Wirtschaft

Mehr Apple in Haifa

Silicon Wadi mit Ausblick: Haifa gilt als Start-up-City Israels. Foto: Getty Images/iStockphoto

Das aufstrebende Hightech-Zentrum Haifa erhält Verstärkung. Künftig wird auch Apple mit einem Standbein in der Industriezone des Matam High-tech & Business Park verstärkt vertreten sein. Eine Vorstellung über die Größe des jüngsten Apple-Projekts geben die Fläche und die Anzahl der Parkplätze, die sich Apple ab dem 3. Quartal 2022 gesichert hat.

Den Forschern werden 28.000 Quadratmeter und 620 Parkplätze zur Verfügung stehen, heißt es in der israelischen Wirtschaftspresse. Über das Start-up Anobit, das Apple vor acht Jahren gekauft hat, ist der US-Riese bereits in Herzlia vertreten: Dort steht sein weltweit zweitgrößtes Forschungs- und Entwicklungszentrum.

Haifa mit seinen knapp 300.000 Einwohnern beweist mit dem jüngsten Apple-Projekt einmal mehr seine Attraktivität als Hightech-Magnet. Das Technion, das oft in einem Atemzug mit dem MIT (Boston) oder der ETH (Zürich) genannt wird, trägt viel zur Anziehungskraft für innovative Firmen bei. Ob Haifa, Tel Aviv oder Jerusalem: Israels Hightech-Szene braucht den Vergleich mit Innovationszentren wie Kalifornien oder Zhongguancun nicht zu scheuen. Nirgends gibt es pro Kopf mehr Start-ups als in Israel.

Weltbank Das kommt nicht von ungefähr. Laut einer Studie der Weltbank werden in Israel 4,95 Prozent des Sozialprodukts in Forschung und Entwicklung (F&E) investiert, was weltweit ein Spitzenwert ist. Auf den Plätzen 2 und 3 folgen Südkorea (4,81 Prozent) und die Schweiz (3,37 Prozent). Deutschland, die größte Volkswirtschaft in Europa, gibt 3,09 Prozent des Sozialprodukts für F&E aus – und landet damit auf dem siebten Platz.

Laut einer Studie der Weltbank werden in Israel 4,95 Prozent des Sozialprodukts in Forschung und Entwicklung investiert.

Doch ausschlaggebend sind nicht allein die Forschungsbudgets. Israel legt seit Jahrzehnten Wert auf eine eigene Rüstungsindustrie und auf möglichst viel Autarkie in strategisch wichtigen Gebieten, weil der Staat international immer wieder mit Boykotten konfrontiert war.

Die Not wurde zur Tugend. So brachte das Militär zum Beispiel früh Spitzenresultate auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz hervor. Der große Durchbruch begann nach dem Jom-Kippur-Krieg 1973, weil der israelische Geheimdienst neue Technologien zur Bewältigung regionaler Bedrohungen entwickeln musste. Die Geheimdiensteinheit 8200 der israelischen Streitkräfte wurde zur Brutstätte für angehende Hightech-Unternehmer.

start-up-nation Dass die Start-up-Nation Israel weltweit zu den führenden Zentren der Hochtechnologie zählt, hat sich längst herumgesprochen. Tröpfchenbewässerung, USB-Sticks, Systeme für autonomes Fahren – viele Ideen, die heute oder bald schon Alltag sind, haben ihren Ursprung in den Köpfen israelischer Forscher.

Als eine der ersten Hightech-Firmen entdeckte Microsoft Israel.

Microsoft hatte bereits 1991 als eine der ersten internationalen Hightech-Firmen Israel als Forschungsstandort entdeckt. Die US-Firma eröffnete ein F&E-Zentrum, das erste außerhalb der USA. Heute ist Microsoft Israel auf Cybersicherheit und auf KI spezialisiert. Inzwischen zieht Israel pro Kopf mehr Wagniskapital an als jedes andere Land auf der Welt.

Das Staatsgebiet ist zwar etwa gleich groß wie das Hessens. Doch mehr als 300 Multis sitzen mit ihren Forschungsabteilungen im sogenannten Silicon Wadi rund um Tel Aviv, zudem in Jerusalem oder in Haifa. Sie wollen Zugang zu den Innovationen Israels – und zu den Köpfen dahinter.

