Kontroverse

Scharfe Kritik an Bildungsminister

Bildungsminister Rafi Peretz Foto: Flash 90

Eigentlich ist er nur ein Interimsminister, doch Rafi Peretz sorgt seit Tagen immer wieder für neue Schlagzeilen in Israel – und es sind keine guten. Erst verärgerte der Chef des Bildungs- und Erziehungsministeriums mit seinen Aussagen das liberale amerikanische Judentum, jetzt stößt er die LGBTQ-Gemeinde vor den Kopf. Er unterstütze die Konversionstherapie von Homosexuellen, sagte er. Oppositionspolitiker, Künstler und Aktivisten gehen auf die Barrikaden, viele fordern seinen Rücktritt.

Im Fernsehinterview auf Kanal zwölf erläuterte der einstige Oberrabbiner der Armee und Vorsitzende der nationalreligiösen Partei Jüdisches Haus, dass er meint, eine Therapie für schwule und lesbische junge Menschen funktioniere, um ihre sexuellen Präferenzen zu ändern. »Ich habe sie selbst durchgeführt«, sagte er und führte aus, wie er sie bei einem Schüler angewandt habe, der ihm offenbarte, dass er schwul sei. Peretz fügte hinzu, dass er »alle Menschen so respektiere, wie sie sind«. Am nächsten Tag sagte er, dass seine Aussagen freie Meinungsäußerung seien. »Aber die gilt wohl nur für eine Seite des politischen Spektrums.«

Sogar Premierminister Benjamin Netanjahu fühlte sich genötigt, sich von den Äußerungen seines neu ernannten Ministers abzugrenzen.

schaden Doch damit konnte er den Schaden nicht mehr begrenzen. Sogar Premierminister Benjamin Netanjahu fühlte sich genötigt, sich von den Äußerungen seines neu ernannten Ministers abzugrenzen: »Die Aussagen des Bildungsministers in Bezug auf Homosexuelle sind inakzeptabel und spiegeln nicht die Position der Regierung unter meiner Führung wider.« Er führte sogar aus, dass er mit Peretz gesprochen und ihn ermahnt habe. »Peretz hat klargemacht, dass das israelische Bildungssystem auch weiterhin alle Kinder akzeptieren wird – egal, welcher sexueller Orientierung.«

Auch der neue Justizminister und offen schwul lebende Amir Ohana kritisierte Peretz. »Herr Bildungsminister, die Jugend Israels schaut auf Sie. Auch die aus der nationalreligiösen Gemeinde. LGBTQ-Jugendliche nehmen sich dreimal so häufig das Leben.« Ehud Barak (Israel Demokratit) fragte auf Twitter, ob Israel ins Mittelalter katapultiert wurde, und Yair Lapid schrieb: »Solange Rafi Peretz nicht eine Konversionstherapie für seine dunklen und verrückten Meinungen durchführt, kann er nicht weiter als Bildungsminister fungieren.«

Mehrere Dutzend schwule und lesbische Lehrer demonstrierten am Sonntagabend in Tel Aviv und forderten Peretz‘ Rücktritt. Auch Künstler mischen sich in die Debatte ein. Die Fernsehpersönlichkeit Gal Ostrovsky schrieb: »Entweder ist Rabbi Rafi ein Lügner, dumm oder so weit von der Welt entfernt, dass er nicht für die Bildung von jungen Menschen verantwortlich sein sollte, nicht für einen einzigen von ihnen.«

beweis Das Gesundheitsministerium hatte vor einigen Jahren einen Bericht veröffentlicht, dass es keinen wissenschaftlichen Beweis für die Wirkung der Konversionstherapie gebe. Es handelt sich dabei meist um psychologische Beratung und sogar Elektroschock-Behandlungen. »Im Gegenteil«, so das Ministerium, »sie kann denjenigen, die ihr ausgesetzt sind, sogar Schaden zufügen.«

Der Vorsitzende der Anti-Defamation League, Jonathan Greenblatt, verurteilte Peretz‘ Aussagen scharf.

Wenige Tage zuvor hatte Peretz bereits einen Sturm der Entrüstung losgetreten, als er auf einer Kabinettssitzung äußerte, dass die »Assimilierung der nordamerikanischen Juden wie ein zweiter Holocaust« sei. »Wir haben seit der Schoa auf diese Weise sechs Millionen verloren.« Energieminister Yuval Steinitz konterte, dass man aufhören müsse, auf die amerikanischen Juden herabzublicken. Denn sie würden sich selbst nicht nur in religiöser Hinsicht als jüdisch ansehen, sondern mehr noch kulturell und historisch.

Der Vorsitzende der Anti-Defamation League, Jonathan Greenblatt, verurteilte Peretz‘ Aussagen scharf: »Es ist unvorstellbar, dass jemand den Ausdruck ›Holocaust‹ benutzt, wenn es darum geht, dass Juden Nichtjuden heiraten. Es trivialisiert die Schoa. Und es verstört viele von unseren Gemeindemitgliedern. Diese Art von grundlosem Vergleich tut nichts anderes, als die Stimmung aufzupeitschen und jemanden zu verletzen.«

Jerusalem/Tel Aviv

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