Corona

Rausgeboostert

Weltweit erster Spitzenpolitiker, der seine Drittimpfung gegen Covid-19 erhalten hat: Israels Premier Bennett am 20. August im Meir-Krankenhaus in Kfar Saba Foto: Flash 90

Der Epidemiologe Gabi Barbash ist überzeugt: »Der Booster hat Israel gerettet.« Während in dem kleinen Nahoststaat die vierte Welle der Corona-Pandemie bereits vorüber ist, versinken zahlreiche europäische Länder gerade darin. Für viele ist Israel mittlerweile Vorbild für den Umgang mit dem Virus.

Bereits Mitte Oktober hatte Premierminister Naftali Bennett (Jamina) verlauten lassen, er sei vorsichtig optimistisch, dass sein Land das Schlimmste hinter sich habe. Damals lief die Booster-Impfkampagne gerade einmal zweieinhalb Monate.

Bis heute ist die dritte Spritze des BioNTech/Pfizer-Vakins mehr als vier Millionen Mal verabreicht worden. Somit haben knapp 45 Prozent der israelischen Gesamtbevölkerung eine dritte Dosis erhalten. Bei den Über-60-Jährigen liegt die Drittimpfungsquote bei rund 80 Prozent. Begonnen hatte die Aktion im August zunächst für diese Altersgruppe, doch bereits einige Tage später konnte sich jeder, dessen zweite Impfung mindestens sechs Monate zurücklag, den Booster abholen.

schnelligkeit Die Regierung setzte dabei vor allem auf Schnelligkeit, um die Welle, die durch die Delta-Variante ausgelöst worden war, einzudämmen. »Es ist schließlich genug Impfstoff da«, betonten die Offiziellen in Jerusalem immer wieder. Statt Lockdowns und anderer restriktiver Maßnahmen sogar während des Höhepunktes der Neuinfektionen drückte die Regierung von Naftali Bennett die Impfkampagnen durch, importierte Millionen von Testkits – und ignorierte jegliche Kritik aus dem Ausland.

Denn die Methode einer offensiven Drittimpfungskampagne ist nicht unumstritten. Vor einigen Wochen hatte es Kritik von den Vereinten Nationen gegeben. Zunächst müsse »die gesamte Weltbevölkerung eine initiale Impfung erhalten«, bevor »gesunde Menschen die dritte bekommen«, so die Uno. Anschließend sprachen sich 16 Experten der US-Arzneimittel-Behörde FDA gegen den Booster für die allgemeine Bevölkerung aus. Die Ständige Impfkommission (Stiko) in Deutschland empfiehlt bis heute nur bestimmten Gruppen eine Drittimpfung.

Doch der neue Ministerpräsident des jüdischen Staates ließ sich nicht beirren und ging sogar noch weiter, indem er Gruppen-Quarantänen in Schulen abschaffte und stattdessen auf Heimtests setzte. Außerdem wurden ab 1. Oktober kurzerhand alle Impfpässe für jene, die vor mehr als sechs Monaten die zweite Spritze erhalten hatten, für ungültig erklärt. Ein neues digitales Impfzertifikat – und damit Zugang zur Teilnahme am öffentlichen Leben – erhielten nur noch diejenigen, die den Ärmel zum dritten Mal hochrollten.

Der Plan der Regierung ging auf. Bis dato gab es weder einen weiteren nationalen noch lokale Lockdowns. Das öffentliche Leben von Nord nach Süd hat fast vollständig zur Normalität zurückgefunden; Schulen, Geschäfte, Restaurants, Clubs und Kultureinrichtungen sind allesamt geöffnet.

Momentan liegt die Zahl der bestätigten Neuinfektionen durchschnittlich bei einigen Hundert täglich, in den Krankenhäusern werden aktuell 134 Patienten mit einem schweren Verlauf von Covid-19 behandelt. Vor zwei Monaten noch verzeichnete Israel ein nie dagewesenes Hoch mit mehr als zehntausend Fällen pro Tag. Die Hospitäler stellten sich auf eine Krise im Gesundheitssystem ein.

