Sderot

Leben in der Kampfzone

Sprengstoffexperten untersuchen im Kibbuz Zikim ein Geschoss nach dem Raketenangriff am 21. Dezember. Foto: Flash 90

Vor zwei Jahren wurde den Bewohnern im Süden Israels allerhand versprochen. Es werde künftig keine Kassam-Angriffe auf Städte wie Sderot oder Aschkelon geben. Jetzt, zwei Jahre nach dem Gazakrieg, wissen die Nachbarn von Gaza immer noch nicht, was ein Leben ohne Angst und Spannung bedeutet. »Es hat sich nichts verändert«, sagen Bewohner von Aschkelon oder Sderot. Es fallen zwar deutlich weniger Raketen als vor der Militäroperation »Gegossenes Blei«. Aber wer an der Grenze zum Gazastreifen lebt, wird weiterhin durch Alarm aufgeschreckt, die Sirenen heulen, Kassamraketen fallen.

Nur durch Glück blieben bisher Katastrophen aus. Zum Beispiel im Kibbuz Zikim: In der Siedlung nahe der Küstenstadt Aschkelon ging am 21. Dezember eine Kassamrakete nieder, unmittelbar neben einem Kindergarten. Ein 14-jähriges Mädchen wurde durch umherfliegende Glasscherben verletzt. Andere Kibbuzbewohner mussten wegen Schocks behandelt werden. Sarit, die Mutter eines dreijährigen Jungen, bangt jetzt um das Leben ihres Sohnes. Sie behält ihn zu Hause. Denn sie weiß: Die Wände des Kindergartens halten einem Angriff nicht stand, die Mauern sind nicht verstärkt worden.

Angriffe Im Vergleich zu den Zeiten vor dem Gazakrieg ist es zwar ruhiger geworden. Aber sicher ist die Gegend nicht. Allein im vergangenen Jahr zählte die israelische Armee 235 Gradgeschosse, Kassamraketen und Mörsergranaten. Wobei sich zum Jahresende die Häufigkeit der Angriffe erhöht hat. Allein in der dritten Dezemberwoche gingen zum Beispiel 30 Raketen im südlichen Israel nieder.

Worauf Israel wegen des andauernden Raketenbeschusses durch militante Palästinenser im Gazastreifen Beschwerde bei den Vereinten Nationen einlegte. UN-Botschafter Meron Reuben beklagte sich schriftlich über eine Zunahme der Angriffe mit Raketen und Mörsergranaten.

Reaktion Fast schon routinemäßig greift nach jeder Kassamrakete die israelische Luftwaffe Ziele im Gazastreifen an: Entweder ein Ausbildungslager der Kassambrigaden, Werkstätten, in denen Islamisten Waffen herstellen, oder Schmugglertunnel im Süden von Gaza.

Aber die Bewohner Südisraels haben nicht den Eindruck, dass ihnen damit geholfen sei. »Im Laufe des Jahres 2010 sahen wir eine Zunahme der Zwischenfälle«, sagt Alon Schuster vom Regionalrat Shaar Hanegev. Es sei unerträglich, wie groß die Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung der Politiker in Jerusalem und der Realität im Süden Israels sei. »Tatsache ist, dass sich die Kampfzone nicht beruhigt hat.« Seine Leute müssen immer noch dafür kämpfen, dass die Gebäude verstärkt werden und die Finanzhilfe an die Gemeinden nicht eingefroren wird. Auch in Sderot sieht man kaum Unterschiede zu früher.

Vor zwei Jahren hatte Israel mit einer blutigen Offensive im Gazastreifen versucht, den ständigen Raketenbeschuss seiner Grenzorte zu unterbinden. Dabei wurden etwa 1.400 Palästinenser getötet und Tausende weitere verletzt. Die Zahl der Raketenangriffe auf Israel ging nach dem Gazakrieg erheblich zurück.

Bevölkerung Seither sind viele, die aus Sderot geflüchtet waren, wieder zurückgekehrt. Die Immobilienpreise hätten wieder etwas angezogen, sagt der Bürgermeister von Sderot, David Buskila. Aber die Bevölkerung sehne sich nach einer Normalität, die ihr immer noch verwehrt werde. Es mache sich Enttäuschung breit. Nach dem Krieg hatte man sich auf ein ruhiges Leben ohne Sirenen gefreut. Doch daraus sei nichts geworden, sagt Buskila: »Allein im November zählte man in Sderot 35 Geschosse, mehr als einen Angriff pro Tag. Und im Dezember ging es so weiter.«

Die Militäraktion sei »leider nicht zu Ende geführt worden, weil die Hamasführer mit dem Leben davonkamen,« sagt ein Lehrer in der Stadt, die wegen der Kassam-Angriffe weltberühmt geworden ist. Wir machen der Armee keine Vorwürfe, pflichtet ihm ein Kunde in einer Falafelbude bei, »aber die Politiker hätten sie die Arbeit vollenden lassen sollen«. Auf die Frage, wie sie sich »das Ende der Arbeit« vorstellen, wissen sie allerdings keine Antwort.

Entführung Während der Süden Israels nicht zur Ruhe kommt, macht den Militärs die erneute mögliche Entführung eines Soldaten in den Gazastreifen Angst. In letzter Zeit haben die Israelis 15 Tunnel bombardiert, die den Norden von Gaza unterirdisch mit Israel verbanden und dazu angelegt worden waren, Israelis zu kidnappen. Gilad Schalit, der immer noch in Gaza an unbekanntem Ort gefangen gehalten wird, war durch einen Schacht entführt worden, der weniger als einen Kilometer lang ist.

Kommentar

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