Religion

Im höheren Dienst

Frauen der Organisation Women of the Wall beten jeweils am Monatsbeginn an der Westmauer. Foto: Flash 90

Sie halten das Monopol fest in ihren Händen. Ob Heirat, Konversion oder Bestattungen: Bislang werden sämtliche religiösen Belange in Israel vom Oberrabbinat bestimmt – und das ist orthodox. Nach einer Ankündigung des Generalstaatsanwaltes aber sollen schon bald auch konservative und reformierte Rabbiner vom Staat angestellt werden. Eine wegweisende Entscheidung in Richtung religiöser Pluralismus, meinen viele.

Zwar durften auch bisher schon nichtorthodoxe Rabbis tätig sein, allerdings mussten die Kommunen – etwa Kibbuzim oder Moschawim – sie aus eigener Kasse entlohnen. Vom Oberrabbinat bestimmte Geistliche indes werden seit jeher aus dem Staatssäckel bezahlt. Nun sollen, sofern Bedarf herrscht, auch Rabbiner anderer Strömungen des Judentums offiziell als kommunale Rabbiner vom Staat angestellt werden.

Gleichheit Nach der Verkündung von Generalstaatsanwalt Jehuda Weinstein wird das bestätigende Urteil in den kommenden Wochen vom Obersten Gerichtshof erwartet. Es müsse Gleichheit bei der Finanzierung für die Rabbiner herrschen – auch für die nichtorthodoxen, erläuterte Weinstein. Viele Experten bezeichnen die Neuerung als historisch, da sie nach Dekaden zum ersten Mal wirklich am Monopol der Orthodoxen in Religionsangelegenheiten kratze, argumentieren sie.

Bereits 2005 hatten das Israel Religious Action Center (IRAC) und die Rabbinerin des Kibbuz Gezer, Miri Gold, eine Petition wegen Diskriminierung beim Obersten Gerichtshof eingereicht. Gold war zu dieser Zeit bereits seit einigen Jahren als ordinierte Rabbinerin des Kibbuz tätig, leitete Schabbat- sowie Feiertagsgottesdienste, Bar- und Batmizwot. Im Gegensatz zu orthodoxen Rabbinern erhielt Gold ihr Geld stets direkt aus der Kasse der Kommune.

Petition Das IRAC erklärte in der Petition, dass die Festlegung auf Männer oder die Zugehörigkeit zu einer bestimmten religiösen Richtung Rabbinerinnen sowie Rabbiner anderer Strömungen von vornherein als »Nachbarschaftsrabbi« disqualifiziere. Selbst, wenn es an diesem Ort eine große liberale jüdische Gemeinschaft gäbe, die die Dienste des Rabbiners gern in Anspruch nehmen würde. »Diese automatische Disqualifizierung verletzt das Prinzip der Religionsfreiheit sowie die Prinzipien religiösen Pluralismus, den der Staat unterstützen muss«, erklärte das IRAC.

Die Richter schickten die Parteien zunächst zur Mediation und hielten sich aus der Sache weitgehend heraus. Zwar hatte die Regierung schon früh einer staatlichen Finanzierung zugestimmt, lehnte jedoch lange die Bezeichnung ab, die die Reformbewegung forderte. Nach Jahren der Verzögerungen und Unstimmigkeiten lenkte Jerusalem am Ende ein und stimmte zu, die spirituellen Oberhäupter als »Rabbiner nichtorthodoxer Gemeinden« zu bezeichnen und nicht bloß als »Gemeindeleiter«.

Rücktrittsdrohung In Sachen jüdisches Gesetz in Israel wird sich indes vorerst nichts ändern. Nichtorthodoxe Rabbiner, auch wenn sie staatlich gefördert werden sollten, verfügen über keine Stimme in diesen Angelegenheiten, ausschließlich das orthodoxe Oberrabbinat hat das Sagen. Dennoch beschuldigte der Minister für Religionsangelegenheiten, Jakov Margi von der sefardisch-orthodoxen Schas-Partei, das Reformjudentum, für »Jahrhunderte von Assimilation« verantwortlich zu sein. Er werde sein Amt niederlegen, sollte er tatsächlich demnächst Rabbinerinnen und Reformrabbiner aus seinem Etat bezahlen müssen.

Der Vorsitzende der Jewish Agency, Natan Sharansky, betonte hingegen, wie bedeutsam die offizielle Anerkennung der reformierten und konservativen Rabbiner sei, »die unermüdlich daran arbeiten, starke, lebendige zionistische und jüdische Gemeinden in ganz Israel aufzubauen«. Er glaubt, dass die Entscheidung sowohl praktischen wie auch symbolischen Wert habe. »Sie wird besonders dazu beitragen, das Verhältnis zwischen Juden in Israel und der Diaspora zu stärken.«

Diskriminierung Rabbiner Gilad Kariv, Direktor des Zentrums für progressives Judentum in Israel, lobte die Entscheidung der Regierung: »Die Zustimmung, reformierte Rabbiner in lokalen Kommunen als staatliche Angestellte anzuerkennen, ist ein wichtiger Durchbruch bei den Anstrengungen, Religionsfreiheit in Israel zu fördern.« Dies sei ein erster, aber wichtiger Schritt auf dem Weg zur Gleichheit aller Strömungen des Judentums in Israel, so Kariv weiter.

Der Rabbiner wünscht sich, dass die Regierung die neue Regelung auch tatsächlich vollständig umsetzen wird. »Wir hoffen, dass dieser Anfang zu weiteren Maßnahmen führen wird, welche die tiefsitzende Diskriminierung gegenüber den nicht orthodoxen Juden endlich beendet.«

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