Weizmann-Institut Doch die blieb größtenteils aus. Zwar stieg die Anzahl der Schwerkranken und Toten, das System aber brach nicht zusammen. Professor Barbash vom Weizmann-Institut für Wissenschaft, ehemals Generaldirektor im Gesundheitsministerium, führt das auf die Auffrischungsimpfungen zurück. »Durch Untersuchungen wissen wir, dass die Immunität etwa sechs Monate nach der Impfung nachlässt. Als wir begannen, die neuen und schwerwiegenden Infektionen anhand des Zeitpunkts der Impfung zu analysieren, haben wir es verstanden. Der wichtigste Aspekt für die Balance des Geschehens ist das Nachlassen der Impfwirkung und nicht die Delta-Variante.«

Für Barbash steht damit außer Frage, dass es die Drittimpfungen waren, durch die die Lage in Israel trotz der hochansteckenden neuen Variante nicht außer Kontrolle geriet, sondern sich stattdessen wesentlich entspannte.

Das öffentliche Leben hat fast vollständig zur Normalität zurückgefunden.

Recht gibt ihm die weltweit erste und größte Studie hierzu. Ende Oktober veröffentlichte das Forschungsinstitut der israelischen Krankenkasse Clalit eine Untersuchung, die israelische Spitzenwissenschaftler in Zusammenarbeit mit Kollegen der Harvard-Universität durchgeführt hatten. Sie analysierten dabei eine der weltweit größten Sammlungen von Gesundheitsdaten, um die Effektivität der dritten Dosis des Vakzins von BioNTech/Pfizer im Hinblick auf die Delta-Variante festzustellen.

Die Studie wurde vom 30. Juli bis 23. September in Israel mit den Daten von 728.321 Personen ab zwölf Jahre durchgeführt, die die dritte Impfung erhalten hatten. Die Kontrollgruppe ohne Booster, deren zweite Impfung mindestens fünf Monate zurücklag, umfasste dieselbe Personenzahl. Die mit Abstand dominante Variante war zu dieser Zeit bereits Delta. Die Untersuchung kommt zu dem Schluss: »Die dritte Impfung verhindert effektiv, dass Personen einen schweren Verlauf von Covid-19 erleben.«

Sieben oder mehr Tage nach der Auffrischungsimpfung hatten der Studie zufolge Personen ein um 93 Prozent verringertes Risiko, mit Covid-19 ins Krankenhaus eingeliefert zu werden und ein um 81 Prozent verringertes Risiko, an den Folgen einer Erkrankung zu sterben. Die Effektivität zeigte ähnliche Ergebnisse für unterschiedliche Geschlechter und die Altersgruppen der 40- bis 69-Jährigen sowie der Über-69-Jährigen.

wirksamkeit Laut Professor Ben Reis von der medizinischen Fakultät der Harvard-Universität könnte das für die Unentschiedenen eine Entscheidungshilfe darstellen: »Bis dato ist einer der entscheidenden Faktoren für Individuen, die sich nicht impfen lassen wollen, der Mangel an Information in Bezug auf die Effektivität des Vakzins.« Diese umfassende epidemiologische Studie jedoch liefere genau das – »verlässliche Informationen«.

»Die Ergebnisse zeigen überzeugend, dass die dritte Dosis des Vakzins hochgradig effektiv gegen einen schweren Verlauf von Covid-19 ist«, resümiert Professor Ran Balicer vom Clalit-Forschungszentrum und Vorsitzender des nationalen Expertenberatungsteams in Israel. »Eine Woche nach der Verabreichung des Boosters zeigt sich die hohe Wirksamkeit – egal, um welche Gesellschafts- oder Altersgruppe es sich handelt«, so Balicer. »Diese Daten sollten die Entscheidungen in der Politik erleichtern.«

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