankunft mit dem Rettungswagen wurde ihr Tod festgestellt. Sie wurde zusammen mit ihrem Mann Eli Mizrahi von dem palästinensischen Terroristen ermordet.

»Ich schrie sie an, nicht hinauszugehen«, sagte Elis Vater Schimon Mizrahi bei der Beerdigung seines Sohnes und seiner Schwiegertochter auf dem Friedhof in der Nähe der Stadt Beit Schemesch. »Doch sie hörten Schüsse, liefen hinaus, um zu helfen, und wurden aus nächster Nähe ermordet.« Die Bürgermeisterin von Beit Schemesch, Aliza Bloch, erinnerte an die Toten: »Ihre Herzen haben sie im Leben verbunden – neun Jahre lang. Sie wollten eine Familie gründen und sie das Geben lehren. Jetzt verbinden euch eure Herzen auch im Tod.«

Nur einen Tag nach dem Anschlag schoss ein 13-jähriger palästinensischer Attentäter auf zwei Israelis in Ost-Jerusalem.

Ben Eliyahu wohnte in der Gegend und arbeitete für die israelische Post. Nur wenige Stunden nach seinem Tod wäre er Großvater geworden. Die Frau seines Sohnes Kobi brachte ein Baby zur Welt. »Du solltest zur Brit kommen, aber du konntest deinen Enkel nicht halten. Stattdessen muss ich dich auf den Friedhof bringen«, sagte sein Sohn. Ein weiterer Sohn von Ben Eliyahu wurde bei dem Angriff schwer verletzt, sein Zustand hat sich mittlerweile verbessert.

Nur einen Tag nach dem Anschlag schoss ein 13-jähriger palästinensischer Attentäter auf zwei Israelis in Ost-Jerusalem. Ein 22-jähriger Mann wurde schwer verletzt, sein Vater mittelschwer. Der Täter wurde am Tatort verwundet, teilten Sicherheitskräfte mit.

beileid »Im Namen aller Bürger Israels möchte ich den Familien derjenigen, die bei dem abscheulichen und schrecklichen Angriff in unserer Hauptstadt Jerusalem ermordet wurden, von ganzem Herzen mein Beileid aussprechen«, sagte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu in einer Erklärung. Noch am Tatort rief er die Menschen auf, Ruhe zu bewahren und das Gesetz nicht in die eigene Hand zu nehmen.

Beileid und Verurteilungen trafen aus der ganzen Welt ein. Israelischen Medienberichten zufolge arbeitete Irina Korolova, eine ukrainische Staatsbürgerin, als Hausmeisterin. »Wir teilen den Schmerz nach den Terroranschlägen in Jerusalem. Unter den Opfern ist eine ukrainische Frau«, schrieb der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj auf Twitter. »Unser aufrichtiges Beileid gilt den Familien der Opfer. Die Verbrechen wurden zynisch am Internationalen Holocaust-Gedenktag begangen.«

»Ihre Herzen verbanden sie im Leben. Jetzt verbinden euch eure Herzen im Tod.«

Aliza Bloch

Bei seinem Besuch in Israel rief US-Außenminister Antony Blinken Israelis und Palästinenser auf, die Spannungen inmitten einer der tödlichsten Gewaltwellen der letzten Zeit nicht weiter zu entfachen. »Das ist der einzige Weg, um die ansteigende Gewalt zu stoppen, die zu viele Leben gekostet hat.«

Blinken verurteilte den Anschlag aufs Schärfste: »Bei einem Terrorakt unschuldiges Leben zu nehmen, ist immer ein abscheuliches Verbrechen, aber Menschen außerhalb eines Gotteshauses ins Visier zu nehmen, ist besonders schockierend. Wir verurteilen auch alle, die diese und andere Terrorakte feiern, die Zivilisten das Leben kosten, egal, wer das Opfer ist oder was sie glauben. Rufe nach Rache gegen unschuldige Opfer sind nicht die Antwort. Und Akte der Vergeltungsgewalt gegen Zivilisten sind niemals gerechtfertigt.«

Die Hamas im Gazastreifen indes begrüßte den Anschlag. Währenddessen halten die Spannungen zwischen der israelischen Armee und militanten Palästinensern im Westjordanland weiter an.

reaktion Noch am Samstagabend einigte sich das israelische Sicherheitskabinett auf neue Maßnahmen zur Terrorismus­bekämpfung. Premierminister Benjamin Netanjahu sagte: »Wer auch immer versucht, uns zu schaden – wir werden ihnen und allen, die ihnen helfen, schaden.« Er versprach eine »starke, schnelle und präzise Reaktion«.

Noch am Samstagabend einigte sich das israelische Sicherheitskabinett auf neue Maßnahmen zur Terrorismus­bekämpfung.

Unter anderem wurde eine Änderung der Politik zur Versiegelung und Zerstörung der Häuser von Terroristen beschlossen. Nun sollen auch die Häuser jener Attentäter abgerissen werden dürfen, die ihre Opfer verletzten, aber nicht töteten. Zudem will die Regierung Leistungen für »die Familien von Terroristen« widerrufen und plant, über den Widerruf israelischer Personalausweise zu diskutieren.

Abgesehen von der Aufstockung von Militär- und Polizeieinheiten kündigte Netanjahus Regierung auch an, dass sie Schritte zur »Stärkung« der Siedlungen durchsetzen werde, nicht nur als Reaktion auf die Angriffe, sondern auch auf die »Feiern im Anschluss«. Die Erklärung enthielt allerdings keine Einzelheiten darüber, wie die Siedlungspolitik gestärkt werden solle.

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