Medien

Ich glotz’ TV

Immer auf Empfang: Der Fernseher gehört zum Alltag wie Kippa und Hummus. Foto: Flash 90

Sieben Minuten sind nicht viel. Doch auch kleine Zahlen summieren sich schnell. Sieben Minuten an sieben Tagen sind schon 49. So viel schauten die Menschen in Tel Aviv, Jerusalem und Beer Sheva im Jahr 2011 länger fern als im Jahr zuvor. Ob Kochshows, Big Brother, Nachrichten oder Spielfilme: Mit fast vier Stunden pro Tag stehen die Israelis weit oben auf der Liste der weltweiten Fernsehjunkies.

Die durchschnittlich 232 Minuten, die das TV-Gerät täglich eingeschaltet wird, sind der höchste Stand seit Beginn der Messungen im Jahr 1998. Die aktuelle Statistik hat das israelische Institut für Publikumsforschung soeben veröffentlicht. Die Zahlen werden regelmäßig in 580 Haushalten mit insgesamt 2.100 Mitgliedern ermittelt, die ein repräsentatives Abbild der Gesellschaft darstellen sollen.

Von einer Rückkehr zum Buch kann also keine Rede sein – Israelis lieben ihre Glotze heiß und innig. Übrigens reicht den 93 Prozent der Einwohner, die einen Fernseher besitzen, nicht mehr nur ein einziger Apparat in der Wohnung. Im Durchschnitt haben die Menschen hierzulande 2,16 Fernseher in ihren vier Wänden stehen – und schalten sie auch ein.

Flexibilität Die Chefin des Instituts für Publikumsforschung, Jifat Ben Hay-Segev, erklärt: »Das Fernsehen ist immer noch bedeutend, sein Status unangefochten. Und das, obwohl der Computer als Medium, auf dem Nachrichten oder Filme angeschaut werden, klar zugelegt hat.« Dafür gebe es drei Gründe, sagt sie. »Die Sender weiten ihr Angebot auf das Internet aus und bieten die Möglichkeit der interaktiven Kommunikation; die Inhalte der Sendungen sind sehr auf das hiesige Publikum zugeschnitten; neue Technologien bieten den Zuschauern zudem zeitliche Flexibilität.« Das bedeutet etwa, dass der Kabelsender HOT seinen Kunden durch das System »VOD« das Anschauen von Serien und Filmen per Bestellung rund um die Uhr ermöglicht.

Das ist ganz nach Alina Burlinas Geschmack. Die Frau aus Hadera ist regelrecht vernarrt in Reality Shows. Egal, ob gekocht, gesungen, gesucht oder – wie im Big-Brother-Haus – stumpfsinnig vor sich hin gedämmert wird, Burlina schaltet ein. Mindestens fünf Stunden am Tag, am Wochenende manchmal doppelt so lang. »Ich habe keine Kinder und keinen Freund, was soll ich sonst machen«, sagt die Kindergärtnerin. »Durch die Sendungen kommt zumindest ein bisschen Aufregung in die Bude.« Burlina hat VOD abonniert. »Dann kann ich die Shows später anschauen, wenn ich zum Beispiel abends babysitten musste und dabei nicht fernsehen konnte.«

Mit ihrer Gewohnheit bestätigt die 32-Jährige die Statistik, denn israelische Frauen sehen wesentlich länger fern als Männer – 284 statt 221 Minuten. Und anders, als man annehmen würde, gibt es in Jerusalem anscheinend wohl doch mehr zu erleben als in Tel Aviv. Denn die Bewohner der Metropole am Mittelmeer zappen am meisten im ganzen Land: 285 Minuten pro Tag. In der Heiligen Stadt indes bleibt die Kiste häufiger ausgeschaltet (204 Minuten Fernsehzeit täglich). Israelis sind übrigens nach Amerikanern und Briten die drittgrößten Fernsehkonsumenten der Welt. Ihnen auf den Fuß folgen Russland, Deutschland, Frankreich, Australien und die Niederlande.

Heimspiel Mit Abstand am beliebtesten sind bei den israelischen Zuschauern die heimischen Sender, darunter die Kanäle 1, 2, 9, 10, 24 und 33. Mit einer Einschaltquote von zusammen 60 Prozent werden somit in Israel weit mehr inländische Programme angesehen als in anderen westlichen Nationen, weiß Ben Hay-Segev. »Es ist fast so, als würden die Israelis vor dem Fernseher ein familiäres Lagerfeuer veranstalten.«

Ein Sender wird in der Lieblingsauswahl der Israelis bald wahrscheinlich nicht mehr dabei sein: Dem Kanal 10, bekannt für seine kritische Berichterstattung, droht das Aus. Vor etwa drei Wochen beschloss das Finanzkomitee der Knesset, die Schulden des Senders in Höhe von umgerechnet etwa neun Millionen Euro an den Staat nicht mehr zu stunden, sondern innerhalb von sechs Wochen einzufordern. Hunderten von Angestellten müsste in diesem Fall gekündigt werden.

Einige Medienexperten vermuten, dass die Schulden lediglich ein Vorwand der Regierung seien, dem für sie unbequemen Kanal endgültig den Stecker zu ziehen. Dessen investigative Journalisten sind bekannt für ihre schonungslosen Aufklärungsberichte, die bis in die höchsten Politik- und Finanzkreise reichen.

Besonders bei Premierminister Benjamin Netanjahu fiel Kanal 10 in Ungnade, als der Reporter Raviv Drucker begann, die horrenden Reisekosten des Regierungschefs zu recherchieren. Angeblich, so der Sender, habe das Regierungsbüro angedeutet, man könne die finanziellen Schwierigkeiten überbrücken, sofern Drucker entlassen würde. Politiker der Regierungsparteien Likud und Israel Beiteinu dementieren vehement, dass die Einforderung der Schulden politisch motiviert sei.

Pluralismus Währenddessen setzt sich Staatspräsident Schimon Peres höchstpersönlich für das Überleben der kritischen TV-Station ein. Er wies darauf hin, dass die Regierung bereits Banken mit Schulden in Milliardenhöhe unter die Arme gegriffen habe. Also könne sie dies auch für ein Medienunternehmen tun.

»Der Kampf des Senders ist ein Symbol für den Kampf Israels, seinen demokratischen Charakter zu bewahren«, erklärte Peres. »Er ist zwingend notwendig für den Staat, die Gesellschaft und die Stärkung der Demokratie.« Doch mit unzähligen öffentlichen und privaten Sendern dürfte der Medienpluralismus in Israel auch weiterhin gewährleistet sein.

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