Jerusalem

Protestlager vor der Residenz

Proteste gegen Netanjahu am Donnerstag in Jerusalem Foto: Flash 90

»Wir hatten eine harte Nacht«, seufzt Tamar Gerschoni. Die zweifache Großmutter trägt eine orangefarbene Weste. Auf deren Rückseite steht in grauen Buchstaben »Ordner«.

Dies bedeutet, dass sie momentan das Sagen über das Protestlager nahe der offiziellen Residenz von Benjamin Netanjahu hat. Seit fast 50 Tagen campieren an der Balfour-Straße in Jerusalem Gegner des israelischen Ministerpräsidenten, zuletzt waren es etwa zwei Dutzend.

solidarität Matratzen stehen ordentlich aufgereiht an einer Mauer aus Kalkstein, Gartenpavillons bieten Schutz vor der Sonne. Für die nächsten 24 Stunden ist es Gerschonis Aufgabe, dafür zu sorgen, dass der Bürgersteig nicht zugestellt wird und sauber bleibt. Eine Passantin bringt den Demonstranten Wassermelonen vorbei. Manch Autofahrer hupt aus Solidarität, aus anderen Autos schallen aber auch Rufe wie »Nur Bibi!«. »Bibi« ist der Spitzname Netanjahus.

Mit der Protest-Beschaulichkeit ist es zuletzt häufig vorbei. Die »Dauer-Camper« erhalten inzwischen regelmäßig Unterstützung von Tausenden Demonstranten – während parallel dazu in ganz Israel Tausende weitere Menschen auf die Straßen gehen.

Vergangenen Samstag waren in Jerusalem etwa 10.000 Bürger dem Aufruf zur Demonstration gefolgt, vor allem junge Menschen.

Vergangenen Samstag waren in Jerusalem etwa 10.000 Bürger dem Aufruf zur Demonstration gefolgt, vor allem junge Menschen. Bis in die Nacht blieb alles friedlich, dann setzte die Polizei Wasserwerfer gegen Protestler ein, die sich weigerten zu gehen. Am Samstag ist die nächste Kundgebung gegen Netanjahu geplant.

kritik Der Ministerpräsident steht seit Wochen unter Druck, der Unmut der Bürger wächst: Wurde er zu Beginn der Corona-Pandemie noch für sein Krisenmanagement gelobt, sieht sich Netanjahu mittlerweile starker Kritik ausgesetzt.

Verhängte Einschränkungen werden von vielen Bürgern als inkonsistent, willkürlich und ungerechtfertigt betrachtet. Die wirtschaftlichen und sozialen Folgen einer ersten Lockdown-Phase sind immens. Die Arbeitslosigkeit liegt bei mehr als 20 Prozent. Zum anderen läuft ein Gerichtsprozess gegen den Regierungschef. Er ist wegen Betrugs, Untreue und Bestechlichkeit angeklagt.

»Auf keinen Fall werden wir zulassen, dass der erste amtierende Ministerpräsident in der Geschichte Israels, der sich in einem Prozess verantworten muss, im Amt bleibt«, sagt Gerschoni. »Auf keinen Fall« – das ist das Motto des Protests. Es steht auf Gerschonis Weste. Andere Protestler tragen es aufgedruckt auf schwarzen T-Shirts. Die Proteste gegen den Politiker werden vor allem von der Bewegung »Schwarze Flaggen« organisiert.

anarchie Der Ärger der Netanjahu-Gegner ist zuletzt deutlich größer geworden. Auslöser sind die jüngsten Angriffe auf Demonstranten in Tel Aviv und Äußerungen von Israels Polizeiminister Amir Ochana, ein treuer Gefolgsmann des Ministerpräsidenten. Er bezeichnete die Proteste als »Corona-Brutstätten«. In einem von einem TV-Sender aufgezeichneten Gespräch sagt er zu Jerusalems Polizeichef, er wünsche sich, das Gerichtsurteil anzufechten, das das Protestlager an Netanjahus Residenz erlaubt. Diese Anarchie könne so nicht weitergehen.

Der Ärger der Netanjahu-Gegner ist zuletzt deutlich größer geworden.

