London

Nach 26 Monaten: Amnesty wirft der Hamas Verstöße gegen das Völkerrecht vor

Foto: picture alliance / ZB

Amnesty International (AI) hat einen neuen Bericht über die Terrorangriffe vom 7. Oktober 2023 vorgelegt. Darin kommt die Organisation zu dem Schluss, dass palästinensische Terrorgruppen an diesem Tag schwere Verstöße gegen das Völkerrecht begangen haben. AI spricht von Kriegsverbrechen und sogar von Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Gut zwei Jahre nach den Massakern, Entführungen und Raketenattacken der Hamas sind diese Erkenntnisse nicht neu. Die Tatsache, dass Amnesty International in dieser Form darauf hinweist, ist allerdings ein Novum. Kritiker halten AI vor, israelfeindlich zu agieren. In seinen offiziellen Berichten und in den sozialen Medien hatte AI bisher vor allem Israel beschuldigt, für Kriegsverbrechen verantwortlich zu sein. Den gut dokumentierten Terror der Hamas prangerte die Menschenrechtsorganisation kaum an.

Lesen Sie auch

Nach den aktuellen Erkenntnissen von Amnesty waren die Hamas und andere Terrororganisationen für ein breites Spektrum an Gräueltaten verantwortlich. Die Terroristen hätten in den Gemeinden rund um Gaza gezielt Zivilisten überfallen, Hunderte Menschen ermordet und weitere verschleppt. Viele der 1200 Todesopfer seien nachweislich durch bewaffnete Hamas-Terroristen getötet worden, darunter jüdische Israelis, Beduinen, ausländische Arbeitsmigranten sowie Studenten und Flüchtlinge. Auch all dies ist bekannt. Amnesty brauchte 26 Monate, um diese Tatsachen zu dokumentieren.

Ohne jede Rechtsgrundlage

AI beschreibt nun Fälle brutaler Misshandlung: Menschen seien geschlagen oder gefoltert worden, einige Opfer hätten sexuelle Gewalt erfahren, und sämtliche nach Gaza Verschleppten seien dort unter psychischem Druck und ohne jede Rechtsgrundlage festgehalten worden.

Der Bericht hält darüber hinaus fest, dass palästinensische Terrorgruppen systematisch zivile Ortschaften angegriffen hätten. Dies sei erkennbar an der Vielzahl der betroffenen Wohnhäuser, an Aussagen führender Hamas-Funktionäre sowie am wiederkehrenden Muster, in dem zivile Ziele bewusst im Fokus standen. Die Angaben deuten laut AI darauf hin, dass die Terroristen von Beginn an geplant hatten, nicht nur militärische Einrichtungen, sondern ausdrücklich auch die dort lebende Bevölkerung ins Visier zu nehmen.

Gleichzeitig bewertet die Organisation die Angriffe als gezielte und koordinierte Operation, die in großem Umfang und mit »erheblicher Brutalität« ausgeführt worden sei. Diese Formulierung in Zusammenhang mit dem palästinensischen Terror ist bei Amnesty International neu.

Lesen Sie auch

Dimension der Massaker

Auch weist Amnesty darauf hin, dass bis heute kein Täter für die Massaker vom 7. Oktober zur Rechenschaft gezogen worden sei. Gleichzeitig verliert die Organisation kaum ein Wort über die Weigerung der Hamas, internationale Untersuchungsteams in den Gazastreifen zu lassen oder Zugang zu den Tatorten zu gewähren.

Israels Außenministerium reagierte kritisch auf den Amnesty-Bericht. Sprecher Oren Marmorstein erklärte, die Untersuchung erscheine »mehr als zwei Jahre nach dem Massaker« und »spiegele bei weitem nicht das Ausmaß der Gräueltaten wider«, die Hamas und weitere Tätergruppen am 7. Oktober begangen hätten. Dass selbst Amnesty nun von »Auslöschung« und anderen schweren Verbrechen spreche, zeige aus Sicht Jerusalems vor allem eines: Die Taten seien so umfassend dokumentiert, dass selbst eine Organisation, die Israel regelmäßig schwerste Vorwürfe mache, diese Realität nicht länger ignorieren könne.