Chuzpe Die Unternehmerin und Wirtschaftswissenschaftlerin Inbal Arieli hat in einem Buch entschlüsselt, woher Israels Start-up-Mentalität rührt. Chutzpah heißt das Buch – und auch das Militär, das oft als Innovationsmotor genannt wird, kommt darin vor. Allerdings, sagt Arieli, die bei der Eliteeinheit 8200 gedient hat, sei die Armee zwar ein wichtiger Treiber, aber nicht die Wurzel für den Ideen- und Gründerreichtum in dem kleinen Land. Die liege tiefer, nämlich in der Kultur und Mentalität des Staates Israel.

In ihrem Buch streut Arieli immer wieder hebräische Vokabeln ein, die Israels Lebensweise erklären und mit der Business-Welt verquicken. Die beiden wichtigsten Prinzipien lauten »Chutzpah« – also: Chuzpe, Dreistigkeit, Unverfrorenheit – und »Balagan«, was so viel wie Durcheinander oder Chaos heißt.

Nicht sehr vertrauenerweckende Vokabeln für einen soliden Businessplan, oder? Den Einwand könne sie durchaus verstehen, sagt Arieli. Und doch seien »Chutzpah« und »Balagan« Teil von Israels DNA – und eine wichtige Erklärung, warum das Land trotz widrigster Umstände so viele Innovationen hervorbringe. Menschen hielten sich in der Regel gerne an klar definierte Strukturen, weil diese ihnen ein Gefühl von Stabilität vermittelten. Bei Innovationen gehe es jedoch darum, eine bestehende Ordnung umzustoßen. Innovation brauche daher Chaos, sprich »Balagan«.

automobilindustrie Als »Chuzpe« könnte man zum Beispiel bezeichnen, dass Israel, ohne über eine eigene Autoproduktion zu verfügen, sich – mit Erfolg – als internationales Forschungs- und Entwicklungszentrum des modernen Fahrens anbietet. Weil Autos der Zukunft rollende Computer und mit dem Cyberraum verbunden sein werden, ist Israels Silicon Wadi ein attraktiver Hub für die Automobilindustrie geworden.

Seit 2013 sind laut Marktkennern rund sechs Milliarden Dollar in Start-ups der Hightech-Mobilität geflossen.

Seit 2013 sind laut Marktkennern rund sechs Milliarden Dollar in Start-ups der Hightech-Mobilität geflossen. Die Zahl der Mobilitäts-Start-ups sei in den vergangenen sechs Jahren von 87 auf 644 gestiegen – zehn Prozent aller Start-ups in Israel. Mit dabei unter anderem auch Volkswagen, Audi, Daimler oder Porsche.

Die hohe Konzentration an Ingenieuren auf engem Raum, die führenden Hochschulen und die Hightech-Erfahrung, die laufend in der Armee aufgebaut wird, bilden ein wichtiges Fundament für die Start-up-Nation.

GESUNDHEIT So gehört der Gesundheitssektor ebenfalls zu den Gebieten, auf denen Israelis innovativ sind, namentlich bei der Digitalisierung, wo ein erheblicher Nachholbedarf besteht. Israelische E-Health-Start-ups sind international gefragte Partner. Laut Yair Schindel, Gründer von aMoon, dem größten Health-Tech-Wagniskapitalfonds Israels, führt die Konvergenz von Big Data, KI, Medizin- und Gerätetechnik sowie Biologie zu einer längst fälligen Revolution des Gesundheitssektors.

Die Corona-Krise wirke sich »wie Steroide« auf die Transformation des Gesundheitssektors aus, sagt Schindel. Die meisten Hightech-Firmen Israels trotzen der Krise. Mehr als das: Sie wachsen in der Pandemie. Allein im September mobilisierten Jungunternehmen 1,2 Milliarden Dollar – mehr als je zuvor in einem einzigen Monat, hat die NGO Start-up Nation Central ermittelt.

In den ersten drei Quartalen brachten sie es auf ein Investitionsvolumen von 7,2 Milliarden Dollar, annähernd so viel wie im ganzen Jahr 2019. Für 2020 rechnen Experten mit einem Rekordergebnis. Was beim Schekel für einen anhaltenden Aufwertungsdruck sorgt.

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