In einem Interview warnt Ochana auch vor Morddrohungen gegen Netanjahu. Unangenehm für den Regierungschef: Wenige Tage nach diesem Interview teilt Netanjahu bei Twitter eine auf Facebook veröffentlichte Morddrohung gegen sich. Nach der Recherche eines Journalisten jedoch wird klar: Es handelt es sich um einen Fake-Account.

»Es ist erlaubt, zu demonstrieren. Aber es ist nicht erlaubt, gegen den Ministerpräsidenten aufzuwiegeln«, mahnt Nadav Tibi – kurz bevor die Facebook-Geschichte bekannt wird.

unterstützer Der 36-Jährige bildete zuletzt mit nur einem Mitstreiter ein Camp von Netanjahu-Unterstützern in einem nahe der Balfour-Straße gelegenen Park – direkt neben einem weiteren Lager von »Bibi«-Gegnern. »Der Unterschied zwischen denen und uns: Sie sind zu Tausenden auf den Straßen. Wir waren Tausende in den Wahllokalen.« Netanjahus Likud-Partei war bei der Wahl im März stärkste Kraft geworden. Ihre Umfragewerte sanken aber zuletzt.

Das reicht Tamar Gerschoni, der zweifachen Oma, aber nicht. Sie will den Protest an Netanjahus Residenz fortsetzen – und das, obwohl sie bei der Demonstration am vergangenen Samstag von einem Wasserwerfer am Kopf getroffen wurde. »Wir werden hier bleiben, bis unser Ministerpräsident mit seinen drei Anklagen den Posten räumt.«

Gadi Eisenkot spricht an einem Rednerpult vor einer israelischen Flagge

Israel

Eisenkot will Israel aus der Krise führen

Nach dem Auftrag zur Regierungsbildung ruft der frühere Generalstabschef zu einer Notstandsregierung auf und streckt allen Parteien die Hand aus

 08.11.2026

Kuscheltiere und Puppen auf dem Rabin-Platz, eine Puppe ist mit einem Seil gefesselt

Ariel

Kinderkrippe des Grauens

Drei Betreuerinnen wird systematische Gewalt an Babys und Kleinkindern vorgeworfen. Die Polizei spricht von einem der schwerwiegendsten Missbrauchsfälle der vergangenen Jahre

von Sabine Brandes  08.11.2026

Krieg gegen den Iran

Die Mullahs schossen Raketen – Bat Yam schickt die Rechnung

Die israelische Stadt will Schadensersatz in Millionenhöhe von Teheran. Für die Zustellung der Klage musste der Bürgermeister einen iranischen Vertreter durch die Straßen von Manhattan verfolgen

von Sabine Brandes  08.11.2026

Israels Präsident Izchak Herzog

Nach der Parlamentswahl

Israels Präsident beauftragt Eisenkot mit Regierungsbildung

Dem Oppositionspolitiker Eisenkot fehlen 13 Mandate für eine eigene Regierungsmehrheit. Arabische oder ultraorthodoxe Parteien könnten ihm helfen. Doch beide Optionen bergen großes Konfliktpotenzial

 08.11.2026 Aktualisiert

Befreiung von der Schuld: Wenn Claudia Roth plötzlich wie Björn Höcke klingt

Eine Einordnung von Georg M. Hafner

 07.11.2026

Berlin

Merz fordert Ausreise bei Judenhass unter Muslimen

Bei einem Empfang jüdischer Sportler äußert sich der Kanzler deutlich zum Antisemitismus unter muslimischen Einwanderern

 07.11.2026

Nach den Wahlen

Streit um Regierungsbildung in Israel eskaliert

Israels amtierender Ministerpräsident Netanjahu fordert eine breite Koalition unter Einschluss der Rechtsextremisten. Oppositionspolitiker Eisenkot weist das Angebot umgehend als PR-Manöver zurück

 07.11.2026

Interview

Kann Israel ohne Amerikas Waffen bestehen?

Der Politikwissenschaftler Jonathan Rynhold erklärt, was ein Ende der US-Militärhilfe für Israels Sicherheit bedeuten würde und wie sich das Verhältnis zu Washington in Zukunft entwickeln könnte

von Sabine Brandes  07.11.2026

Jerusalem

Israels Präsident vergibt Auftrag zur Regierungsbildung

In Israel beginnt der Countdown zur Regierungsbildung. Präsident Herzog vergibt den Auftrag wahrscheinlich an den Oppositionspolitiker Eisenkot

 07.11.2026