Die Welt brauche keine Amnesty-Berichte, um die Dimension der Massaker zu verstehen – die Bilder, Zeugenaussagen und Ermittlungen sprächen längst für sich, hieß es laut israelischen Medien im Ministerium.

Glaubwürdigkeit verspielt

Zugleich verweisen israelische Regierungsstellen darauf, dass Amnesty in früheren Stellungnahmen Israel pauschal eines angeblichen Völkermords bezichtigt und damit Glaubwürdigkeit verspielt habe. Vor diesem Hintergrund sieht die israelische Regierung den neuen Bericht als unvollständig und politisch selektiv, weil er weder die Verantwortung der Hamas für das Leid der eigenen Bevölkerung noch die bewusste Nutzung von Zivilisten als lebende Schutzschilde angemessen einordne.

Das Außenministerium hebt hervor, die Hamas habe auch nach dem 7. Oktober schwere Verbrechen begangen. Diese hätten insbesondere auch mit der Misshandlung von Geiseln zu tun. Es handle sich um einen Punkt, der im Bericht zwar erwähnt werde, aber aus israelischer Sicht nicht in ausreichendem Verhältnis zu früheren, gegen Israel gerichteten Amnesty-Anschuldigungen stehe.

EU-Sanktionen

Israel bietet Hilfe bei Verfolgung von Revolutionsgarden an

Die Europäische Union hat die Elite-Einheit des Mullah-Regimes auf die Terrorliste gesetzt. Nach Ansicht des israelischen Botschafters dient das auch der inneren Sicherheit in Deutschland

 30.01.2026

Gazastreifen

Grenzübergang Rafah soll Sonntag geöffnet werden

Die Öffnung gelte begrenzt für den Personenverkehr, teilte die israelische Armee mit

 30.01.2026

Israel

Möglicherweise bald Primark in Israel

Wegen hoher Versand- und Logistikkosten hat der europäische Kleidungsdiscounter die Region bisher gescheut. Doch nun scheint es Verhandlungen zu geben

 30.01.2026

Wissenschaft

Israelische Studie: Gene beeinflussen Lebenserwartung stärker als gedacht

Das Weizmann-Institut liefert überraschende Erkenntnisse: Demnach bestimmt das Genom deutlich mehr über das erreichbare Lebensalter, als bisher angenommen

 30.01.2026

Tel Aviv

Fast zwei Millionen Israelis leben unter der Armutsgrenze

Besonders besorgniserregend: Fast jedes vierte Kind in Israel wächst in Armut auf

 30.01.2026

7. Oktober

Ex-Geisel Alexander Troufanov: »Erst jetzt können wir wieder atmen«

Nach der Rückkehr der sterblichen Überreste Ran Gvilis fühlt sich Alexander Troufanov endlich frei, wie er in einem Interview erzählt

 30.01.2026

Spannungen in Nahost

Israel bereitet sich auf mögliche Eskalation mit Iran vor

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu berät sich mit führenden Sicherheitsvertretern zu einem offiziell als »geheim« bezeichneten Thema. Steht eine Entscheidung der USA über einen Angriff gegen das Teheraner Regime kurz bevor?

 30.01.2026

Jerusalem

Israels Streitkräfte verzichteten auf Angriffe, um Geiseln zu retten

Die Entscheidung, einzelne Terroristen nicht zu töten, habe während des Krieges ein Dilemma dargestellt: Einerseits sollten Bedrohungen neutralisiert werden, andererseits konnten Terroristen wertvolle Informationen liefern, sagt ein IDF-Offizier

 30.01.2026

Doha/Gaza

Hamas: Komplette Entwaffnung kommt nicht infrage

Moussa Abu Marzouk, Mitglied des Hamas-Politbüros, sagt, die Organisation habe zu keinem Zeitpunkt einer Übergabe aller Waffen zugestimmt

 30.01.2026